Das Ernährungssystem bündelt verschiedene Krisentendenzen wie ein Brennglas (Bujnicki et al. 2020). Während kapitalistische Konzerne profitieren, leiden kleinbäuerliche Betriebe, Konsumierende und die Umwelt. Die Arbeitsbedingungen sind oft schlecht, die Einkommen niedrig. Die vorherrschende Ernährungsweise schädigt Gesundheit und Wohlbefinden.
Auf diese Probleme reagiert eine der wichtigsten transnationalen sozialen Bewegungen der Geschichte, La Vía Campesina (Martínez-Torres & Rosset 2010). Ernährungssouveränität ist das Ziel dieser Bewegung. Die Demokratisierung des Ernährungssystems über den Modus parlamentarischer Wahlen hinaus ist ihre Voraussetzung. Der Erklärung von Nyéléni (2007) zufolge ist Ernährungssouveränität „das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt“ und genauer: „das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen.“ Ernährungssouveränität wird nicht nur als ein Recht, sondern auch als ein Prozess gesehen, nämlich als „eine Strategie des Widerstandes und der Zerschlagung derzeitiger Handels- und Produktionssysteme.“
Ernährungssouveränität drückt sich praktisch einerseits im Kampf für bessere Rahmenbedingungen kleinbäuerlich Produzierender aus. Andererseits beziehen sich auch Akteur*innen aus dem Bereich Alternativer Lebensmittelnetzwerke wie etwa Gemeinschaftsgärten, Food Coops oder Solidarische Landwirtschaften auf das Konzept. Während der erste Strang sich auf die Veränderung von ungleichen Machtverhältnissen konzentriert, bezeichnet der zweite Strang Versuche einer praktischen Transformation des Ernährungssystems. Die beiden Stränge kommen aus verschiedenen sozio-politischen Milieus und verfolgen nicht unbedingt die gleichen Ziele (Holt Giménez & Shattuck 2011). Für eine Strategie der Transformation sollten beide Ansätze enger miteinander verbunden werden. Politischen Druck auf internationale Handelsorganisationen, große Agrarunternehmen und Lebensmittelkonzerne, Investmentfonds (die zum Beispiel Land Grabbing vorantreiben, das kleinbäuerliche Existenzen gefährdet) oder nationale Regierungen auszuüben, die häufig vor allem Großbetriebe unterstützen, ist ebenso notwendig wie die praktische Entwicklung von Alternativen, das heißt demokratischen Organisationsmodellen und Governance-Strukturen.
Wirtschaftsdemokratie im Ernährungssystem
Das Konzept der Wirtschaftsdemokratie kann beide Stränge von Ernährungssouveränität konkretisieren: Eine Demokratisierung wirtschaftlicher Verhältnisse schränkt die Machtposition etablierter Organisationen ein, dazu zählen etwa kapitalistische Konzerne, und restrukturiert zugleich das Ernährungssystem, entwickelt also neue gesellschaftliche Verhältnisse. Im Zentrum steht dabei die organisationale Demokratie: die strukturell abgesicherte Mitbestimmung der Mitglieder bzw. Zielgruppen einer Organisation, wofür sich sowohl innerhalb von La Vía Campesina als auch in vielen alternativen Lebensmittelnetzwerken Ansatzpunkte finden lassen. Eine häufige Rechtsform für organisationale Demokratie ist die Genossenschaft.
Genossenschaften und einzelne ihrer Verbände spielen traditionell eine wichtige Rolle für Ernährungssysteme, etwa für den gemeinsamen Kauf von Produktionsmitteln (Maschinen, Dünger etc.), die kollektive Vermarktung von Agrargütern oder die kollektive Organisation des Konsums, unterstützen jedoch in der Regel das gegenwärtige Ernährungssystem. Unter den Vorzeichen von Diskussionen zu einer Solidarischen Ökonomie haben sich in den letzten Jahren allerdings eine Reihe authentisch demokratischer Genossenschaften und ähnlicher Initiativen entwickelt, die organisationale Demokratie leben (Exner 2021). Dazu zählen Solidarische Landwirtschaften, Mitmach-Supermärkte, Food Coops oder regionale Vermarktungsgenossenschaften. Wesentlich für eine Politik der Ernährungssouveränität ist die solidarökonomische Gestaltung des Zugangs zu Land und Saatgut. Ein Beispiel dafür sind Land Trusts, in denen eine demokratische Organisation Landeigentum absichert und nach sozialen und ökologischen Kriterien verpachtet oder die kollektive Bewirtschaftung selbst übernimmt.
Solche Initiativen gehen zum Teil über die Grenzen ihrer jeweiligen Organisationen hinaus. Damit deuten sie Potenziale wirtschaftsdemokratischer Strukturen an. Diese ergänzen die organisationale Ebene mit dem Aufbau solidarischer Beziehungen zu Stakeholdern, der inter-organisationalen Kooperation sowie Beziehungen zu staatlichen Körperschaften. Ein Versuch der experimentellen Entwicklung neuer Beziehungen zwischen Organisationen, ihren Stakeholdern und staatlichen Körperschaften sind Ernährungsräte. Die Auswirkungen dieser Räte bleiben oft begrenzt. Sie drängen entweder auf radikale Veränderungen, was etablierte, machtvollere Akteur*innen abschreckt oder schreiben sich in bestehende Governance-Strukturen ein, womit sich ihr transformatives Potenzial reduziert (Nunes & Lamine 2025). Dennoch zeigen Ernährungsräte, dass der Aufbau von Beziehungen zwischen Akteur*innen des Ernährungssystems gelingen kann – der erste Schritt für wirtschaftsdemokratische Strukturen.
Historisch gibt es für solche Strukturen weitere Bezugspunkte. So wurde beispielsweise der Milchsektor in Österreich bis 1995 sozialpartnerschaftlich reguliert (Haschka 1996). Preise und Mengen wurden festgesetzt. Zwar wies dieses System Dysfunktionalitäten auf und entspräche nicht mehr den heutigen Ansprüchen an demokratische Verfahren, die Bürger*innen, NGOs und die „Stimmen der Natur“ einbinden müssten. Dennoch zeigt es, dass bei entsprechenden Kräfteverhältnissen, die leistbare Lebensmittel und lebensfähige Agrarbetriebe priorisieren, eine demokratische Steuerung von ökonomischen Prozessen möglich ist. Gerade Lebensmittel sind relativ wenig von kurzfristigen Modetrends betroffen, das heißt die Nachfrage bleibt eher stabil, was eine Planung grundsätzlich erleichtert. Zunehmende Schwankungen der Produktion aufgrund des Neuen Klimaregimes erschweren zwar die Planbarkeit des Angebots, verweisen aber ihrerseits auf die Notwendigkeit demokratischer Planung, die dabei helfen könnte, Lasten gleicher zu verteilen und die Nachfrage anzupassen. Solchen Ansätzen stehen heute freilich nicht nur die übergreifenden marktorientierten und autoritären Kräfteverhältnisse entgegen. Sie würden zudem mit den vorherrschenden Mentalitäten der Wahlfreiheit und der Scheu sich in längerfristigen Beziehungen zu binden, in Konflikt geraten, die wohl auch alternative Milieus teilen.
Ein praktisch näherliegender Ansatz auf einem Weg in Richtung wirtschaftsdemokratischer Strukturen könnte die stärkere materielle Kooperation und Schließung von Energie- und Stoffflüssen zwischen einzelnen Genossenschaften in den unterschiedlichen Teilen des Ernährungssystems sein. So gibt es bislang kaum je Kooperationen auf materieller Ebene zwischen solidarökonomischen Agrarbetrieben, Verarbeitungsunternehmen, der Logistik und der Distribution. Initiativen, die beispielsweise die Wertschöpfung für die Agrarbetriebe durch genossenschaftliche Verarbeitung erhöhen, könnten erste Schritte dahin weisen.
Umverteilung von oben nach unten notwendig
Transformative Praxisinitiativen sind für wirtschaftsdemokratische Ansätze unerlässlich, aber können für sich genommen die übergreifenden Verteilungsrelationen von Einkommen, Kapital und Vermögen nicht verändern. Das wäre jedoch entscheidend wichtig. Denn unter den Bedingungen eines zusehends autoritär-staatsinterventionistischen Ernährungssystems, das die Ungleichheit weiter verschärft, die in der Periode des Neoliberalismus massiv angewachsen ist, müssen Lebensmittel sowohl leistbarer als auch besser bezahlt werden. Die Preise anzuheben, um eine möglichst kleinbäuerliche Landwirtschaft aufrechtzuerhalten und zugleich die Leistbarkeit zu erhöhen, erfordert substanzielle Umverteilungen von Spitzeneinkommen, Vermögen und Kapitalprofiten zu den unteren und mittleren Einkommensgruppen.
Dies würde eine historisch neuartige Allianz von bäuerlich Produzierenden und den Lohnarbeitenden bzw. Gewerkschaften erfordern. Eine solche Allianz ist nicht in Sicht. Sie müsste politisch vor dem Hintergrund einer Vielfachkrise, welche die Parameter von Interessenskämpfen und Entwicklungshorizonten stark verändert, erst erarbeitet werden. Diese Arbeit wäre für Ernährungssouveränität im Kontext sich vertiefender Krisendynamiken wesentlich.
Referenzen
Bujnicki, J., Dykstra, P., Fortunato, E., Grobert, N., Heuer, R.-D., Keskitalo, C., Nurse, P. (2020): Towards a sustainable food system – Moving from food as a commodity to food as more of a common good – Independent expert report, Publications Office, 2020, https://data.europa.eu/doi/10.2777/282386. Report for the European Commission: Group of Chief Scientific Advisors and Directorate-General for Research and Innovation.
Erklärung von Nyéléni (2007): https://nyeleni.org/en/erklarung-von-nyeleni-nyeleni-gemeinde-selingue-mali/
Exner, A. (2021): Ökonomien der Gabe. Frühsozialismus, Katholische Soziallehre und solidarisches Wirtschaften. Wien, Mandelbaum.
Haschka, J. (1996): The Austrian Dairy Industry before and after EU Membership. Acta Agriculturae Slovenica. Suplement?24, 25–29.?https://doi.org/10.14720/aas-s.1996.24.19695
Holt Giménez, E., Shattuck, A. (2011): Food crises, food regimes and food movements: rumblings of reform or tides of transformation??The Journal of Peasant Studies,?38(1), 109-144.
Martínez-Torres, M. E., Rosset, P. M. (2010): La Vía Campesina: the birth and evolution of a transnational social movement. The Journal of Peasant Studies 37 (1), 149–175.
Nunes, K., Lamine, C. (2025): The blooming of local food councils across Europe and the Americas: Insights on an emerging literature and its divides. Journal of Rural Studies 114, 103488.





