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Eine bessere Zukunft ist möglich

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Bericht zur Veranstaltung „Managing without Growth“ im Rahmen der Ringvorlesung „Wohlstand ohne Wachstum“ an der TU Berlin am 18.05.2018

Der Nachhaltigkeitsrat der TU Berlin hatte den kanadischen Wissenschaftler Peter Victor am 18.05.2018 im Rahmen der Ringvorlesung „Wohlstand ohne Wachstum“ zu einem Vortrag über neue Erkenntnisse aus dem Überarbeitungsprozess seines 2008 erschienen Buches Managing without Growth. Slower by Design, not Disaster eingeladen. Der renommierte Ökonom blickt als emeritierter Professor für Umweltforschung an der York University in Toronto, Kanada, auf eine bewegte, knapp fünfzigjährige Karriere, die er der Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Umwelt gewidmet hat, zurück.

Die Grenzen des Wachstums

Peter Victor begann seinen Vortrag mit dem Statement, die Wirtschaftswissenschaften erzählten eine bestimmte Geschichte, in der Fortschritt mit Wirtschaftswachstum, welches uns zu größerem Wohlstand verhelfe, gleichgesetzt werde. Obwohl diese Definition von Fortschritt noch sehr jung sei, habe sich Wachstum zum vorrangigen Politikziel entwickelt. Wie er – neben zahlreichen weiteren Autor*innen – in seinem Buch Managing without Growth. Slower by Design, not Disaster dargelegt hat, sei dieses Wachstum jedoch begrenzt. Zur Begründung zählte Victor drei Aspekte auf:

  1. Langfristiges Wachstum ist auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen und Senken unmöglich.
  2. Wirtschaftswachstum macht nicht glücklich, wie die Entkopplung von Einkommen und Zufriedenheit in den Industrienationen zeigt.
  3. Wirtschaftswachstum ist enttäuschend, da es volkwirtschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit nicht lösen kann.

An diesen Erkenntnissen werde mittlerweile kaum noch gezweifelt, weshalb sich viele Akteure auf die Suche nach einem „anderen“ Wachstum machten, wie das inflationäre Auftreten von Begriffen wie Green Growth, Sustainable Growth oder Clean Growth zeige. Die OCED-Definition von Green Growth kommentierte Victor mit den Worten: „Nice definition – but how do we get there?”, denn bei einer jährlichen Wachstumsrate von 3% sei eine Reduzierung der CO2-Emissionsintensität von 8% notwendig, um die Treibhausgase innerhalb von 35 Jahren um 85% zu senken und somit eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.

Ökologische Makroökonomik als Grundlage für eine alternative wirtschaftliche Zukunft

Vor diesem Hintergrund forderte Peter Victor, dass es an der Zeit sei, eine neue Geschichte zu entwerfen und kam auf sein anfängliches Statement zurück, gemäß dem die Wirtschaftswissenschaften, die die Umwelt in ihren Standardmodellen bisher außer Acht ließen, neu gedacht werden müssten. Die Frage, die ihn bewege, laute: Können wir Vollbeschäftigung, Armutsreduktion und einen ausgeglichenen Staatshaushalt bei gleichzeitiger Verringerung des CO2-Ausstoßes erlangen? Kurz: Können wir die Wirtschaft zu unseren Gunsten lenken, ohne dass sie weiter wachsen muss?

An dieser Stelle zitierte Victor den Nobelpreisträger Richard Solow, der 2008 auf die Frage, ob kapitalistisches Wirtschaften bei geringem oder ausbleibendem Wachstum möglich sei, geantwortet hatte: „It is possible that the United States and Europe will find that […] either continued growth will be too destructive to the environment and they are too dependent on scarce natural resources, or that they would rather use increasing productivity in the form of leisure…”.

Im Folgenden berichtete Peter Victor, dass er sich mit Tim Jackson nach der Veröffentlichung dessen Buches Prosperity without Growth getroffen hatte, um sich auf die Erarbeitung einer ökologischen Makroökonomik, die die Grundlage für eine alternative wirtschaftliche Zukunft bilden soll, zu verständigen. Diese erweitert den ökonomischen Kreislauf zwischen Haushalten und Unternehmen, in dem Arbeit, Land und Kapital sowie Güter und Dienstleistungen ausgetauscht werden, indem dies in einen biophysischen Kreislauf eingebettet wird, aus dem Ressourcen entnommen, Naturdienstleistungen genutzt werden und auf den sich die menschliche Wirtschaftstätigkeit wiederum auswirkt. Damit vereinten sie den Ansatz der ökologischen Ökonomik, welche die Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Umwelt betrachtet, mit moderner Geldtheorie, die von Geld, Kredit und Verschuldung handelt.

Eine bessere Zukunft ist möglich

Auf dieser Grundlage hatten Victor und Jackson das ökologische makroökonomische Modell LowGrow SFC (LowGrow Stock-Flow Consistent Model) entwickelt. In seinem Vortrag erläuterte Victor das Simulationsmodell, mit dem die beiden Ökonomen drei Szenarien für die Entwicklung der kanadischen Wirtschaft bis 2067 gezeichnet hatten. Im Basisfall werden derzeitige Entwicklungen und Beziehungen fortgeschrieben. Im zweiten Fall werden die Treibhausgasemissionen durch eine Bepreisung von Emissionen in der Energieerzeugung, eine Begünstigung von umweltfreundlichen Industrien sowie eine Mobilitätswende deutlich reduziert. Im dritten Fall eines nachhaltigen Wohlstands kommen folgende Maßnahmen hinzu: Umstieg von braunem auf grünes Investment, Umverteilung zur Reduktion von Einkommensungleichheit und Armut, ein niedrigeres Bevölkerungswachstum sowie Arbeitszeitreduzierung. Peter Victor präsentierte das Verhalten von ökonomischen, sozialen und ökologischen Indikatoren in den drei verschiedenen Szenarien, wobei sich zeigte, dass sich Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Ungleichheit, Arbeitszeit und Haushaltsverschuldung in den ersten beiden Fällen relativ ähnlich entwickeln würden. Zwar würde im zweiten Fall die Umweltbelastung sinken, doch nur der Pfad des nachhaltigen Wohlstands, also das dritte Szenario, würde signifikante ökologische und soziale Verbesserungen herbeiführen. Dies schlage sich auch im aggregierten Sustainable Prosperity Index nieder. Gleichzeitig zeigte Peter Victor, dass das dritte Szenario wirtschaftlich durchaus tragbar wäre.

Zur Frage, ob geringes oder ausbleibendes Wirtschaftswachstum mit Kapitalismus vereinbar sei, präsentierte Victor zwei Grafiken, in denen die Entwicklung von Kapitalanteil und Profitrate illustriert waren. Ersteres würde innerhalb von 60 Jahren von knapp 35% auf 30% sinken, wobei der Kapitalanteil in den anderen beiden Szenarien über die Jahre hinweg gesehen recht konstant bleiben würde. Auch die Schrumpfung der Profitrate von 6% auf 4-5% würde moderat ausfallen, während sie in den anderen beiden Szenarien nur leicht ansteigen würde. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse schloss sich Victor dem zweiten Satz von Richard Solows Zitat an: „There is no reason at all why capitalism could not survive with slow or even no growth.”

Seine Schlussworte nutzte Peter Victor, um zu betonen, dass eine bessere Zukunft möglich sei. Es liege nun an uns zu entscheiden, welchen Pfad wir einschlagen werden: Entweder streben wir weiter nach wirtschaftlichem Wachstum, welches uns auf mittlere Sicht eine düstere Zukunft beschere, oder wir betreten den alternativen Pfad des nachhaltigen Wohlstands. Victor müsse jedoch feststellen, dass sich das Window of Opportunity zehn Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe seines Buches verkleinert habe, sodass baldiges Handeln geboten sei.

Wie kann nachhaltiger Wohlstand erlangt werden?

Nach langem Applaus wurde die Runde für Fragen und Diskussionen geöffnet, die sich vor allem darum drehten, wie ein Wandel hin zu einer besseren Zukunft möglich gemacht werden könne. So meldete sich ein Zuhörer mit der Frage nach den Anreizen für Wandel zu Wort, die Peter Victor vor allem in der Bepreisung von Naturverbrauch sowie dem Erzählen von neuen Geschichten sah. Ein weiterer Teilnehmer erkundigte sich nach konkreten Maßnahmen für den Wandel, wobei Victor auf die Notwendigkeit des Zusammenspiels verschiedener Disziplinen, Ansätze und Maßnahmen verwies, die wirtschaftlichen und sozialen Wandel voranbringen könnten. Mich beschäftigte die Frage der Wahrscheinlichkeit der Umsetzung von Maßnahmen wie Regulierungen angesichts von Herrschaftsstrukturen, der Victor damit auswich, er wolle mit seinem Modell Möglichkeiten zur Verbesserung des Systems sichtbar machen. Ob das System, in dem wir im Rahmen des Sustainable Prosperity-Pfads leben würden, immer noch Kapitalismus heiße oder ob wir völlig neue Eigentums- und Produktionsstrukturen vorfinden würden, vermöge er nicht abzusehen.

Nach weiteren Diskussionen, in denen Peter Victor unter anderem betonte, er modelliere nicht Degrowth, sondern eine Stabilisierung unserer Wirtschaftstätigkeit, meldete sich schließlich ein junges Mädchen zu Wort und fragte Victor nach seiner Vorstellung der Beziehung von Menschen zur Natur. Nach einer kurzen Pause des Überlegens antwortete er in einfacher Sprache, er betrachte das derzeitige Verhältnis von Menschen zur Natur, welches sich in unserem Wirtschaften widerspiegele, als ungesund. Dies liege unter anderem daran, dass die Wirtschaftswissenschaften Menschen als unabhängig von Natur verstünden und Natur ausschließlich als zu nutzende Ressourcen definierten. Peter Victor selbst wolle Natur, also alle menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen, als eigene Akteure verstehen und ihre jeweiligen Interessen respektieren.

von

Laura Theuer hat im Sommer 2017 ein Praktikum am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) absolviert, in dessen Rahmen sie sich unter anderem mit der Plattformökonomie beschäftigt hat. Im Anschluss an ihr Bachelorstudium "Volkswirtschaftslehre" an der Universität zu Köln macht sie den Master "Political Economy of European Integration" an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Parallel unterstützt sie das IÖW-Forschungsfeld "Umweltökonomie und Umweltpolitik" als studentische Mitarbeiterin.

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