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Ein Werbungsverbot für Grenoble

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Dieser Beitrag basiert auf einem Blogbeitrag, der im Rahmen des DFG-Projekts „Municipal Transformative Communities for Local Economies Beyond Growth“(MUTUAL) entstanden ist. Es untersucht anhand konkreter Strategien aus Freiburg und Grenoble, wie sich Kommunen von Wachstumsabhängigkeiten lösen können. Auf diesem Blog bereits erschienen sind Beiträge über die 2026 in Freiburg eingeführte Verpackungssteuer sowie über die gemeinwohlorientierte Quartiersentwicklung von „Kleineschholz“.  

Vor bereits mehr als zehn Jahren hat Grenoble es geschafft. Die französische Stadt war eine der ersten, die kommerzielle Werbung aus ihren Straßen verbannte, und damit eine zentrale Postwachstumsstrategie umsetzte. Wie hat sie das geschafft? Und welche Lehren können daraus für die Abkehr von Wachstumsabhängigkeiten für andere Städte gezogen werden? 

Werbung ist in unseren Städten überall. Sie zieht unweigerlich die Aufmerksamkeit auf sich und beeinflusst das Konsumverhalten – unabhängig davon, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Die durch Werbung generierten Einnahmen fließen überwiegend an private Unternehmen und nur selten an die Gemeinden, die die negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen von ressourcenintensivem Konsum tragen. Aktivist*innen kritisieren dabei die wachsende Dominanz transnationaler Konzerne und die grenzenlose Kapitalakkumulation der westlichen Wirtschaftslogik, sowie auch den damit einhergehenden Überkonsum. In diesem Zusammenhang reichen Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit und individueller Verantwortungsübernahme allein nicht aus. Es sind strukturelle Maßnahmen erforderlich, um tief verwurzelte Ungerechtigkeiten zu beseitigen und Konsummuster zu verändern. An dieser Stelle können Werbeverbote ansetzen. Sie gehören zu den üblichen politischen Postwachstumsstrategien und können verschiedene Formen annehmen. Vorschläge reichen von einer besseren Regulierung der Werbung im öffentlichen Raum über die Abschaffung von Steuerabzugsmöglichkeiten bis hin zur Kontrolle der Inhalte (z. B. von ressourcenintensiven Anzeigen wie für Flugreisen oder SUVs) (Fitzpatrick et al., 2022). 

Maßnahmen zur Reduzierung von Werbung sind seit den Anfängen der Postwachstum-Bewegung eine zentrale Forderung – insbesondere im französischen Kontext (Jarrige and Liegey, 2025). Die Abschaffung von Werbung soll zu einem Rückgang von Produktion und Konsum führen, und damit Zeit für sinnvollere Aktivitäten freimachen. Doch nicht nur Aktivist*innen, auch die breitere Gesellschaft spricht sich für ein „Verbot von Werbung für schädliche Güter“ aus, wie eine aktuelle dänische Studie zur Unterstützung von Postwachstumsmaßnahmen belegt (Kongshøj and Hedegaard, 2025). 

Das Beispiel von Grenoble veranschaulicht, wie (Über-)Konsum durch einen institutionalisierten Ansatz bekämpft werden kann. Es zeigt einen pragmatischen Weg zur Umsetzung einer „typischen“ Postwachstumspolitik auf, ohne dabei direkt auf deren theoretische Grundlagen einzugehen. Dieses Beispiel kann einen Beitrag dazu leisten, die bürokratischen Herausforderungen und den schlechten Ruf von Degrowth-Maßnahmen zu entmystifizieren, indem es konkrete Möglichkeiten für institutionelle Veränderungen aufdeckt.  

Der Fall Grenoble 

Im Jahr 2015 wurden im Rahmen einer von der links-grünen Koalition unter Bürgermeister Eric Piolle vorangetriebenen Politik 326 Werbetafeln aus dem öffentlichen Raum entfernt. Das hatte folgenden Hintergrund: Kurz nach seinem Amtsantritt stand der neue Stadtrat von Grenoble vor einer wichtigen Entscheidung. Sein Vertrag mit dem multinationalen Außenwerbeunternehmen JCDecaux lief Ende 2014 aus, und er führte Verhandlungen über eine mögliche Verlängerung. Getreu seinem Wahlversprechen beschloss der Stadtrat schließlich, den Vertrag nicht zu verlängern, und nutzte diese Gelegenheit, um 2.000 m² öffentlicher Fläche von Werbung zu befreien. Daraufhin wurden Werbetafeln durch Bäume, 300 „Freie-Meinungsäußerung“-Tafeln für Bürger*innen sowie nicht-kommerzielle Werbung ersetzt. 

„Freie Meinungsäußerungs“-Tafeln (oben) und von der Stadtverwaltung verwaltete institutionelle Werbung (unten) in den Straßen von Grenoble, © Coline Chardon

Über den symbolischen Akt hinaus, einige Werbetafeln durch Bäume oder Informationstafeln zu ersetzen, stand die politische Dimension des öffentlichen Raums im Mittelpunkt. So erklärt es Gilles Namur, Stadtrat für öffentliche Räume, Mobilität und Biodiversität: „Wir setzen uns dafür ein, den Menschen in Grenoble wieder Luft zum Atmen zu verschaffen, ihnen ihre öffentlichen Räume und den Blick auf die uns umgebenden Berge zurückzugeben, damit diese Räume nicht länger von kommerziellen und konsumorientierten Interessen dominiert werden“ (Grenoble en Commun, 2024). Für die Stadtverwaltung markierte diese Entscheidung den Beginn bedeutender städtebaulicher Verbesserungen, wie die Förderung der Bürgerbeteiligung, die Zuweisung von mehr Raum für die Natur, die Förderung lokaler Unternehmen und den Schutz der jungen Generationen. 

Weitere wichtige Reduzierungsmaßnahmen waren aufgrund einer institutionellen Neuordnung möglich: 2015 wurde die Grenoble Alpes Métropole (großstädtischer Kommunalverband der Region) zur zuständigen Behörde für Planungsdokumente im Zusammenhang mit Werberegelungen – eine Veränderung, die Teil der französischen Dezentralisierungspolitik ist, in der immer mehr kommunale Zuständigkeiten auf die Metropolen übertragen werden. Im Anschluss an die Initiative der Stadt Grenoble zur Bekämpfung der Werbung leitete die Metropole im Jahr 2018 den Prozess zur Schaffung einer lokalen Werbeverordnung ein und entwickelte das „Règlement Local de Publicité intercommunal“ (kurz: RLPi). Das Dokument reguliert Außenwerbung für die 49 Kommunen des Großraums Grenoble, beispielsweise die zulässigen Arten von Werbung, deren Größe und Standort, die Dichte der Schilder sowie Maßnahmen zur Vermeidung von Lichtverschmutzung. 

Chronologie der Reduzierung von Werbung in Grenoble, © Coline Chardon

Öffentliche Anschlagtafel versus Werbetafel an einer Bushaltestelle (oben), Werbung für alkoholische Getränke an einer Straßenbahnhaltestelle (unten), © Coline Chardon. 

Öffentliche Anschlagtafel versus Werbetafel an einer Bushaltestelle (oben), Werbung für alkoholische Getränke an einer Straßenbahnhaltestelle (unten), © Coline Chardon.

Hoffnung und Gegenreaktionen 

Nach dem Auslaufen des Vertrags mit JCDecaux (erste Reduktionswelle) und der Verabschiedung der RLPi (zweite Reduktionswelle) ist Außenwerbung heute auf 90 % des Gebiets von Grenoble verboten (Grenoble en Commun, 2022), und beschränkt sich auf Gewerbe-, Industrie- und stark befahrene ZonenDoch Grenoble ist nicht die einzige Stadt, die Werbeverbote eingeführt hat; mehrere andere Städte, darunter Lyon und Nantes sind diesem Beispiel gefolgt. Jenseits der französischen Grenze hat São Paulo bereits im Jahr 2007 mit der Einführung des „Clean City Law“ den Weg geebnet, indem Außenwerbung als eine Form der „visuellen Verschmutzung“ eingestuft wurde (Mahdawi, 2015). Diesem Beispiel folgend hat Amsterdam kürzlich strengere Kontrollen von Werbeinhalten eingeführt, während Berlin und Hamburg Volksbegehren über ein Verbot durchgeführt haben (El-Ghazi, 2026). Die Bestrebungen, Werbung im öffentlichen Raum einzuschränken, stießen jedoch auf Gegenwind. In mehreren französischen Gemeinden wurden Planungsdokumente aufgrund von Klagen der Werbetreibenden von den Verwaltungsgerichten für ungültig erklärt. In Hamburg scheiterte das Volksbegehren an einer zu geringen Beteiligung. 

Und es gibt weitere rechtliche Grenzen für die Regulierung von Werbung: Aufgrund verfassungsrechtlicher Grundsätze wie Meinungsfreiheit, Gewerbefreiheit und des Rechts auf fairen Wettbewerb kann Werbung nie vollständig verboten, sondern nur eingeschränkt werden. 

Eine finanzielle Belastung für die Kommunen? 

Eines der Hauptargumente gegen die Entfernung von Werbetafeln aus dem öffentlichen Raum ist finanzieller Natur. Ohnehin belastete Kommunen scheuen sich davor, auf eine Einkommensquelle zu verzichten. Im Fall von Grenoble muss dieser finanzielle Verlust jedoch relativiert werden: Nach Angaben der Stadtverwaltung hätte eine Vertragsverlängerung mit JCDecaux ohnehin weitaus geringere Einnahmen gebracht als der vorherige Vertrag. Selbst am oberen Ende der Skala liegt der Verlust deutlich unter 0,5 % des städtischen Haushalts. Dieser Verlust wurde teilweise durch Einsparungen in anderen Bereichen der kommunalen Ausgaben ausgeglichen, darunter eine Kürzung der Aufwandsentschädigungen für gewählte Vertreter*innen sowie geringere Protokollkosten (Bewirtungskosten für offizielle Besuche, Veranstaltungen usw.). 

Für das lokale Verkehrsunternehmen, die SMAGG, sieht die Sache jedoch anders aus: An den Bus- und Straßenbahnhaltestellen sind weiterhin Werbetafeln vorhanden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die SMMAG ihren Vertrag mit JCDecaux bis 2031 verlängert hat, da die Instandhaltung ihrer Verkehrsinfrastruktur stark von Werbeeinnahmen abhängig bleibt. Die Anzahl der Werbetafeln soll jedoch kontinuierlich reduziert werden, während zunehmend Flächen für Kultur, Mobilität sowie den lokalen Handel reserviert werden. Auch die Beleuchtung der Werbefläche soll nachts ausgeschaltet werden, entsprechend den kommunalen und nationalen Energiesparzielen. 

Städte jenseits von Werbeeinnahmen 

Städte sind zentrale Orte für Produktion und Konsum – zu einem erheblichen Teil angetrieben durch Werbekampagnen. Gleichzeitig stellen sie auch vielversprechende Schauplätze für einen nachhaltigen Wandel dar. Das Beispiel Grenoble zeigt einen Weg auf, wie (Über-)Konsum durch kommunale sowie regionale Ansätze verdrängt werden kann, anstatt den Fokus auf das Verhalten oder die Verantwortung von Individuen zu legen. Lokale Behörden können die Aufstellung von Werbetafeln in bestimmten Gebieten einschränken, die Größe der Anzeigen reduzieren, deren Inhalt kontrollieren, die nächtliche Beleuchtung regulieren oder Verträge mit Werbeunternehmen wie JCDecaux kündigen. 

Es ist für Städte schlichtweg nicht nachhaltig, sich für die Finanzierung und Instandhaltung der lokalen öffentlichen Infrastruktur auf eine Einnahmequelle zu stützen, die an Gewinne gebunden ist, welche wiederum von kontinuierlichem Wirtschaftswachstum abhängen. Die Entscheidung, Haushalte anders auszugleichen und Prioritäten neu zu definieren, liegt dabei in der Hand von kommunalen Akteuren. 

Literatur

El-Ghazi F (2026) Werbung als Katalysator der Wachstumskrise. In: Postwachstum.de. Available at: https://www.postwachstum.de/werbung-als-katalysator-der-wachstumskrise-20260317 (accessed 2 July 2026). 

Fitzpatrick N, Parrique T and Cosme I (2022) Exploring degrowth policy proposals: A systematic mapping with thematic synthesis. Journal of Cleaner Production 365: 132764. 

Grenoble en Commun (2022) 90% du territoire sans publicité à Grenoble avec le RLPi. In: Grenoble en commun. Available at: https://www.grenobleencommun.fr/90-du-territoire-sans-publicite-a-grenoble-avec-le-rlpi/ (accessed 9 November 2025). 

Grenoble en Commun (2024) 3 questions sur la fin de la pub en ville à Grenoble. In: Grenoble en commun. Available at: https://www.grenobleencommun.fr/3-questions-sur-la-fin-de-la-pub-en-ville-a-grenoble/ (accessed 9 November 2025). 

Jarrige F and Liegey V (2025) The French origins and pillars of degrowth. In: Routledge Handbook of Degrowth. London: Routledge. 

Kongshøj K and Hedegaard TF (2025) Limits to degrowth? Exploring patterns of support for and resistance against degrowth policies. Ecological Economics 237: 108699. 

Mahdawi A (2015) Can cities kick ads? Inside the global movement to ban urban billboards. The Guardian, 12 August. Available at: https://www.theguardian.com/cities/2015/aug/11/can-cities-kick-ads-ban-urban-billboards (accessed 5 December 2026). 

Parrique T (2022) Ralentir Ou Périr. L’économie de La Décroissance. Seuil Editions. 

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Coline Chardon ist Doktorandin am Lehrstuhl für Geographie des Globalen Wandels an der Universität Freiburg. Sie interessiert sich für die Postwachstumsstadt und forscht in Grenoble über kommunale Handlungsspielräume, die soziale Gerechtigkeit und ökologischer Wandel voranbringen.

Imina Hecht studiert an der Universität Freiburg im Master Geographie des Globalen Wandels. Sie arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft in einem Forschungsprojekt, das untersucht, wie sich Kommunen von Wachstumsabhängigkeiten lösen können.

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Benedikt Schmid promovierte in der Geographie an der Universität Luxembourg und ist derzeit akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geographie des Globalen Wandels an der Universität Freiburg. In seiner Forschung untersucht er die Rolle zivilgesellschaftlicher Initiativen und sozialökologischer Unternehmen in Transformationsprozessen hin zu nachhaltigen und wachstumsunabhängigen Wirtschaftsformen.

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