Rezensionen

Ein Plädoyer gegen das Neubauen

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Mehr Neubauten als nötig

Das Buch ‚Verbietet das Bauen!‘, welches in diesem Jahr neu aufgelegt und erweitert wurde, enthält vielfache zahlenbasierte Fakten und Argumente gegen Neubau. Abgesehen von den umweltbezogenen Negativfolgen des Bauens erläutert der Autor auch und vor allem, weshalb Neubau nicht so sozial ist wie er zu sein scheint. Häufig wird Neubau mit Argumenten begründet, welche sich auf Wohnungsmangel vor allem in beliebten Städten beziehen. Dieser müsse behoben werden. Fuhrhop zeigt allerdings auf, dass zum einen der Wohnungsmangel häufig gar nicht so akut ist, wie er zu sein scheint. Selbst in beliebten Städten stehen zahlreiche Wohnungen leer. Auch Bürogebäude oder sonstige Immobilien seien landesweit leerstehend, die (zum Teil umgebaut) als Wohnraum dienen könnten. Ein Problem bei der Erfassung solcher Potentiale besteht allerdings darin, dass die meisten Gemeinden in Deutschland Leerstand nicht oder nur unzureichend erfassen.

Zum anderen bewohnen die Deutschen pro Kopf immer größere Flächen, teils bedingt durch die zunehmende Anzahl an Singles, welche allein ganze Wohnungen belegen und damit verhältnismäßig mehr Platz verbrauchen. Dies ist nur einer der Gründe, weshalb in Deutschland trotz weitgehend stagnierender Einwohnerzahlen fleißig immer weiter gebaut wird. Zudem wetteifern die Städte um die Ansiedlung neuer Unternehmen und Einwohner/innen, sodass die Platznot in beliebten Orten zunimmt, während anderswo der Leerstand immer dramatischer wird. Auch für Ortschaften gilt gewissermaßen das Motto „Wachse oder weiche“, welches im Rahmen der Postwachstumsdebatte in Frage gestellt wird.

Zahlreiche Lösungsansätze

Der Autor erläutert nicht nur diese und zahlreiche weitere Gründe, die für überflüssige Neubauten sorgen, sondern zeigt anhand vieler Beispiele auf, wie diese überflüssig gemacht werden können. Manche Vorschläge wie die stärkere Nutzung aller möglichen Arten von Wohngemeinschaften wie das ‚Mehr-Generationen-Wohnen‘ oder ‚Wohnen für Hilfe‘ sind leicht verständlich und wohl höchstens für wenige überraschend. Auch das Teilen von Schreibtischen beim Arbeitgeber oder die Nutzung von Co-Working Räumen ist vielen geläufig. Diese arbeitsplatzbezogene Entwicklung wird durch Corona nun gegebenenfalls sogar beschleunigt. Die Effekte der Pandemie konnten in dem im Mai erschienenen Buch noch nicht mit analysiert werden. Vielleicht wird es jedoch in einiger Zeit nochmal eine Neuauflage geben oder der Autor geht auf seinem Blog auf bisherige pandemiebedingte Veränderungen ein.

Andere Werkzeuge wie die Umbenennung von Ortschaften mit schlechtem Image, zum Beispiel durch Verlegung der Gemeindegrenze, waren für mich neue Ideen. Diesbezüglich gibt es bisher scheinbar noch keinen Präzedenzfall. Der Autor schlägt beispielsweise die Umbenennung von Duisburg in Düsseldorf-Nord vor (S. 163 bzw. S. 190, Werkzeug 40). Auch der Vorschlag des Anti-Marketings – bei dem die negativen Aspekte einer Stadt hervorgehoben werden – oder des Nicht-Marketings für beliebte Städte wie München sind vermutlich allgemein kontroverser.

Für ein Umbauprojekt eines ganzen Stadtviertels werden die Zahlen der betreuenden Wohnungsbaugesellschaft präsentiert: Insgesamt ist der Umbau weniger primärenergieintensiv als ein Neubau, selbst wenn dieser als Passivhaus gebaut wird. Dazu ist eine solche Modernisierung auch deutlich günstiger. Unter anderem müssen die Kosten für den Abriss des Altbaus einbezogen werden, welcher dem Neubau weichen muss. Natürlich gelten die vorgelegten Zahlen für ein spezifisches Projekt, aber wenn solche umfassenden Kalkulationen systematisch bei der Entscheidung zwischen Um- und Neubau aufgestellt würden, käme es vielleicht häufiger zum Umbau als dies bisher der Fall ist.

100 Werkzeuge in der Umsetzung

Daniel Fuhrhop gibt zu jedem seiner vorgeschlagenen Werkzeuge Beispiele zu deren bisheriger Umsetzung an, sofern diese bereits existieren.  Viele der Maßnahmen klingen sinnvoll auch für ein gemeinschaftlicheres Verhalten, egal wie man den Titel bzw. die Kernaussage des Buches bewertet. Korrekter müsste der Titel eigentlich ‚Verbietet das Neubauen!‘ heißen, da Sanierungen und zum Teil auch Aufstockungen anstelle des Neubauens befürwortet werden. Der Autor spricht sich auch gegen vermeintlich ökologische Neubauten aus, da diese genauso wenig nötig und ebenfalls sehr energie- und ressourcenintensiv seien. Allerdings sei die Suche nach nachhaltigeren Baustoffen und Sanierungsmethoden sowie eine bessere Wiederverwertung der Materialien durchaus sinnvoll.

Es wird sich zeigen, ob Politiker/innen die vorgeschlagenen Werkzeuge in der Zukunft zumindest teilweise stärker zur Anwendung bringen werden, um der Wohnungsnot zu begegnen oder ob immer mehr Flächen für neue Bauten versiegelt werden. Uwe Schneidewind, welcher das Vorwort zur Erstauflage des Buches verfasst hat, ist inzwischen zum Oberbürgermeister in Wuppertal gewählt worden. Es ist spannend zu beobachten, ob er dort zum Beispiel mit den vorgestellten Werkzeugen arbeiten wird. Insgesamt passt das Buch gut zum Postwachstumsdiskurs, weil die Grundmotivationen und Schlussfolgerungen in die entsprechende Richtung gehen. Von daher sei das Buch allen, die sich mit der Thematik auseinandersetzen oder irgendeinen Einfluss aufs Bauen haben, empfohlen. Aber auch für alle anderen sind spannende Anregungen für alternative Wohnformen enthalten.

 

Daniel Fuhrhop (2020): Verbietet das Bauen! – Streitschrift gegen Spekulation, Abriss und Flächenfraß. München: oekom verlag.

 

von

Cathérine Lehmann studierte International Sustainability Management im Master an der ESCP Berlin/Paris und absolvierte zum Abschluss ihres Studiums ein Praktikum am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Themenbereich Postwachstum. Zuvor hat sie bereits ihre Masterarbeit in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt zum Thema Postwachstum verfasst. Nun arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt der TU Berlin zu Nachhaltigem Konsum. Sie ist politisch und zivilgesellschaftlich aktiv, unter anderem im Vorstand des Klimaschutzvereins „3 fürs Klima e.V.“. Sie bloggt auch in ihrer Freizeit über nachhaltiges Leben und aktuelle Themen zur Nachhaltigkeit: https://cathagoessustainable.wordpress.com.

2 Kommentare

  1. Pingback: A plea against new construction – Catha goes sustainable

  2. Es werden zum Teil gut bewohnbare Häuser abgerissen. Es entstehen dann oft neue Siedlungen, die sehr teuer sind – mit viel zu großen Wohnungen. Es wird oft am Bedarf vorbei gebaut, das ist eine gigantische Ressourcenverschwendung. Zudem werden dem Markt bezahlbare Wohnungen entzogen und als pseudo „Hotels“ umfunktioniert.

    Das Luxussegment mit 400 qm Penthouse ist besonders nachhaltig. Die Wohnungen stehen teils 10 Monate leer. Es geht seit ca. 20 Jahren nicht mehr nur ums Wohnen – es ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Peak everything! Cash is king!!!

    Zu dem Thema gibt es auch gute Dokus auf ZDF und 3sat mit: Geld versetzt Berge!

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