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Die zwei Seiten der geplanten Obsoleszenz

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Ausgehend vom Anfang des 20. Jahrhunderts reden wir bei der ‚geplanten Obsoleszenz‘ von einem Phänomen, welches seit über 80 Jahren thematisiert wird [1]. Das Konzept ist heute wie damals ein Sammelbecken für allerlei Mutmaßungen, Vereinfachungen, subjektive Ansichten und anekdotische Erklärungen, wodurch dem Begriff zwangläufig häufig ein populärwissenschaftlicher Charakter anhaftet. Dennoch hat uns das Gerede um den vorzeitigen Verschleiß in den letzten Jahren auch viele Einsichten gebracht, schließlich ist das Thema der Produktlebensdauer und Haltbarkeit in der Politik und Normung angekommen.

Einseitige Definition von geplanter Obsoleszenz

Einige durchaus anerkannte Experten [2][3] und Wikipedia arbeiten heute jedoch immer noch mit einer einseitigen Arbeitsdefinition von geplanter Obsoleszenz, bei der explizit davon ausgegangen wird, dass die Planung von Obsoleszenzen immer auf eine systematische Verkürzung der Produktlebensdauer abzielt. Proaktive Strategien zur Lebensdauerverlängerung im Sinne einer Verzögerung von Obsoleszenzen werden hierdurch schon per Definition ausgeschlossen. Analytisch macht das keinen Sinn, denn geplante Wartungszyklen, Ersatzteilbevorratung, Modularität, Upgradeability oder ein reparaturfreundliches Design sind allesamt Maßnahmen zur Verzögerung von Obsoleszenzen. Konsequent zu Ende gedacht ist die Planung von Obsoleszenzen sogar eine der wichtigsten Grundlagen zur Ermöglichung langer Produktlebensdauern. In einem konstruktiven Verständnis bewirkt die ‚geplante Obsoleszenz‘ beides: eine Verkürzung oder Verlängerung der Produktlebensdauer. Jede unternehmerische Entscheidung über die Bereitstellung von Ersatzteilen, Sicherstellung von Software-Support oder Gewährleistung von Nachrüstbarkeit ist eine Form der geplanten Obsoleszenz und trägt daher auch durchaus positive Züge. Auf die Doppeldeutigkeit des Begriffs wurde bereits in der UBA Studie aus dem Jahr 2016 dezent hingewiesen [4] und reicht zurück bis auf eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen aus dem Jahr 1976 [5], dies wird jedoch von vielen Seiten leider immer noch ignoriert.

Trennschärfe – ja bitte!

Es verwundert daher auch kaum, dass sich die Debatte wie eine Sackgasse anfühlt und Kritiker eine größere Trennschärfe einfordern. Die Vorstellung der geplanten Obsoleszenz als eine Verkürzung von Produktlebensdauern hat sich dennoch manifestiert oder aber die meisten Experten setzen bei ihren Empfängern einfach voraus, dass eben nur diese Spielart zur Diskussion steht.

Die einseitige Konnotation erzeugt Widersprüche: Zum einen wünschen sich Politik und Verbraucherschutz am liebsten längere Lebensdauern und Haltbarkeit, gleichzeitig soll die geplante Obsoleszenz aber vermieden werden. Dabei muss der Hersteller im Vorfeld hinreichend genau bestimmen, wann mit welchen Obsoleszenzen am Produkt zu rechnen ist, um überhaupt irgendeine Lebensdauererwartung zu formulieren.

Vorteile der geplanten Obsoleszenz

Fragen wie: „Gibt es die geplante Obsoleszenz wirklich?“, lassen sich eindeutig beantworten. Ja, es gibt die geplante Obsoleszenz, denn jeder Hersteller hat bestimmte Erwartungen an die Lebensdauer seiner Produkte und kann daher im Vorfeld mehr oder weniger genaue Obsoleszenzfaktoren bestimmen. Je komplexer die Produkte werden, sei es z.B. durch Software, zunehmende Leistungsdichte bei gleichzeitiger Miniaturisierung oder geringere Fertigungstiefe, desto anspruchsvoller wird auch die Planung von Obsoleszenzen. Explodierende Samsung Galaxy Note 7 Smartphones zeigen uns auf eindrucksvolle Weise, dass selbst multinationale Konzerne ihre Obsoleszenzplanung nicht immer im Griff haben [6]. Sogar Fairphone musste nach 3,5 Jahren den vorzeitigen Supportstop für sein Fairphone 1 verkünden, weil die Ersatzteilbevorratung schlicht zu unwirtschaftlich geworden war bzw. viele Komponenten bereits von den Lieferanten abgekündigt wurden [7].

Die Kritik an der vorzeitigen Obsoleszenz hat ihre Berechtigung, sie darf nur nicht unseren Blick dafür trüben, dass die Planung von Obsoleszenzen im Kern eine logische Voraussetzung für die Realisierung von längeren Lebensdauern und mehr Haltbarkeit ist. Es wird Zeit sich von der antiquierten Vorstellung von geplanter Obsoleszenz als einseitiges Geschäft zu verabschieden. Je eher wir anfangen, die Entscheidungs- und Konstruktionsprozesse hinsichtlich der Obsoleszenzfaktoren in den Unternehmen zu verstehen, desto eher werden wir wirkungsvolle Strategien für die Ressourcenschonung entwickeln.

 

 

Literatur:

[1] Ausgehend von der Arbeit von Bernard London im Jahr 1932: London, B. (1932): Ending the Depression through Planned Obsolescence, 1932.

[2] Im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit vereinfacht die grammatikalisch männliche Form verwendet, gemeint sind immer Personen jeden Geschlechts.

[3] Hierzu zählen u.a. Arbeiten von Jeremy Bulow, Kamila Pope, Christian Kreiß, Stefan Schridde

[4] Siehe: Prakash et al.: Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung: Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen „Obsoleszenz“, Umweltbundesamt Texte 11/2016, S.60.

[5] Burkhard Röper wurde 1974 von einer Kommission beauftragt der Frage nachzugehen, ob es geplanten Verschleiß gibt. Er unterscheidet dabei zwischen geplantem Verschleiß Typ A (positiv) und B (negativ). Siehe: Röper, B. (1976). Gibt es geplanten Verschleiß? Untersuchungen zur Obsoleszenzthese, Schriften der Kommission für Wirtschaftlichen und Sozialen Wandel, Göttingen.

[6] https://www.welt.de/wirtschaft/article161414513/Darum-explodierte-das-Samsung-Galaxy-Note-7.html

[7] https://www.fairphone.com/de/2017/07/20/why-we-had-to-stop-supporting-the-fairphone-1/

 

Beitragsbild: kirill_makarov © www.fotolia.de (https://de.fotolia.com/id/79286700)

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