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Die Volkswirtschaftslehre muss sich ändern: ein offener Brief

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Die Wachstumsgesellschaft ist in der Krise und mit ihr die ökonomischen Grundlagen. Jahrzehntelanger Glaube an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes, blindes Vertrauen in das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, mangelnde Selbstreflexion und fehlende Methoden- und Theorienvielfalt haben nicht nur die Volkswirtschaftslehre (VWL) in eine Sackgasse geführt: die Einseitigkeit ökonomischen Denkens trägt auch zur anhaltenden (Wirtschafts)Krise und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit bei. Wie soll sich beispielsweise eine Postwachstumsgesellschaft überhaupt entfalten, wenn Jahr für Jahr Millionen von Studierenden das Wachstumsdogma gepredigt bekommen, statt bereits in der Einführungsveranstaltung über die Grenzen des Wachstums aufgeklärt zu werden?

Studierende und Lehrende der VWL rufen nun in einem offenen Brief an den Verein für Socialpolitik (VfS) – der Standesorganisation deutschsprachiger ÖkonomInnen – dazu auf, die Volkswirtschaftslehre neu zu gestalten –  unter pluralistischen Vorzeichen. Es soll wieder Raum entstehen für kritisches und selbständiges Denken. Studierende sollen Wirtschaft vor dem Hintergrund unterschiedlicher Methoden und Theorien verstehen und reflektieren können, eine notwendige Bedingung für Wege aus der Krise. Im Vordergrund der Forderungen stehen die Veränderung der Forschung und Lehre sowie die Praxis der Lehrstuhlbesetzung.

Inspiriert durch Harvard Studierende und die mittlerweile globale Bewegung revoltierender ÖkonomInnen, trafen sich Anfang Januar 2012 in Heidelberg Studierende und AbsolventInnen der VWL. Gemein war Ihnen die Motivation, die VWL zu verändern; eine Erkenntnis, die sich außerhalb der VWL bereits durchzusetzen scheint (vgl.: Memorandum 2012 oder Pressespiegel des AK Real World Economics.) Das Ergebnis: 13 Hochschulgruppen als InitiatorInnen des Briefes, 64 ProfessorInnen als ErstunterzeichnerInnen und bisher über 600 ZweitunterzeichnerInnen.

Der offene Briefe wurde in Göttingen auf der „Ersten Pluralistische Ergänzungsveranstaltung zur Jahrestagung des VfS“ (Videomitschnitte hier) vorgestellt. Einerseits gab es ein positives Echo in der Presse, die Reaktion des VfS aber ist bisher, positiv formuliert, recht verhalten. Interviews (z.B in der taz) mit dem derzeitigen Vorsitzenden des Vereins machen deutlich, dass die Kritik in Teilen der Zunft eher auf Unverständnis stößt. Eine Antwort auf den Brief und die gewünschte Weiterleitung an alle Mitglieder des VfS steht jedenfalls noch aus. Dennoch, eine gewisse Gesprächsbereitschaft wurde im Zuge der „Ergänzungsveranstaltung“ signalisiert, hier gilt es in den kommenden Monaten dran zu bleiben.

Fazit: Die VWL ist im Umbruch. Es wird zwar noch ein paar Jahre dauern, bis sich eine alternative Ausbildung etablieren kann, doch aufgehalten werden kann diese Veränderung angesichts des Versagens der gängigen Theorien bei gleichzeitiger Zunahme des Protestes wohl nicht. Übrigens: der Brief kann noch unterzeichnet werden

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