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Die Vier-in-Einem-Perspektive – Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist

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Dies ist ein Politikvorschlag an die neue Linke. Es geht dabei um Gerechtigkeit bei der Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen. Lange Zeit wurden politische Projekte in diesen vier Bereichen getrennt verfolgt. Funktion der Verknüpfung ist es, einen Kompass zu liefern, der für die unterschiedlichen Projekte auf einen Zusammenhang orientiert und in dieser Bündelung wahrhaft kritisch, ja revolutionär ist, während jedes für sich genommen langfristig reaktionär wird, weil es den Herrschaftsknoten nicht angreift, der das Ganze zusammenhält.

Dabei wird davon ausgegangen, dass wir nicht zuwenig Arbeit haben, wie dies offiziell politisch verkündet wird und praktisch auch als Arbeitslosigkeit von so vielen gelebt wird, sondern dass wir umgekehrt in Arbeit geradezu ersticken. Der Schein von zu wenig Arbeit verdankt sich der offiziellen Nichtwahrnehmung der meisten notwendigen Tätigkeiten in der Gesellschaft, weil sie keinen Profit bringen.

Dazu gehören zum einen fast alle Arbeiten, die zwischenmenschlich geschehen und die wir als Reproduktionsarbeit zu bezeichnen pflegen. Diese werden meist unentgeltlich und von Frauen getan. Sie betreffen alle Fragen, wie wir miteinander umgehen, mit Kindern, mit Alten, mit Kranken, mit Freunden und geliebten Personen usw. Dazu gehören auch die natürlichen Bedingungen unseres Lebens, kurz die Fragen der Ökologie, nachhaltigen Wirtschaftens. Hinzu kommen zweitens alle Tätigkeiten, die wir zur Entwicklung unserer menschlichen Fähigkeiten benötigen. Darin ist lebenslanges Lernen ebenso eingeschlossen, wie die Entwicklung aller Sinne und der Kultur. Schließlich geht es um uns politische Wesen, darum, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen und müssen.

Wenn wir die vier Bereiche in etwa zu gleichen Teilen in unser tätiges Leben denken, kommt ein etwa 16-stündiger Arbeitstag heraus. Dies aber nur dann, wenn wir die so genannte Erwerbsarbeit rigoros auf 4 Stunden verkürzen. Perspektivisch erledigen sich auf diese Weise Probleme von Arbeitslosigkeit (wir haben dann weniger Menschen als Arbeitsplätze) mitsamt Prekariat und Leiharbeit – so gesprochen gehen alle einer Teilzeitarbeit nach, bzw. der Begriff hat aufgehört, etwas sinnvoll zu bezeichnen, und wir können uns konzentrieren auf die Qualität der Arbeit, ihre Angemessenheit an die menschliche Verausgabung ihrer Fähigkeiten.

Es versteht sich von selbst, dass alle einzelnen über ein ausreichendes Einkommen zum Leben verfügen und dass sie ebenso in jedem der vier Bereiche sich betätigen: in der Erwerbsarbeit, in der Sorgearbeit um sich und andere, in der Entfaltung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten, schließlich im politisch-gesellschaftlichen Engagement. Alternativ kann man dies auch so ausdrücken, dass jeder Mensch in die Lage versetzt wird, sein Leben so einzurichten, dass er oder sie je vier Stunden in jedem dieser Bereiche pro Tag verbringt.

Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung der vier Bereiche. Keiner sollte ohne die anderen verfolgt werden, was eine Politik und zugleich eine Lebensgestaltung anzielt, die zu leben umfassend wäre, lebendig, sinnvoll, eingreifend und lustvoll genießend. Dies ist kein Nahziel, nicht heute und hier durchsetzbar, doch kann es als Kompass dienen für die Bestimmung von Nahzielen in der Politik, als Maßstab für unsere Forderungen, als Basis unserer Kritik, als Hoffnung, als konkrete Utopie, die alle Menschen einbezieht und in der endlich die Entwicklung jedes einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung aller werden kann.

von

Sie ist em. Professorin für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, Vorsitzende des Instituts für kritische Theorie (InkriT) und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac. Zudem ist sie Mitherausgeberin der Zeitschrift "Das Argument" und des "Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus". Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören: Arbeit, Frauenpolitik und Frauenvergesellschaftung, Lernen und sozialwissenschaftliche Methoden.

2 Kommentare

  1. Das ist ein sehr interessantes Konzept, das mir auch nicht ganz unbekannt ist.
    Etwas stört mich die Formulierung: „Es versteht sich von selbst, dass alle einzelnen über ein ausreichendes Einkommen zum Leben verfügen…“.
    Wo versteht sich das von selbst?
    Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Lebenslanges Lernen werden auch mit diesem Konzept wenig bis kein Einkommen einbringen. Wie soll das „ausreichende Einkommen“ mit einer 20-Stunden-Woche in der Erwerbsarbeit realisiert werden?

  2. Frigga Haug sagt am 18. September 2011

    Lieber Leser

    Die laxe Formulierung kommt aus langen Debatten mit Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich teile den Gedanken, darauf zu bestehen, dass jeder Mensch ein Recht auf grundgesicherte Existenz hat. Aber ich stoße mich daran, dass es „bedingungslos“ sein soll. Nicht, dass ich Schnüffeleien im Privatleben von staatlicher Seite das Wort reden will. Ich möchte, dass ein jeder ein Grundeinkommen hat, damit er oder sie sich politisch betätigen kann. Es gibt ein „um zu“. So ist mir das „bedingungslose Grundeinkommen“ zu bescheiden. Ich möchte das Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz, auf politische Einmischung, die anderen zwei Bereiche, die in 4in1 angesprochen sind. Dann aber auch lässt sich der Ausdruck auch umkehren. Ist es eigentlich „selbstverständlich in unserer Gesellschaft, dass einige Millionen verdienen, während andere um 10 Euro ringen müssen usw. ? Was ist eigentlich in unserer Gesellschaft das Selbstverständliche, an das wir uns gewöhnen sollen? So steckt im „selbstverständlich“ auch ein Zorn, wie er bei Rosa Luxemburg aufkommt: Das einzig wirksame Mittel gegen „Ausbrüche des lumpenproletarischen Unwesens“ (darunter fasst sie auch die Korruption von Gewerkschaftsführern) seien „radikale Maßnahmen politischer und sozialer Natur, rascheste Umwandlung der sozialen Garantien des Lebens der Masse und – Entfachung des revolutionären Idealismus, der sich nur in uneingeschränkter politischer Freiheit durch intensives aktives Leben der Massen auf die Dauer erhalten lässt“ (Rosa Luxemburg Gesammelte Werke, Band 4, Seite 360f, Fn. 1).
    Die Anschlussfrage: wie soll man seine Existenz sichern, wenn man nur 20 Stunden ins Erwerbsleben steckt, geht von einer Gesellschaft aus, die tatsächlich den erwirtschafteten Reichtum gerecht verteilt bislang und dafür 40 Stunden Erwerbsarbeit von – zugegeben immer weniger Menschen – braucht. Da ist ja sehr viel im Argen und 20 Stunden erwerbsarbeit auf alle umgerechnet sind ja beim Stand der Produktivkräfte noch zu viel. – Seit 30 Jahren sinken die Reallöhne und die Gewinne steigen unermesslich – wäre da nicht woanders anzusetzen?

    Frigga Haug

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