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Die Revolution der Sorgearbeit

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Fürsorge und tragende soziale Beziehungen machen uns Menschen stark. Gewährleistet werden sie durch die tägliche Sorgearbeit von Eltern, Verwandten und Freund*innen, Alleinerziehenden, Erzieher*innen und Lehrer*innen, in Pflege und Sozialarbeit. Care-Arbeit macht zwei Drittel aller Arbeitsstunden aus, wird hauptsächlich von Frauen* erbracht und ist typischerweise schlecht vergütet oder unentlohnt.

Das Wachstumsdogma des Kapitalismus verlangt billig verfügbare Arbeitskraft, auch in der Sorgearbeit, sowie unerschöpfliche, billige Rohstoffe. Die überbordende Güterproduktion erzeugt so große Mengen klimarelevanter Treibhausgase, dass das EU-Parlament 2019 den Klimanotstand ausrufen musste. Dabei wissen wir genau, was zu tun wäre, denn die wesentlichen Klimafakten sind seit 30 Jahren bekannt. Das Wachstum von Wirtschaft und Konsum weit über die planetaren Grenzen hinaus zerstört weltweit die Ökosysteme.

Der neue Band „Solidarische Care-Ökonomie“ der Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker, Mitgründerin des Netzwerks Care Revolution, führt beide Krisen zusammen: die Krise sozialer Reproduktion mit der Krise ökologischer Reproduktion. Denn Pflegenotstand und Klimakrise speisen sich aus denselben Un-Wertvorstellungen und Wirkmustern, mit denselben Risiken und Nebenwirkungen. Der kapitalistische Verwertungsprozess bedient sich sowohl der Natur als auch der zumeist von Frauen* geleisteten Sorgearbeit, beide scheinen als unerschöpfliche Billigressourcen „von Natur aus“ zur Verfügung zu stehen. Die Autorin spannt einen weiten Bogen: von neoliberaler Kostensenkungspolitik über Kipppunkte des Klimasystems zur Verquickung beider Krisen bis hin zur Bandbreite solidarischen Wirtschaftens in der Praxis. Überaus faktenreich, dicht, eindringlich und leidenschaftlich nennt sie die Bezüge im neoliberalen Kapitalismus beim Namen.

„Diese Analyse macht zunächst hilflos“, schreibt Gabriele Winker. Ja. Bis wir beginnen, mit ihr über den Buchrand hinaus in die Zukunft zu blinzeln: Was wäre, wenn ausreichend Zeit für die Aufgaben in Haushalt, Erziehung und Pflege zur Verfügung stünde? Was wäre, wenn auch diejenige, die viele Jahre umfassend für andere gesorgt hat, im Alter ein gutes Auskommen hätte? Was wäre, wenn Wohnungswesen und öffentliche Daseinsfürsorge dem Markt entzogen wären? Wie sähe eine bedürfnis- statt marktgesteuerte Güterproduktion aus? Wie viel Kreativität, Partizipation und politisches wie zivilgesellschaftliches Engagement wären mit Grundsicherung und bei deutlich reduzierter Erwerbsarbeitszeit möglich! Es sind Perspektiven, die Mut machen – und der Text macht Lust anzupacken. Das ist gut so, denn die Überlastung von Mensch und Planet spitzt sich rapide zu.

Stringent fließt im Konzept der Care Revolution zusammen, was zusammen gehört. Gabriele Winker zielt auf neu auszuhandelnde Regelwerke jenseits der Grenzen von Markt- und Profitlogik und auf Empowerment über die eigene Blase hinaus. Sie appelliert an den Schulterschluss von Klima- und Care-Bewegung mit weiteren sozialen Bewegungen. Alle, die sich offen und ökofeministisch in Care-Arbeit, in Nachhaltigkeits-, Klima- und Gerechtigkeitsinitiativen für Wohlergehen statt Wohlstand engagieren, können dabei an Kraft und Sichtbarkeit nur gewinnen. Im Fokus steht die Vision einer solidarischen Gesellschaft mit gelingenden Sorgebeziehungen und intakten Ökosystemen, die Regeneration und Wertschätzung über Wertschöpfung stellt. Dem Leben wieder gerecht werden, das ist der Auftrag an uns alle.

 

Gabriele Winker (2021): Solidarische Care-Ökonomie. Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima. Bielefeld: Transcript Verlag.

 

Diese Rezension ist im September 2021 zunächst in der ÖkologischesWirtschaftenAusgabe 36/3 – erschienen.

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