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Der erste große Tag der ‚Great Transformation‘

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Pünktlich um 09 Uhr am Dienstagmorgen startet der erste lange Konferenztag in Jena mit James K. Galbraiths Keynote „Inequality and the end of normal“. Parallel dazu referiert Joan Tronto über „The Future of Caring Democracies.” Die erste von mehreren schwierigen Entscheidungen zwischen vielen vielversprechenden Veranstaltungen. Galbraith greift also das Thema Ungleichheit, über das Branko Milanovic am Eröffnungstag referiert hat, wieder auf. Er erläutert, wie die zwei von ihm identifizierten großen Gefahrenszenarien eines globalen Atomkrieges und der Erderwärmung mit seiner Forschung zur Finanzkrise und Ungleichheit zusammenhängen. Dabei kommt er zu dem Fazit, dass wir auf einem falschen Pfad sind und mehr Wachstum nicht unbedingt hilfreich ist („Wenn der Motor deines Autos kaputt ist, bringt es nichts, mehr Sprit in den Tank zu schütten“).

Einer kurzen Pause folgt dann um 10.30 Uhr die Wahl zwischen sechs Plenarveranstaltungen der DFG-Kollegforscher_innengruppe Postwachstumsgesellschaften und sieben Veranstaltungen der Foren Felder der Transformation und Konturen von Postwachstumsgesellschaften. Die Veranstaltung „Subjektivitäten und/ohne Wachstum“ von den Kollegforschern Stephan Lessenich und Dennis Eversberg mit Kommentierungen von Susanne Draheim, Stefanie Hürtgen und Harald Welzer und anschließender Diskussion wird moderiert von Emma Dowling. Zum Thema der Sitzung stellen Lessenich und Eversberg Teile ihrer Arbeit im Forschungskolleg vor. Stephan Lessenich erläutert gesellschaftlich vorherrschende Subjektform(ation)en und eine historische Entwicklung der Aufstiegssubjektivität der Nachkriegszeit, die überlagert wird von einer Krisen-, Wettbewerbs- und Abstiegssubjektivität nach dem Boom („es gibt sie noch, die bösen Dinge“). Dennis Eversberg macht Subjektivierungsregimes aus, die historisch ineinandergreifen und sich ablösen. Aktuell sei das vorherrschende Subjektivierungsregime der flexible Kapitalismus, der der Logik der Dividualisierung folge. Dazu hat er die vom UBA beauftragte und vom IÖW durchgeführte Umweltbewusstseinsstudie 2016 (LINK: https://www.ioew.de/vortrag/umweltbewusstseinsstudie_2016/) ausgewertet.  Durch kluge Fragestellungen und zugespitzte Kritik der Kommentator/innen kommt es zu einer sehr angeregten, unterhaltsamen und schließlich durch die Zuhörer/innen ergänzten Debatte.

Nach der Mittagspause referiert Wolfgang Streeck zu „Taking back Control: Über die Zukunft des demokratischen Kapitalismus im ,Westen‘“. Spannende Thesen und eine kontroverse Diskussion, von Keynes und der Rolle der Nationalstaaten in einer globalisierten Welt.

In der am Nachmittag stattfindenden zweieinhalbstündigen Plenarveranstaltung „Human flourishing beyond Growth“ mit Hanna Ketterer, Hartmut Rosa, Miriam Lang und Beate Rössler, moderiert von Peter Schulz, ist es den Beteiligten schnell gelungen, eventuell einsetzende Müdigkeitserscheinungen der Anwesenden angesichts eines intensiven Tages vergessen zu lassen und eine angeregte Debatte zu führen. Resonanz und Autonomie werden in Bezug auf das gute Leben vorgestellt und anschließend gegenübergestellt, das bedingungslose Grundeinkommen und das südamerikanische Buen Vivir am Beispiel einer Anden-Kommune als Beispiele von Alternativen darauf bezogen. Bei der kritischen Frage nach Utopien verweist Rosa auf einen Artikel in „Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften: Sonderband des Berliner Journals für Soziologie“ (herausgegeben von Klaus Dörre, Hartmut Rosa, Karina Becker, Sophie Bose und Benjamin Seyd), wie man in Resonanz mit Natur und Umwelt treten kann. Konkrete Utopien haben die Diskutant/innen bewusst nicht mitgebracht, aber weitreichende Vorstellungen („What I have in mind is the most radical revolution possible“).

Schließlich hält das Tagesprogramm interessante Buchvorstellungen und Podiumsdiskussionen bereit, u. a. zu dem Thema „Nach dem raschen Wachstum?“ mit Wolfgang Streeck, Hans-Jürgen Urban und Nicole Meyer-Ahuja. Wachstum sei immer weniger in der Lage, Problemlöser für eine politische und gesellschaftliche Stabilität als vielmehr Problembeschleuniger zu werden, so Urban. Meyer-Ahuja fragt nach alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassungen, die dann diskutiert werden, wie zum Beispiel Arbeitszeitverkürzung.

Um 20.30 Uhr endet dann ein intensiver, aufregender Tag, der wie am Eröffnungsabend beschworen konstruktive und kontroverse Debatten für alle Teilnehmenden bereitgehalten hat. Teil der Konferenz ist auch das Festival zur Konferenz, das Raum geben möchte für kulturelle Auseinandersetzungen, für konkrete Erfahrungen sozialer Realitäten und Alternativen und für das der Austausch zwischen Stadtbevölkerung und den Konferenzteilnehmer/innen zentral ist. Fortsetzung folgt.

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