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Degrowth in der Schweiz: Post-Growth Zürich

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Am Internationalen Degrowth-Tag im Sommer 2018, dem Startschuss für die Gründung unserer Gruppe, trafen wir, Viktoria Cologna und Leonard Creutzburg, uns zum ersten Mal. Da zu dem Zeitpunkt bereits sicher war, dass wir beide als Promovierende in den kommenden Jahren in Zürich leben würden, war für uns nach einigen weiteren Treffen klar, dass die größte Schweizer Stadt eine Postwachstumsgruppe braucht – schließlich gibt es solche in anderen Schweizer Städten schon lange (z. B. Décroissance Bern). Gerade in einer Stadt wie Zürich, in der Banken und Versicherungen für viele das städtische Selbstbild prägen, ist es umso wichtiger, die Grundlagen der Finanzwelt – mit ihrem Drang zu stetigem Wirtschaftswachstum – zu hinterfragen. Hinzu kommt, dass Décroissance in der französischsprachigen Westschweiz bekannter ist als im deutschsprachigen Teil – ein Grund mehr, das Konzept in der Deutschschweiz bekannter zu machen.

Nachdem sich mit Levin Koller ein dritter Interessierter fand, die Ideen von Postwachstum in Zürich und der Schweiz zu fördern, gründete sich unter dem Namen Post-Growth Zürich im Oktober 2018 die Gruppe. Bei der Gründungsveranstaltung, die einen Monat später an der ETH Zürich stattfand, gab es Präsentationen von Irmi Seidl, Postwachstumsökonomin an der Schweizerischen Forschungsanstalt WSL, und Julia Steinberger, Professorin für Soziale Ökologie und Ökologische Ökonomie in Leeds. Dabei zeigten beide nochmals deutlich auf, dass Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit nicht kompatibel sind, denn eine absolute Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch hat bisher noch nicht stattgefunden (und wird womöglich nie eintreten), sodass als einzige Alternative, um weniger Ressourcen zu nutzen, eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum nötig ist.

Dass der Raum bei der Gründungsveranstaltung kaum Platz für alle Gäste bot, ermutigte uns von Beginn an den Aufbau entschlossen voranzutreiben und unser gesetztes Ziel, Degrowth in der Schweiz – und besonders im deutschsprachigen Raum – zu verbreiten. Als regelmäßige Treffen wurde kurz darauf der Lesekreis initialisiert, der sich seitdem monatlich mit einem Postwachstumstext beschäftigt und zahlreiche Personen unterschiedlichen Hintergrunds anzieht. Weitere sich wiederholende Veranstaltungen sind Podiumsdiskussionen im Rahmen der Zürcher Nachhaltigkeitswochen, die ebenfalls auf reges Interesse, besonders bei Studierenden (aus unterschiedlichen Fachbereichen) stoßen.

Mit dem Bekanntheitsgrad unserer Gruppe – mittlerweile existiert eine eigene Facebookseite und ein Twitterprofil (eine Webseite befindet sich gerade im Aufbau) – steigen auch die Anfragen. So wurden bereits für unterschiedliche Magazine und Online-Publikationen Beiträge verfasst (netto.null, spiesser.de), ein Podcast-Interview wurde aufgenommen, aber auch Vorträge an Hochschulen und Workshops bei Umweltorganisationen fanden bereits statt.

Neben diesen gesellschaftlichen Aktivitäten wurde von den Mitgliedern auch die Forschung bezüglich Postwachstum vorangetrieben, insbesondere an der ETH, wo die meisten Mitstreiter*innen studieren bzw. arbeiten und forschen. Der Fokus variiert dabei stark und reicht von sozial-psychologischer Forschung zu Technikoptimismus, Rebound-Effekten und Degrowth-Modellierung bis hin zu dem Verhältnis von Forstwirtschaft und Degrowth. Die Relevanz von Degrowth für zahlreiche Forschungsfelder wird dabei erneut ersichtlich.

Dass Postwachstum dabei nicht nur innerhalb der Wissenschaft auf immer mehr Interesse stößt, sondern auch von zahlreichen Menschen außerhalb der Forschung in Zürich als wichtiges – und vor allem schlüssiges – Konzept in Zeiten der Klimakrise angesehen und diskutiert wird, ermutigt uns als Gruppe besonders, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Die Anregungen und Diskussionen mit Personen außerhalb der Initiative erweitertern dabei stets auch den eigenen Horizont.

Für die kommenden Monate sind bereits weitere Veranstaltungen geplant; demnächst soll ein Pub Quiz veranstaltet werden und ein Buch von zwei Mitgliedern, die ohne Flugzeug von Zürich nach Australien gereist sind, wird dieses Jahr vorgestellt werden.[1] Postwachstum in Zürich umzusetzen ist mithin noch lange nicht vorbei!

 

[1] Giulia Fontana und Lorenz Keyßer: Ohne Flugzeug um die Welt: Klimabewusst unterwegs und glücklich. Köln 2020.

Die Initiative Post-Growth Zürich kann über die folgenden Kanäle erreicht werden:
Facebook: facebook.com/postgrowthzurich
Twitter: @postgrowthzh
E-Mail: info@postgrowthzurich.org
Webseite: postgrowthzurich.org (coming soon!)

von

Leonard Creutzburg ist Ökologischer Ökonom und Politikwissenschaftler und promoviert an der ETH sowie der Universität Zürich. Er forscht zu Wald- und Umweltpolitik sowie Degrowth und hat die Initiative "Post-Growth Zürich" mitbegründet, die sich dafür einsetzt, die Degrowth- bzw. Postwachstumsthematik in die Schweizer Öffentlichkeit zu tragen. // Viktoria Cologna ist Umweltsozialwissenschaftlerin und promoviert zurzeit an der ETH Zürich. Ihre Doktorarbeit erforscht das Verhalten von Bürger*innen und Wissenschaftler*innen in Bezug auf den Klimawandel. Sie ist Mitbegründerin der Initiative "Post-Growth Zürich", die sich dafür einsetzt, die Degrowth- bzw. Postwachstumsthematik in die Schweizer Öffentlichkeit zu tragen. Das Foto zeigt die drei Gründer*innen der Initiative "Post-Growth Zürich".

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