Standpunkte

Das Ende des Wachstumswahns (I)

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In den Wirtschaftsteilen der Zeitungen gilt noch immer das Wachstum als die Morgenröte des ewigen Glücks, erst recht nach der Corona-Delle. Es muss nun aber ein neues Kapitel der Wirtschaftspolitik aufgeschlagen werden, bei dem der Klimaschutz und der soziale Ausgleich im Mittelpunkt stehen. Die Klimaerwärmung, der ungebrochene Geldsegen für die Reichen (die Konzerne und ihre Aktionäre) und das nationale und internationale soziale Gefälle fordern eine tiefgreifende Transformation unserer Ökonomie.

Es gibt einen scheinbaren Wachstumszwang in unserem Wirtschaftssystem infolge der Produktivitätssteigerung und infolge der großen Kapitalgewinne, die wieder angelegt werden wollen. Finden sie keine profitable Anlagemöglichkeit, scheiden sie aus dem volkswirtschaftlichen Geldkreislauf aus, was in Richtung von Rezession und Krise führt, mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und Existenzen von Kleinunternehmer*innen. Diese Krisen-Gefahr wird im IS-Modell, das der herrschenden Lehre zugrunde liegt, völlig ignoriert, da dort von vornherein ‚Investitionen I = Ersparnisse S’ gesetzt wird. Kommt es doch zu einer Krise, werden andere Ursachen dafür verantwortlich gemacht.

Einer sozialen und ökologischen Politik steht der internationale Wettbewerb um Marktanteile und um Investitionen im Wege. Zudem bremst einen Umschwung die Sorge um eine Abwanderung von Arbeitplätzen und Firmensitzen in andere Länder. Ebenso besteht eine zu große Nähe zwischen Politik und Wirtschaft. Damit wird die Politik weitgehend von der Wirtschaft gesteuert.

Fatal ist, dass die herrschende Lehre der Makroökonomik Wirtschaftswachstum für notwendig und den Staat für nicht kompetent erklärt, den Ablauf der Wirtschaft zu steuern. Lediglich eine Stützfunktion wird vom Staat gefordert. Er soll, wenn eine Krise droht oder da ist, Geld in die Wirtschaft pumpen. In der EU wird das Gleichgewicht vor allem durch die Niedrigzinspolitik und die Geldschwemme durch die Europäische Zentralbank gehalten.

Das Wirtschaftsmodell der Physiokraten

Wir benötigen daher dringend ein besseres Verständnis des ‚Wirtschaftsmotors’. Im Buch ‚Im Licht der Geldströme‘ wird zur Lösung dieser Probleme ein Wirtschaftsmodell aufgebaut und in Kapitel 4 mit Nr. 4.8 ‚Die Wirtschaft ohne Wachstum oder die konstante Wirtschaft‘ gezeigt, wie die Politik die Wirtschaft Steuern kann und muss. Auf dieser Website unter ‚Staat, Wirtschaft und Menschheit – Ein Gesamtmodell der Wirtschaft‘ sehen Sie einen Auszug aus dem Buch mit 8 Bildern, die aufeinander aufbauen und in Bild 4.1.2 münden.

Es folgt nun hier eine komprimierte Darstellung, die ebenfalls in Bild 4.1.2 mündet. Ausgegangen wird vom Wirtschaftsmodell der Physiokraten, das in der Literatur zum Teil erwähnt, aber nicht als tauglich für eine Weiterentwicklung angesehen wird. Dieses einfache Kreislauf-  Modell entsteht aus Bild 3.2.1, wenn man auf beiden Seiten die schmalen, nach oben gerichteten Ströme und die ‚Sparer’ weglässt.

Investitionen

Die Volkswirtschaft ist nicht im Gleichgewicht, wenn die Verbraucher*innen Ersparnisse bilden. Sparen anstatt zu konsumieren ist natürlich gut. Aber es entstehen daraus auch Probleme, die gelöst werden müssen, worauf schon Keynes hingewiesen hat. Auf der Güterseite von Bild 3.2.1 gibt es dadurch zunächst eine Überproduktion. Im Anschluss wird die Produktion zurückgefahren, es kommt zum Abbau von Arbeitsplätzen und so weiter.

Der klassische Weg, auf dem gespartes Geld in den Kreislauf zurückgeführt wird, sind die Investitionen, wie Bild 3.2.1 zeigt. Die durch den Konsumverzicht frei gewordene Produktionskapazität dient jetzt der Erzeugung von Investitionsgütern. Damit wird der Produktionsapparat vergrößert und modernisiert, und die Wirtschaft wächst.

Den ‚Sparern’ gehört somit dieser Zuwachs, aber nicht nur er, sondern auch der Rest des  Produktionsapparat. Er ist ja auch durch Sparen (=Konsumverzicht) entstanden. Damit sind die ‚Sparer’ in Bild 3.2.1 und die ‚Reichen’ in Bild 4.1.2 identisch. Den Reichen fließt ja viel Geld zu (in Form von Arbeits- und Vermögenseinkommen), sodass sie wiederum reichlich Ersparnisse bilden können. Das Aggregat ‚Sparer’ bzw. ‚Reiche’ innerhalb des Aggregats ‚Verbraucher’ ist eine zulässige Vereinfachung der Realität mit ihrem Spektrum zwischen ganz arm und ganz reich. Es wird aber in der herrschenden Lehre nicht in dieser Form benutzt.

 

Exportüberschuss

Ein Land mit Importüberschuss lebt, wie man oft sagt, über seine Verhältnisse. Es verschuldet sich an das Land mit Exportüberschuss. Bild 3.2.1 stellt diese Situation dar, wenn man ‚Investitionsgüter’ durch ‚Exportgüter’ ersetzt, die ins Ausland gehen. Die Ersparnisse fließen dann auf dem Umweg über das importierende Land zum Produktionsapparat. Das ist zwar vereinfacht, zeigt aber doch das Wesentliche, nämlich dass das importierende Land Güter erhält, und dass es sich verschuldet. Gläubiger sind das Exportland bzw. dessen Unternehmen bzw. dessen ‚Reiche’, denen die Unternehmen gehören.

Das kann sich so auswirken, dass Banken, die dem Staat des Importlandes Geld geliehen haben, in Schieflage geraten und pleite gehen oder gerettet werden müssen, oder dass die EZB ständig Staatsanleihen von wirtschaftlich schwachen Ländern aufkaufen muss. Oder dass z. B. griechische Häfen und Flughäfen in das Eigentum deutscher Großunternehmen übergehen. – In Bild 4.1.2 sehen wir die Geldströme ‚Investitionen’ und ‚Exportüberschuss’ eingezeichnet.

Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Artikels. Zur Fortsetzung des Beitrags gelangen Sie hier.

von

Hans Oette studierte Maschinenbau und Luftfahrttechnik an der Universität Stuttgart zum Dipl. Ingenieur und war danach am Institut für Drehflügelflugzeuge nahe Stuttgart tätig, wo ihm der Hugo-Junkers-Preises der DFVLR verliehen wurde. Es folgte der Erwerb der Befähigung für das höhere Lehramt an gewerblichen Schulen und Tätigkeit im Raum Stuttgart. Zudem war er bei Audi in Neckarsulm auf dem Gebiet Planung/Entwicklung beschäftigt. Er engagiert sich für Umweltschutz und Gerechtigkeit bei Bündnis 90/Grünen, WASG, Linke, Naturschutzbund u.a., durch Leserbriefe und meinungsbildende Anzeigen. Im jetzigen Ruhestand beschäftigt er sich verstärkt autodidaktisch mit Wirtschaftspolitik und Makroökonomik. 2017 erschien das Buch 'Im Licht der Geldströme'.

1 Kommentare

  1. Sorry, das Kapitel ‚Exportüberschuss‘ ist noch etwas konfus. Ab Zeile 4 sollte es besser so weitergehen: Das importierende Land verschuldet sich an die ‚Reichen’ des Exportlandes, am unmittelbarsten, wenn diese mit ihren Ersparnissen Staatspapiere des Importlandes kaufen.
    Dieses Taumeln in die Schuldenfalle mit wachsender Belastung durch Zinsen kann dazu führen, dass Banken des Importlandes in Schieflage geraten und pleite gehen. Oder dass die EZB ständig Staatsanleihen des Importlandes aufkaufen muss, wobei dieses sich an die EZB verschuldet. Alternativ können z. B. griechische Häfen und Flughäfen in das Eigentum deutscher Großunternehmen übergehen. – In Bild 4.1.2 sehen wir die Geldströme ‚Investitionen’ und ‚Exportüberschuss’ eingezeichnet.

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