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Die Corona-Krise als (positive) Suffizienzerfahrung?

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Kaum Pendelverkehr zur täglichen Arbeit, abgesagte Flug- und Urlaubsreisen, zu Hause mit der Familie kochen statt Restaurantbesuche, keine Shopping-Trips in die Innenstadt – so sieht für viele die Realität in Zeiten der Corona-Krise aus. Aktuell erleben wir einen rasanten Wandel von Konsum- und Alltagsverhalten. Ein Effekt davon ist, dass unser ökologischer Fußabdruck schrumpft. Natürlich ist die gegenwärtige Krise mit den dadurch ausgelösten dramatischen Entwicklungen keinesfalls ein intendiertes Szenario für die dringend notwendige Nachhaltigkeitstransformation. Aber die Krise ist existent – und daher fragen wir uns, wie man ihre Begleiterscheinungen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung begreifen kann: Können die Veränderungen des Konsumalltags ein Gelegenheitsfenster darstellen? Können wir in dieser Zeit die Erfahrung machen, dass eine Konsumreduktion persönlich und gesellschaftlich Vorteile bringen kann? Wenn ja, unter welchen Bedingungen kann das gelingen?

Gelegenheitsfenster für Bedürfnisreflektion

Denn die Menschen im Globalen Norden, die mit ihrem hohen Konsumniveau überdurchschnittlich zur Belastung planetarer Grenzen beitragen, drosseln gerade ihren Konsum: Durch vermehrtes Homeoffice, die Umstellung auf Videokonferenzen statt Dienstreisen und den Verzicht auf Kurztrips mit dem Billigflieger gehen das Verkehrsaufkommen und die damit verbundenen Emissionen deutlich zurück. Neue Formen digitaler Arbeit und digitalen Lernens gewinnen rapide an Bedeutung. Durch die Schließung von Geschäften ist Shopping als Zeitvertreib nicht mehr möglich, es kommt zu weniger Impulskäufen in Geschäften. Allgemein kann das Abnehmen des Konsumdrucks zu einer Entschleunigung des Lebenstempos führen. Die gewonnene Zeit kann (sofern es die Einschränkungen zulassen) zum Reparieren, Selbermachen, Gärtnern eingesetzt werden – oder zum Erlernen von Kompetenzen für diese Praktiken. Soziale Innovationen wie Teilen und Tauschen werden unverzichtbar, wenn nicht länger jedes Konsumgut jederzeit zur Verfügung steht. Regionale Produkte sind im Vorteil, wo globale Lieferketten an ihre Grenzen kommen – und meist umweltverträglicher.

Die beispiellosen Umstände öffnen ein Gelegenheitsfenster, um alltägliche Konsumentscheidungen zu reflektieren und mit umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Verhaltensweisen zu experimentieren. Die sozialwissenschaftliche Forschung hat in diversen Studien untersucht, wie kurzfristige Veränderungen des Alltags individuell genutzt werden können, um Gewohnheiten aufzubrechen. Zusätzlich zeigt diese Krise auch: Individuelle Verhaltensänderungen sind möglich und einfacher, wenn die Veränderung für alle gemeinsam eintritt.

Zunahme von Umweltbelastungen ist ebenso möglich

Doch kann es so einfach sein? Zwar reduzieren Homeoffice und Unterhaltung in den eigenen vier Wänden den Personentransport, doch steigert die Verlagerung des Sozial- und Arbeitslebens in den virtuellen Raum den Datenverkehr und damit den Energiebedarf in Haushalten. Online-Shopping schließt einerseits dort Versorgunglücken, wo die Supermärkte leergekauft und andere Fachgeschäfte geschlossen sind, andererseits nehmen dadurch die Transportemissionen zu – und heben einen Teil der Einsparungen durch weniger Verkehr und weniger Flüge wieder auf (ein klassischer Rebound-Effekt). Die Sorgen um Versorgungsengpässe führen zu Hamsterkäufen, und das nicht nur von lange haltbaren Gütern wie Nudeln und Klopapier. Wer sich nicht mit der richtigen Lagerung von Lebensmitteln auseinandersetzt, riskiert letztendlich deren Verschwendung.

Während die Menschen sich relativ vernünftig auf die aktuellen Einschränkungen in der Krise einzulassen scheinen, kann eine „Explosion der Lebensfreude“ nach ihrem Überstehen eine nachholende Entwicklung mit erhöhten Verbräuchen und Emissionen bedeuten. Warum nicht den ausgefallenen Osterurlaub in der Karibik nachholen, den unfreiwilligen Verzicht während Corona im Shoppingrausch vergessen machen, Freunde und Familie auf einer Rundreise besuchen? Das würde zwar finanzielle Corona-Ausfälle bei Unternehmen ausgleichen – aber keinen Schritt in Richtung nachhaltiges Wirtschaften bedeuten. Dies führt zu einem wichtigen Hinweis, warum „diese Krise nicht unsere Postwachstumsgesellschaft ist“, nämlich die Frage von Freiwilligkeit und Absicht. Suffizienz impliziert das freiwillige und selbstbestimmte Maßhalten, und gerade diese Selbstbestimmtheit fehlt in der gegenwärtigen Krise. Die aktuellen Einschränkungen sind also nicht Suffizienz, aber – mit der richtigen Reflektion und Rückbesinnung auf persönliche Werte – kann diese Erfahrung später, wenn die Krise überstanden ist, zu einem „Mindset der Suffizienz“, und somit zu umwelt- und sozialverträglicheren Lebensstilen führen.

Politisches Handeln ist wichtig

Um diese Krise trotz ihrer tragischen Aspekte und ungeplanten und unfreiwilligen Einschränkungen als Chance für den sozial-ökologischen Wandel zu begreifen, muss die Politik zukunftsorientiert und mit Bedacht handeln. Es gilt, mit den angekündigten Konjunkturprogrammen gezielt Synergiepotenziale herzustellen, um den notwendigen Transformationsprozess von Konsum und Produktion zu unterstützen. Auch die Stärkung von Commons und regionaler Produktion ebenso wie der Resilienz von Infrastrukturen z. B. im Energiesystem muss angegangen werden, um die Auswirkungen zukünftiger Pandemien oder anderer Krisen abzumildern. Des Weiteren wird die Aufgabe der Medien aber auch von uns allen darin liegen, positive Erfahrungen aus unserer Corona-Krisenzeit zu Geschichten des Gelingens zu verwandeln und mit anderen zu teilen (z. B. sammelt das Nachhaltigkeitsmagazin enorm hier täglich gute Nachrichten in der Corona-Krise).

Der Anstieg von Erkrankungen und Todeszahlen durch Corona, die Engpässe bei der medizinischen Versorgung, die geschlossenen Grenzen, der wirtschaftliche Stillstand und Zusammenbruch von Finanzmärkten, Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, Ausgangssperren – all dies sind keine wünschenswerten Szenarien für die sozial-ökologische Transformation. Der Prozess darf nicht auf Kosten des Gesundheitssystems, sozialer Lebensbedingungen und Menschenleben laufen. Stattdessen braucht es einen zielorientierten, demokratischen Prozess, der resiliente Systeme, soziale Gleichheit, Klimaschutz und klimafreundliche Produktions- und Konsumweisen zum Ziel hat. Gegenwärtig deuten sich die Potenziale für den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft an. Während jahrzehntelang bekannte wissenschaftliche Fakten zu den Bedrohungen des Klimawandels bis heute nur unzureichende Änderungen hervorrufen, beweist das politische System nun seine Fähigkeit zu schnellen, umfassenden Reaktionen. Dazu sollten wir schon jetzt ermahnen, um Forderungen nach sozial- und umweltverträglichem (Post-)Wachstum und suffizienzorientiertem Konsum Nachdruck zu verleihen.

von

Maike Gossen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Ihre Forschungsschwerpunkte sind nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster, Nachhaltigkeitsmarketing, nachhaltige Lebensstile und soziale Innovationen für nachhaltigen Konsum. Florence Ziesemer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verbundprojekt "FoodLabHome - Klimabildung zur Reduktion häuslicher Lebensmittelabfälle" an der Technischen Universität Berlin. Zudem ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Seniorprofessur für BWL mit dem Schwerpunkt Marketing an der Universität Potsdam. Hier entwickelte sie unter anderem Bildungsmaterialien zur Förderung der nachhaltigen Konsumkompetenz.

5 Kommentare

  1. Sehr schön zusammengefasst! Bei all der Euphorie dürfen wir nicht vergessen, dass es sich aktuell um temporäre, nicht freiwillige Einschnitte in unserer Lebensstile handelt und solange das Wachstums-Paradigma noch unsere Wirtschaft bestimmt, alles getan werden wird, um diese wieder ins Rollen zu bringen – und die Nachhaltigkeit wahrscheinlich wieder zu kurz kommt. Bereits die letzte Finanzkrise 2008/09 hat gezeigt, dass die globalen Emissionen zwar in dieser Zeit zurück gingen, danach aber umso mehr zunahmen. Hoffentlich werden sich einige Verhaltensweisen halten und zumindest der Diskurs um Suffiziente Lebensstile und Wirtschaftswege mehr Fahrt aufnehmen.

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