Große Teile der gegenwärtigen Landwirtschaft sind auf finanzielle Profite ausgelegt, voll industrialisiert und kommerzialisiert. Damit einher geht auch, dass wenige große Saatgutkonzerne große Anteile des globalen Saatgutmarktes kontrollieren (Bonny, 2017). Dies schränkt nicht nur die Sortenvielfalt ein, sondern auch die Artenvielfalt: Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft produzieren Saatgutkonzerne überwiegend Hybridsaatgut; dieses ist in der ersten Generation ertragreicher als anderes Saatgut. Es ist jedoch nicht samenfest und somit für den Nachbau nicht geeignet. Landwirt*innen müssen daher für jede Aussaat neues Saatgut von kommerziellen Züchtern – häufig großen Saatgutkonzernen – abkaufen. Auf diese Weise geraten Landwirt*innen potenziell in eine Abhängigkeit und finanziell prekäre Lage: Landwirt*innen, die kein Hybridsaatgut, sondern beispielsweise alte Sorten verwenden wollen, können nicht mehr gewinnbringend wirtschaften, weil diejenigen mit Hybridsaat perfektionierte Feldfrüchte für einen geringeren Preis anbieten können. Darüber hinaus nutzen Konzerne rechtliche Mechanismen wie Patente und Sortenschutz aus, um ihre Monopolstellung auszubauen und einen Nachbau des Saatguts massiv zu erschweren. Diese Dynamik befeuert nicht nur die finanzielle Abhängigkeit von großen Konzernen – sie trägt auch massiv zu dem Verlust von Biodiversität und zu einer erhöhten Vulnerabilität für Auswirkungen des Klimawandels bei (Kliem & Sievers-Glotzbach, 2022). Damit einher geht der Verlust von Kulturgut – besonders, aber nicht nur, im globalen Süden. Vor der Industrialisierung und Kommerzialisierung des Saatguts wurde dieses dezentral von Landwirt*innen angepasst und getauscht. Es war häufig Teil kultureller Traditionen und Bräuche und sicherte die Autonomie der Landwirt*innen (Teixidor-Toneu et al., 2023). Das ehemalige Gemeingut wurde in privates Eigentum verwandelt.
Commoning in Saatgutinitiativen?
Als Antwort auf diese Entwicklungen sind in den vergangenen Jahren verschiedene Arten von Saatgutinitiativen entstanden: Ihre Ziele und Bestrebungen reichen von Bildungsarbeit zu Problematiken von Hybridsaatgut, über Saatgutzucht und -vermehrung, von Saatgutbanken zu Erhalt von kulturellem und ökologischem Wissen. Auch Saatguttausch (besonders von alten Sorten) wird praktiziert, sowie die on-farm-Erhaltung, der Anbau und die Nutzung von Kulturpflanzen durch die Landwirt*innen selbst.
Als Antwort auf die Privatisierung von Saatgut ist all diesen Initiativen ein Grundgedanke gemein: Saatgut wird als Commons, das heißt als Kultur- und Gemeingut, verstanden, welches gemeinwirtschaftlichen Regelungsformen folgen sollte. Commoning-Praktiken umfassen Lern- und Emanzipationsprozesse, durch die Beteiligte sinnstiftende Erfahrungen des Teilens, Kooperierens und Ausprobierens erleben. Dabei steht Kooperation statt Konkurrenz, Gemeinwohl statt individuellem Vorteil, Freiwilligkeit statt Zwang im Fokus. Diese Praktiken des Commoning in Saatgutinitiativen lassen sich auch als präfigurative Praktiken (Engels & Dietz, 2025) verstehen: Präfiguration meint ein Konzept, bei dem Initiativen durch das eigene Handeln einen Wandel der Gesellschaft herbeizuführen versuchen. Dabei kritisieren sie den Status-quo und erproben zugleich konkrete Alternativen, beispielsweise im Rahmen gesellschaftlicher Transformationen in ihren eigenen Organisationen (Yates, 2015). Saatgutinitiativen versuchen sich durch Commoning-Praktiken den kapitalistischen Logiken zu entziehen.
Emotionen, Rahmenbedingungen und emanzipatorisches Potenzial von Saatgutinitiativen
In unserer aktuellen Forschung interessierte uns insbesondere die Frage, was Menschen motiviert, sich in Saatgutinitiativen einzubringen, wie sich das Engagement im Saatgutkontext auf die Aktiven auswirkt, und wie sich die Praktiken des Commoning als Antwort auf die Macht von großen Saatgutkonzernen auf der Individualebene auswirken. Studien weisen darauf hin, dass für kurz- und langfristige Engagementmotivation Emotionen eine zentrale Rolle spielen (Blumenschein et al., 2026). Daher haben wir insbesondere auf emotionale Dynamiken im Engagement geblickt, wie diese als Indikatoren für funktionale und dysfunktionale Mechanismen im Engagement fungieren und gleichzeitig essenziell für die Motivation sind.
Um besser zu verstehen, welche Emotionen das Engagement in Saatgut-Initiativen prägen und inwiefern es dazu beiträgt, dass Menschen ihre Rolle als Konsument*innen anders denken, haben wir in unserem Projekt eine von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin organisierte Saatguttauschbörse am 21. März 2026 besucht. Dort führten wir sowohl Interviews mit in Saatgutinitiativen aktiv engagierten Menschen als auch mit Besuchenden der Börse. Insgesamt interviewten wir 22 Personen. Wir fragten nach Emotionen während des Besuchs der Börse beziehungsweise nach Emotionen im Engagement im Saatgutkontext, mit besonderem Fokus auf eine hemmende oder fördernde Wirkung dieser auf das Engagement.
Erste Inhaltsanalysen der Interviews zeigen, dass besonders der zwischenmenschliche Kontakt beim Tauschen sowie soziale Identität, aber auch ökologische Werte und Selbstwirksamkeit mit positiven Emotionen wie Freude einhergehen und dabei fördernd auf das Engagement wirken. Negative Emotionen wurden deutlich seltener genannt – am meisten wurde dabei Frust, beispielsweise im Rahmen von des als ungerecht erlebten Verlustes der Ernte genannt, aber auch belastende Emotionen etwa im Kontext der Umwelt- und Klimakrise. Weiterhin fragten wir, inwiefern die Teilnehmenden eine Veränderung in ihrer Rolle als Konsument*innen wahrnahmen: Sehr oft wurde von einer Bestärkung im sozial-ökologischen Konsum berichtet, sowie davon, sich kritischer zu informieren. Einige der Engagierten identifizierten sich besonders als aktive Konsument*innen, etwa durch politische oder aktivistische Arbeit, wie zum Beispiel das Bestreben, städtische Flächen für den landwirtschaftlichen Anbau zu nutzen. Dies passt sehr gut in den Kontext der Commoning-Praktiken. Allerdings stellten wir auch fest, dass auf dieser Tauschbörse der Saatguttausch primär für den Individualgebrauch betrieben wurde, und eher sekundär als Commoning-Praxis.
Weiterhin fragten wir nach erleichternden und erschwerenden Rahmenbedingungen für das eigene Engagement: Hier wurde sehr oft die Infrastruktur von Ressourcenflächen – also einerseits der private Zugang zu Grünflächen und Gärten, andererseits auf Initiativebene die Nutzungsberechtigung von öffentlichen Flächen sowie die generelle Versiegelung – als erschwerende Umstände genannt. Auch wurde die Möglichkeit, sich im Saatgutkontext zu engagieren, mit Privilegien wie finanziellen Ressourcen, Zeit als Ressource, sowie Zugang zu Bildung in Verbindung gebracht. Zudem wurden problematische politische Strukturen sowie bürokratische Hürden in diesem Zusammenhang angesprochen.
Geplant sind weitere Interviews, um noch tiefere Einblicke in die emotionalen und motivationalen Dynamiken zu bekommen und die Auswirkung von Commoning-Praktiken auf Engagierte besser zu verstehen. Ein erstes Fazit der bisherigen Analysen unterstützt den Zusammenhang von Emotionen, Rahmenbedingungen und einem nachhaltigen Engagement. Nach unserem ersten Eindruck ist das emanzipatorische Potenzial besonders bei engagierten Menschen höher, im Vergleich zu den Besuchenden der Saatgutinitiative. Die finalen Ergebnisse werden auf der Projekt-Website unseres Projektes zur “Rolle von Emotionen in sozialen Innovationen für nachhaltigen Konsum” (REsI) veröffentlicht, welches das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) mit Förderung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) von Januar 2025 bis Dezember 2026 durchführt.
Danksagung
Mein Dank gilt Julia Fülling und Mia Lehn, die mich in meinem Praktikum im Projekt REsI betreut haben, und mir beim Schreiben dieses Artikels wertvolles Feedback gegeben haben.
Literatur
Blumenschein, P., Metzen, D., Hamann, K. R. S., & Heinzel, S. (2026). Do climate emotions matter? Investigating their role in pro-environmental behavior. Journal of Environmental Psychology, 113, 103092. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2026.103092
Bonny, S. (2017). Corporate concentration and technological change in the global seed industry. Sustainability, 9(9), 1632. https://doi.org/10.3390/su9091632
Engels, B., & Dietz, K. (2025). Reale Utopien in der Landwirtschaft: Strategien progressiver Agrarbewegungen für eine emanzipatorische sozial-ökologische Transformation. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 38(4), 741–758. https://doi.org/10.1515/fjsb-2025-0055
Kliem, L., & Sievers-Glotzbach, S. (2022). Seeds of resilience: The contribution of commons-based plant breeding and seed production to the social-ecological resilience of the agricultural sector. International Journal of Agricultural Sustainability, 20(4), 595–614. https://doi.org/10.1080/14735903.2021.1963598
Teixidor-Toneu, I., Westengen, O., Ulian, T., McMillion, A., Lorimer, M., Grace, O., Caillon, S., Shrestha, P., & Kool, A. (2023). Co-conserving Indigenous and local knowledge systems with seeds. Trends in Plant Science, 28(12), 1370–1378. https://doi.org/10.1016/j.tplants.2023.06.020
Yates, L. (2015). Rethinking Prefiguration: Alternatives, Micropolitics and Goals in Social Movements. Social Movement Studies, 14(1), 1–21. https://doi.org/10.1080/14742837.2013.870883



