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Beyond Oil – Warum das post-fossile Zeitalter vielleicht doch schneller kommt als erwartet

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Peak-Oil ist tot“ meinte die Citigroup mit Blick auf die Vorkommen von unkonventionellem Öl und Gas vor einiger Zeit. Denn die Vorkommen an unkonventionellem Öl und Gas, die mithilfe des Hydraulic Fracturing („Fracking“) gewonnen werden, verlängern die Reichweiten von Öl- und Gasvorkommen erheblich. Die USA werden dadurch in den nächsten zehn Jahren zum größten Ölproduzenten der Welt aufsteigen.[1] Aus versorgungstechnischer Sicht ist damit die Frage, wann der Höhepunkt der Fördermenge konventionellen Öls (der klassische Peak-Oil) erreicht ist, zunehmend irrelevant.

Fossile Energieträger werden an Bedeutung voraussichtlich noch zunehmen

Momentan sieht es so aus, als würden Öl, Gas und Kohle auch 2035 noch für etwa drei Viertel des weltweiten Energiebedarfs verwendet.[2] Damit verschärft sich das Klimaproblem – die energiebedingten Treibhausgasemissionen werden erst gegen 2030 ein Plateau erreichen, global aber vermutlich nochmal um 20% höher liegen als heute (IEA 2012). Obwohl die Weltgemeinschaft sich zwar in Cancún auf das 2-Grad-Ziel verständigt hat, erreichen die CO2-Emissionen von Jahr zu Jahr neue Allzeithochs. Gegenwärtig erscheint langfristig eher eine Erwärmung um 4-5° C oder noch mehr als wahrscheinlich. Bis 2100 gibt es immerhin eine 20-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Erwärmung von mehr als 4° C, was langfristig 6° C und mehr bedeuten würd.[3] Ist es also schon ausgemacht, dass wir das 2-Grad-Ziel nicht mehr erreichen? Sollten wir nicht lieber realistisch anerkennen, dass der Kampf gegen den Klimawandel verloren ist und unser Engagement stattdessen lieber auf Anpassungsstrategien konzentrieren oder lieber gleich auf Climate Engineering, um die Temperatur im globalen Treibhaus künstlich zu senken?

Treiber eines Übergangs ins post-fossile Zeitalter

Natürlich werden wir alle Optionen sorgfältig analysieren müssen. An einer Emissionsreduktion führt in jedem Fall aber kein Weg vorbei. Und vielleicht geschieht der Übergang in ein post-fossiles Zeitalter doch schneller als heute absehbar. Es gibt jedenfalls eine Reihe von Entwicklungen, die diesen Übergang bereits vorbereiten. Ein einziges Schlüsselereignis (vgl. Fukushima) könnte dann einen Stimmungsumschwung herbeiführen, der dann den Handlungsdruck für Politik und Unternehmen erheblich steigert. Es sind aber mehrere solcher Schlüsselereignisse denkbar:

  1. Klimawandel wird sichtbarer. In den nächsten Jahren werden die Auswirkungen des Klimawandels in manchen Regionen immer deutlicher zu spüren sein – so ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass die Arktis noch in diesem Jahrzehnt im Sommer eisfrei sein könnte (vgl. diese Illustration). Wenn dann den Eisbären ihr Lebensraum buchstäblich dahinschwindet, werden starke Bilder um die Welt gehen, die den Handlungsdruck verstärken werden.
  2. Die Politik reagiert. Wenngleich es noch kein global verbindliches Klimaabkommen gibt – in vielen Regionen auf der Welt gibt es auf regionaler Ebene verbindliche Maßnahmen zur Emissionsreduktion: neben der EU haben auch einige Staaten der US-Ostküste, Kalifornien, Australien, China und etliche andere Maßnahmen zur Emissionsreduktion implementiert – insgesamt wird mehr als ein Drittel des globalen BIP in solchen Regionen erzeugt.
  3. Die Menschen erkennen Klimawandel als ernstes Problem. Im letzten World Value Survey, in dem mehr als 62.000 Menschen in 49 Ländern befragt wurden, für wie groß sie die Gefahr durch den Klimawandel einschätzen, ergab, dass fast 90 Prozent der Weltbevölkerung das Thema Klimawandel als ein wichtiges bzw. sehr wichtiges Thema ansehen.[4] Dies gilt übrigens auch in Staaten wie den USA, die sich mit globalen Verträgen zur Emissionsreduktion schwer tun.
  4. Soziale Vernetzung nimmt zu und wird politisch relevant. Die sozialen Medien und die weltweite Vernetzung schaffen rasch Öffentlichkeiten, die politischen Druck aufbauen können. Schon der Eiserne Vorhang fiel schneller als man voraussehen konnte, im arabischen Frühling stürzten Regierungen innerhalb von Monaten und Fukushima genügte, damit eine christlich-liberale Regierung im Handstreich den Atomausstieg in Deutschland besiegelte. Bürgerproteste in der Türkei oder Brasilien, in Russland, Bangladesch oder Indien werden über soziale Medien in kürzester Zeit zur maßgeblichen politischen Kraft.
  5. Investoren suchen neue „sichere Häfen“. Nach der Banken- und Staatsschuldenkrise seit 2008 bewerten Investoren die Fragen der langfristigen Sicherheit von Anlagen neu. Da Staatsanleihen nicht mehr pauschal als sicher gelten können und durch die Notenbanken viel Geld ins System gepumpt wird, nehmen viele Anleger Zuflucht in Aktien, d.h. in Unternehmensanteile. Sie werden dabei aber besonders kritisch sein, was die Zukunftserwartungen und die Risikovorsorge angeht – und da werden künftig stets diejenigen Unternehmen immer schlechter abschneiden, die auf nicht-nachhaltige Geschäftsmodelle setzen.
  6. Klimawandel wird Neubewertung von Unternehmen erfordern. In die finanzielle Bewertung von Unternehmen, die von fossilen Energieträgern abhängen, gehen die jeweiligen Förderrechte ein, d.h. die Potentiale zur Förderung fossiler Energieträger. Heute richtet sich dieser Wert u.a. nach der Höhe der durch Förderrechte gesicherten Vorkommen fossiler Rohstoffe. Allerdings überschreitet (nach dem Budgetansatz für Emissionen) allein schon das Treibhausgaspotential der heute bekannten Reserven an Öl, Gas und Kohle das mit dem 2-Grad-Ziel Verträgliche um den Faktor vier![5] Allein das heute bekannte Öl würde ausreichen, um das Emissionsbudget vollständig zu erschöpfen, das noch eine 2-Grad-Steigerung erlaubt. Die britische Carbontracker-Initiative schlussfolgert deshalb, dass das Emissionsbudget zu einer Neubewertung der Vermögenswerte von Unternehmen im Bereich fossiler Energieträger führen wird. Laut Carbontracker schieben die Finanzmärkte nach der Immobilien-Blase nun eine Kohlenstoff-Blase vor sich her, da die Emissions-Äquivalente der fossilen Energiereserven in die Unternehmensbewertung bisher noch kaum eingingen. Kurz gesagt: der Klimawandel wird uns verbieten, alles zu verbrennen, was wir im Boden haben – und das bedeutet Wertverlust für alle, die davon profitieren würden.
  7. Ökologische Risiken und soziale Akzeptanz des Fracking noch nicht einschätzbar. Momentan sieht es so aus, als würde sich Fracking weiter verbreiten. In Deutschland gibt es eine teils emotional, teils jedoch auch sehr differenziert geführte Debatte um Fracking (vgl. Studie des UBA oder die Stellungnahme der Staatlichen Geologischen Dienste). Es ist aber durchaus möglich, dass Fracking mit besserer Kenntnis der Risiken an gesellschaftlicher Akzeptanz (weiter) verliert und sich damit die Prognosen bzgl. der Verfügbarkeit von Öl und Gas revidiert werden müssen.

Ob Peak-Oil nun „tot“ ist oder nicht – es gibt eine Reihe von Entwicklungen, die den Übergang in eine post-fossile Gesellschaft vorantreiben. Und dieser Übergang wird eher durch die planetaren Belastungsgrenzen als durch Knappheiten fossiler Rohstoffe bestimmt werden. Was das für Unternehmen heißt und wie man sich heute bereits darauf einstellen sollte, dazu später einmal mehr.

Dieser Beitrag fasst wichtige Gedanken eines Artikels zusammen, den ich kürzlich mit Uwe Schneidewind veröffentlicht habe (eine überarbeitete englische Version ist auch erschienen).

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