Aktuelle Berichte

Agroforstwirtschaft in Budapest

Schreibe einen Kommentar

Unser Waldgarten-Experiment mit essbaren Pflanzen ist Teil eines Promotionsprojektes zur urbanen Agroforstwirtschaft an der Szent Istvan Universität in Budapest, an der Fakultät für Landschaftsarchitektur und Urbanismus. Es wurde in Zusammenarbeit mit dem Bezirksrat des 14. Bezirks in Budapest und der sozialen Degrowth-Kooperative Cargonomia entwickelt.

Bei der Agroforstwirtschaft handelt es sich um eine traditionelle Praktik, die in den ländlichen Regionen Europas wieder Einzug hält. Die Methode basiert auf den ökologischen Wechselbeziehungen zwischen mehrjährigen Bäumen und einjährigen Pflanzen und bricht mit dem Prinzip von Monokulturen. Die Vorteile dieser Methode gehen über Leistung und Ertrag hinaus. Die Fläche ist so strukturiert, dass ein widerstandsfähiges und autonomes Ökosystem entsteht. Durch die geplante Stärkung der Biodiversität ist das Risiko von Epidemien geringer, die Vielfalt der Samen wird erhalten, das Wassermanagement wird wirtschaftlicher und ökologischer und der Einsatz von Pestiziden ist unnötig und kann ganz vermieden werden.

Inspiriert wurde das öffentliche Waldgartenprojekt von einigen tropischen Ländern, in denen das Prinzip der Agroforstwirtschaft und das Bewirtschaften von Waldgärten im städtischen Raum bis in die Gegenwart beibehalten wurde. In Ländern mit gemäßigtem Klima wurde das Konzept des Waldgartens in den 1960er Jahren vom englischen Botaniker Robert Hart eingeführt. Inspiriert von diesem Modell erstellten wir für die Fläche in Budapest einen Plantagenplan mit einer Vielfalt einheimischer Pflanzenarten und Vegetationsebenen: höhere Bäume mit breiten Baumkronen, Obstbäume, Beeren, Sträucher und Weinreben.

Ein dynamisches Netzwerk bilden und die Skepsis überwinden

Das Projekt wurde in Absprache mit den Partner/innen, insbesondere der Gemeinde, umgesetzt. Die Verwendung von Anschauungsmaterialien half uns dabei, die Ziele des Agroforstwesens verständlich zu machen und unsere Visionen zu präsentieren. Es war uns außerdem wichtig, die Skepsis gegenüber dem Anbau von Obst und Gemüse im öffentlichen Raum zu überwinden: dazu war es elementar, die Auswahl der Arten, ihre Funktion auf der Landfläche, die gewählten agrarökologischen Prinzipien sowie den Mehrwert für die Nutzer/innen zu erklären. In dem Projekt geht es darum, die lokale Kultur zu stärken und einen Ort für Gemeinsamkeit zu schaffen.

Wir haben uns mit verschiedenen Wissenschaftler/innen im Bereich der Agroforstwirtschaft getroffen und unsere Ideen sowohl mit lokalen Landwirt/innen als auch mit NGOs ausgetauscht, deren Arbeit sich auf Umweltthemen und Permakultur in Budapest konzentriert. Wir haben unser Projekt außerdem in ein dynamisches Netzwerk von Gemeinschaftsgärten in Budapest eingebunden. Im Oktober 2017 präsentierten wir das Projekt erstmals den lokalen Behörden und Entscheidungsträger/innen und fanden Zuspruch für die Umsetzung des Agroforstwirtschaft-Projektes in der Stadt Budapest.

Öffentlicher Raum

Das Grundstück, welches uns vom Bezirksamt zugeteilt wurde, ist ein trockengelegtes Feuchtgebiet innerhalb eines Wohngebietes. Es wurde bisher hauptsächlich von Anwohner/innen für Spaziergänge mit dem Hund und als illegaler Parkplatz genutzt. Dank einer eingehenden Untersuchung des Geländes haben wir Pflanzen ausgewählt, die an das Mikroumfeld angepasst und robust gegenüber städtischer Verschmutzung und Dürre sind.

Es ist unsere Hoffnung, dass der Waldgarten in Zukunft über eine große Artenvielfalt verfügen wird. Schon jetzt bietet er freie Beetflächen für alle interessierten Gärtner/innen. Basierend auf den Grundsätzen der Permakultur werden die Pflanzen nach ihrem Mehrwert für Insekten, ihren Eigenschaften gegenüber Schädlingen und ihrem Beitrag zur Belüftung des Bodens, der Nährstoffversorgung und der Speicherung von Wasser ausgewählt. Das Projekt wird sich über mehrere Jahre hinweg weiterentwickeln.

Das Projekt wurde mit einem geringen Budget geplant und basiert auf dem Austausch von Know-how und gegenseitiger Hilfe, die der Philosophie von Cargonomia entsprechen und auf den Prinzipien des Degrowth basieren. Dementsprechend haben wir keinen Zuschuss beantragt. Stattdessen teilen sich unsere Partner/innen und die Nachbar/innen die Werkzeuge und Grundmaterialien.
Mit einem langfristigen Vertrag zur Nutzung der Fläche führt das Projekt zu einer neuen “Aneignung” des öffentlichen Raums und gibt der Allgemeinheit die Möglichkeit, diesen Raum mitzugestalten.

Ökologischer Wandel und Stadtplanung

Entscheidungsträger/innen, Planer/innen und Landschaftsarchitekt/innen haben die Möglichkeit, öffentliche Grundstücke für die Allgemeinheit zugänglich und nutzbar zu machen. Je mehr öffentliche Räume in der Stadt für ökologisch bewusst gestaltete Projekte genutzt werden, desto widerstandsfähiger wird eine Stadt von morgen gegen den Klimawandel und seine Folgen sein. Durch Bildungsprogramme und Beratungen mit Gartenbauexpert/innen ist es möglich, die Stadt auf der Grundlage natürlicher Ökosysteme zu planen und Einzelne bei der Entwicklung ihres Knowhows zu unterstützen und somit die Abhängigkeit vom Markt zu reduzieren. Wir müssen Städte neu überdenken, vielfältige Vegetation und öffentliche Grünflächen dabei einplanen und auch den Austausch zwischen den Städten und dem Land verbessern, um den Druck auf die Biolandwirt/innen, auch im ländlichen Raum, zu verringern.

Die Demokratie stärken

Besucher/innen können nun erleben, wie sich der Ort allmählich verändert. Vom ersten Tag an zeigten die Nachbar/innen großes Interesse am Projekt und entwickelten bereits eine erste „Bindung“ zum Projekt: Sie brachten Gießkannen mit Wasser, um zu gießen und ein Freiwilliger verteilte Flugblätter, die wir als Infomaterial zum Projekt vorbereitet hatten. Die Gestaltung eines öffentlichen „essbaren“ Raums ermöglicht die soziale Emanzipation. Gartenarbeit schafft eine spontane Beziehung zwischen Individuen: Menschen versammeln sich und treffen sich, die Gärten schaffen einen Raum für Kommunikation und Ideenaustausch.
Dadurch, dass wir die Aneignung und Selbstverwaltung von öffentlichen Flächen fördern, können wir Räume „öffnen“ und „umwandeln“ und allen Interessierten ermöglichen, ihre Umgebung neu zu gestalten und schließlich auch Kosten, beispielsweise Gesundheitskosten durch Umweltverschmutzung oder auch Konsumausgaben für Essen, zu reduzieren. Wir müssen die Funktionen der öffentlichen Grünflächen und ihre Vegetation neu denken und diese mit grünen Wegen und Korridoren verbinden.

Dieses Pilotprojekt ist ein Experiment, das die Stadtpolitik beeinflussen soll. Der jüngste und alarmierendste IPCC-Bericht forderte ein Ende der Entwaldung. Wir denken, dass das auch die Städte betrifft und werfen die Frage auf, wie man eine fruchtbare, organische und autonome Stadt gestalten kann. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da wir die extraktivistische Lebensweise nicht weiterführen können. Es ist also dringend notwendig, neue Wege zu finden, um friedlich zusammenzuleben, die Demokratie zu stärken und die Beziehungen zwischen den Menschen zu verbessern.

 

Dieser Artikel wurde in französischer Sprache im „Bastamag“ erstveröffentlicht.

von

Paloma de Linares ist Koordinatorin des Agroforst-Projekts und Doktorandin an der Szent Istvan Universität in Budapest an der Fakultät für Landschaftsarchitektur und Städtebau. // Vincent Liegey ist Mitverfasser von “A Degrowth Project” (Utopia, 2013), Ingenieur, Berater und interdisziplinärer Forscher. Er ist außerdem einer der Mitbegründer sowie Koordinator von Cargonomia, einem Zentrum für nachhaltige Logistiklösungen und die lokale Verteilung von Lebensmitteln mit Cargobikes in Budapest. Des Weiteren ist er Mitglied der internationalen Unterstützungsgruppe der Degrowth-Konferenzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.