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Zurück zu den Wurzeln

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Die Zeitschrift „La Décroissance“, wichtigstes Periodikum der französischen Degrowth-Bewegung, hat im Juli 2014 einigen großen Vordenkern der französischen Postwachstumsphilosophie eine Sondernummer gewidmet. Mit „Aux origines de la décroissance. Cinquante penseurs“ liegt nun ein um ein Vielfaches erweiterter Sammelband vor, der nicht weniger als fünfzig Kritiker/innen der bestehenden und Vordenker/innen einer anderen Welt vorstellt.

Erschienen ist das Werk bei gleich drei Verlagen: Der kanadische Verlag Écosociété hatte die Idee einer erweiterten Buchveröffentlichung, die französischen Verlage L’Échappée und Le pas de coté, die bereits zwei aus der Zeitung hervorgegangene Titel veröffentlicht haben, haben sich angeschlossen.

Cover_origine_decroissanceDie Auswahl beschränkt sich auf Autor/innen der letzten zweihundert Jahre. Es wäre ein Leichtes, auch frühere Wachstumsgegner/innen zu finden, oder vielmehr: Es ist schwer, im gesamten philosophischen und religiösen Schrifttum der Menschheitsgeschichte überhaupt nur eine Handvoll bedeutender Autor/innen auszumachen, die NICHT die im Kapitalismus gepriesenen Handlungsweisen und Charakterzüge wie Habgier, Konkurrenzkampf, Expansions- und Zweckdenken verurteilt und an ihrer Stelle Selbstbeschränkung, Nachhaltigkeit, Nächstenliebe und moralische Integrität gelehrt hätten. Der Begriff der Décroissance aber, also des Rückgangs, des Postwachstums, macht erst Sinn nach dem Beginn der Industrialisierung und des mit ihr verbundenen Sinnes-, Sitten- und Gesellschaftswandels. Von mittelalterlichen oder antiken Vordenker/innen der Décroissance zu sprechen, halten die Herausgeber folglich zurecht für ahistorisch.

Wen aber rechnen sie zu den Ursprüngen? Eine lange, bunte, aber doch nicht „erschöpfende“, d.h. bewusst weder vollständige noch ermüdende Liste birgt zwangsläufig einige Überraschungen. Selbstverständlich sind die Standard-Autoren jüngeren Datums wie André Gorz, Ivan Illich, Cornelius Castoriadis und Jacques Ellul ebenso vertreten wie Nicholas Georgescu-Roegen und Bernard Charbonneau, die den Begriff in den 1970er Jahren überhaupt erst geprägt haben.

Im deutschsprachigen Raum sozialisierte Leser/innen freuen sich über die (wenn auch noch recht junge) Rezeption von Autoren/innen wie Günther Anders, Gustav Landauer und Hannah Arendt jenseits des Rheins, mit Guy Debord und Herbert Marcuse sind zwei aus der Mode geratene, aber hochaktuelle psychologisch argumentierende Autoren vertreten, und es fehlen auch nicht die einschlägigen, mal mehr und mal weniger bekannten angelsächsischen Autoren wie Henry David Thoreau, Murray Bookchin, John Ruskin, William Morris oder Dwight Macdonald. Gerade hier aber kann, wer der englischen Sprache leidlich mächtig ist, noch viele Entdeckungen machen; Christopher Lasch und Lewis Mumford etwa haben ungemein lesenswerte Bücher über Geschichte und Aktualität der westlichen Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit und ihre Auswirkungen auf die Weltgesellschaft geschrieben.

Ohnehin wird auch der/die kundigste Leser/in unter den fünfzig überwiegend englischen und französischen, zuweilen sogar indischen Namen wie Ananda Coomaraswamy oder Majid Rahnema einige Entdeckungen machen. Jaime Semprun etwa hat die Bewegung zum Teil heftig kritisiert. Viele weitere Bezugsgrößen der Décroissance sind den meisten Menschen eigentlich aus anderen Bereichen geläufig, wie der Autor von „1984“ und „Animal Farm“ George Orwell, der italienische Regisseur und Essayist Pier Paolo Pasolini oder die Schriftsteller Aldous Huxley („Schöne Neue Welt“) und Leo Tolstoi. Auch Jean Giono und Georges Bernanos sind hierzulande allenfalls als Romanciers bekannt.

Die Autor/innen des mit fünfzig gezeichneten Portraits illustrierten Buchs sind ausgewiesene Kenner/innen ihres Gebiets. François Jarrige z.B. hat viel über Maschinenstürmer gearbeitet und stellt hier u.a. die mythische Figur des Ned Ludd vor, der Philosoph Pierre Marcolini hat fünf Beiträge zu teils schwer zugänglichen philosophischen Denker/innen verfasst, und auch die „La Décroissance“-Herausgeber Pierre Thiesset und Vincent Cheynet sind mehrfach vertreten.

„Aux origines de la décroissance“ versteht sich als Einladung zum Weiterlesen und bietet folglich nur Zugänge und Kerngedanken, keine enzyklopädischen Kurzfassungen der jeweiligen Philosophien. So ist es mehr ein Lese- als ein Handbuch, als solches aber unbedingt empfehlenswert.

Biagini, Cédric/ Murray, David und Thiesset, Pierre (Hrsg.): Aux origines de la décroissance. Cinquante penseurs. 2017. L’Échappée, Paris, 300 Seiten.

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Marc Hieronimus ist Historiker, Philosoph, Comicforscher und Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Zu seinen Interessen und Forschungsgebieten gehören der Nationalsozialismus im Comic, die Wirkung visueller Medien, Gesellschafts- und Technologiekritik, Karikatur, die Magie in Mittelalter und Moderne, Tiefenpsychologie, "wilde" Lebensformen u.v.m. Seine Gedichte, Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen, darunter der Lichtwolf. Nach einigen Jahren in Frankreich lebt er heute mit seiner Familie am Waldrand von Köln. Weitere Informationen unter www.marc-hieronimus.de.

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