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Weniger wird mehr – Rezension des Postwachstumsatlas

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Cover_Atlas der GlobalisierungMein Gesamteindruck vorab: Dieses Heft ist ein sehr gelungenes Beispiel für eine „öffentliche“, sich einem breiten Publikum zuwendende Sozialwissenschaft. In allgemein verständlicher Sprache untersuchen 60 WissenschaftlerInnen, JournalistInnen und andere ExpertInnen unterschiedlicher disziplinärer und geographischer Herkunft in 52 Kapiteln – jeweils ergänzt durch informative Tabellen, Schaubilder, Grafiken – vielfältige Facetten von Wachstum und Wachstumsorientierung moderner kapitalistischer Gesellschaften, die damit verknüpften Risiken und mögliche Postwachstums (PW)-Alternativen.

Die Beiträge lassen sich fünf Schwerpunkten zuordnen. (1) Zunächst werden moderne kapitalistische Gesellschaften als „Wachstumsgesellschaften“ charakterisiert, z.B. hinsichtlich der Triebkräfte und Zwänge für Wachstum (E. Altvater, Ch. Deutschmann), der Wachstumsabhängigkeit ihrer Stabilität und ihres Wohlstands (St. Lessenich), Konsumtionsweisen (J. Schor, M. Hofmann/L.Reisch) und produktivistischen Trennungen und Ausblendungen (B. Aulenbacher). All dies auch mit Blick auf China (Shi Ming) und den lateinamerikanischen (Neo-)Extraktivismus (K. Dietz). Gesellschaftstheoretisch auf den Punkt bringt H. Rosa das Phänomen „Wachstum“. Deutlich wird, dass eine Emanzipation von Wachstumszwängen eine fundamentale gesellschaftliche Transformation beinhaltet und der Schlüssel dazu strukturell und kulturell im globalen Norden liegt.

(2) Eben diese Konsequenz wird von einflussreichen Konzepten abgelehnt. Sie sehen Chancen, die ökologischen Risiken fortgesetzten Wachstums systemimmanent zu bearbeiten durch gezielten öko-technologischen und sektoralen Wandel. Mit deren technologisch- und steuerungsoptimistischen Prämissen, ignorierten Rebound-Effekten etc. setzen sich u.a. U. Schachtschneider, U. Brand, T. Santarius auseinander. Dies in unterschiedlicher Weise. Während U. Schachtschneider in der Idee eines Green New Deal m. E. zu Recht gestaltungsfähige Anknüpfungspunkte sieht, gerät die Kritik bei U. Brand prinzipiell ablehnend. N. Reuter wiederum sieht im Ausbau der Dienstleistungsgesellschaft beträchtliche Möglichkeiten für ein „saubereres“ Wachstum.

(3) Empirisch fundiert werden die ökologischen und sozialen Krisen, Konflikte, Irrationalitäten unserer expansiv-wachstumsorientierten Wirtschaftsweise beleuchtet: knapper werdende Ressourcen und überlastete Ökosysteme (B. Mahnkopf), riskante, unkonventionelle Fördermethoden wie Fracking (H. Mümmler- Grunow); katastrophale ökologische und soziale Bedingungen, unter denen der konsumtive Wohlstand unserer „Dienstleistungsgesellschaften“ in ärmeren Teilen der Welt produziert (F. Butullo, K. Pereira) und entsorgt (C. Dannoritzer) wird; geplante Obsoleszenz (J. Reuß) und andere Formen von Verschwendung in den reichen Ländern (V.Thurn). Analysiert werden auch neue Formen des Widerstands (St.Liebig/St.Schmalz) und Regelungen, wie fossile Ressourcen in der Erde bleiben könnten (O. Edenhofer et al). Am „Fall Griechenland“ werden die – durch die EU-Austeritätspolitik verschärften – Folgen einer krisenhaft schrumpfenden Wirtschaft dargestellt. Interessant wäre es gewesen, etwas darüber zu erfahren, ob unter solchen Bedingungen eine PW- Perspektive überhaupt realistisch denkbar ist und was sie beinhalten könnte.

(4) PW- Alternativen werden aus verschiedenen Blickwinkeln vorgestellt. Auf der Diskursebene informiert B. Muraca über die Anfänge der in Frankreich beginnenden neuen Welle radikaler Wachstumskritik und –bewegung in Südeuropa. Für Deutschland präsentiert M. Schmelzer einen interessanten Typisierungsvorschlag für die unterschiedlichen politisch-philosophischen Strömungen von Wachstumskritik und Degrowth. Ob die dabei unterlegten Kriterien auch das Spektrum innerhalb der Degrowth-Szene und –bewegung angemessen erfassen, bedarf sicher weiterer Analysen. Aus feministischer Perspektive sehen A. Biesecker und U. v. Winterfeld blinde Flecken in der PW-Debatte, – eine Kritik, die m. E. etwas pauschal ausfällt, wohl eher den konservativen, publizistisch nur von M. Miegel repräsentierten Strang betrifft. Ist radikale Wachstumskritik nicht wesensverwandt mit feministischer Ökonomie-Kritik, auch wenn dies terminologisch anders „verpackt“ ist?

Des Weiteren werden PW- Initiativen für spezielle Bereiche oder Probleme vorgestellt, z.B.: solidarische Landwirtschaft (Ch. Grefe), Kreislaufwirtschaft (A. Jensen, E. v. Thadden), konviviale Technik (A. Vetter), die Nutzung städtischer Räume jenseits der Profitlogik (A.Haase/ D.Rink). Deutlich wird auch die Ambivalenz mancher Ansätze. Ob die Sharing-Ökonomie oder zumindest Teile davon Alternativen zum Eigentum verkörpern oder lediglich ein neues Geschäftsfeld eröffnen, hängt von bestimmten Bedingungen ab (R. Metzger). Ebenso offen ist die Frage, ob die unter Krisenbedingungen in Griechenland entwickelten Formen solidarischer Ökonomie sich auch unter „normalen“ Verhältnissen als zukunftsfähige Alternativen erweisen (J. Dellheim).

Auf eine entscheidende Voraussetzung für den Übergang zu einer PW-Gesellschaft (PWG) verweisen Dörre/Lessenich/Rosa: Abbau sozialer Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaften und zwischen globalem Norden und Süden durch Wachstumsverzicht der reichsten Gesellschaften und egalitäre Umverteilung. Mit dem dadurch verringerten Ressourcenbedarf im Norden könnten auch Spielräume für eigenständige Alternativen zu neo-extraktivistischen Wachstumsregimen im Süden („buenos convivires“ – A. Acosta, J. Sittel) gestärkt werden. Auf Ansätze alternativer Wirtschaftskonzepte für Indien und China geht Ch. Nair ein.

(5) Während Dörre und seine Koautoren den Weg in ein PW -Zeitalter hauptsächlich über radikale Reformen sehen, plädiert V. Bennholdt-Thomsen für eine Art Neuaufbau der Zivilisation von unten, ohne die „Macht zu übernehmen“, über kulturellen Wandel und durch sich ergänzende Nischen, die kleinteilige Einheiten des Zusammenlebens und der Bedürfnisbefriedigung nach dem Subsistenzprinzip bilden. In dieser Polarität deutet sich ein umfassenderes Problem an, das in der Publikation leider unterbelichtet bleibt – die Frage nach Transformationsprozessen zu einer PWG und ihren Akteuren, Strategien, Übergangsprojekten. Der Forschungsstand dazu ist zwar vergleichsweise bescheiden (U. Hermann), aber er gibt dennoch mehr her, als die einseitige Hervorhebung von Veränderung durch den „normativen Druck der Rahmenbedingungen“, die („unpolitischen“) Inseln der Zukunftsfähigkeit in unproduktiver Weise gegenübergestellt werden (Greffrath). Wachstumskritikern wird zudem pauschal ein allzu schlichtes Gesellschaftsbild attestiert, wonach die Summe vieler kleiner Nischen ein neues Ganzes ergeben würde (U. Hermann).

Gewonnen hätte das Heft vermutlich, wären Autoren zu Wort gekommen (z. B. N. Paech), mit deren Positionen z.T. indirekt polemisiert wird.

Aufgefallen ist mir ein Übergewicht der ökologischen Problematisierung der Wachstumsfixiertheit moderner kapitalistischer Gesellschaften. Demgegenüber gerät ein mindest ebenso kritikwürdiger Umstand ins Hintertreffen: Wachstumsorientierung hindert in „Tateinheit“ mit Ungleichheit und Konkurrenz über vielerlei selbstverstärkende, den Individuen oft unbewusste Mechanismen („Knappheiten“, „Tretmühlen und Hamsterräder“) und kulturelle Normen von Wohlstand etc. systemisch daran, die gegebenen materiellen Voraussetzungen für ein gutes Leben zu nutzen. Dieser übergreifende Gesichtspunkt der Kritik wird zwar vor allem bei Rosa entwickelt, bleibt aber dann weitgehend folgenlos.

Problematisch finde ich auch den mantramäßig wiederholten und nur scheinbar selbstevidenten Spruch von den Grenzen des Wachstums auf einem endlichen Planeten. Weder sind die mikro- und makrokosmischen Möglichkeiten der Inwertsetzung von Natur endlich, noch sind sie physisch auf unseren Planeten beschränkt. Worum es geht, sind die zivilisatorischen, sozialen etc. Risiken des Fortschreitens auf dem Pfad „ökonomistisch-wachstumsgesellschaftlicher“ Naturbeherrschung. Dessen „Grenzen“ werden durch den Ausgang von Kämpfen um praktische Antworten auf die Frage bestimmt, wie, in welcher Zivilisation, Gesellschaftsform und Natur(-Beziehung) wir leben wollen. Selbst wenn es gelänge, das „ökologische Problem“ innerhalb der Wachstums- und Steigerungslogik zu befrieden, blieben triftige Gründe, nach Alternativen zu suchen.

Dem Atlas sind viele Leser zu wünschen. Er eignet sich sowohl für Neueinsteiger in die PW-Debatte, bringt aber auch Insidern Neues und kann auch als faktenreiches Nachschlagewerk genutzt werden.

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