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Warum der Wald kein grünes Wachstum braucht

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Wälder sind Lebensgemeinschaften, die sich seit ca. 300 Millionen Jahren vielfältig an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Seit dem Mittelalter verstärkte sich jedoch der negative Einfluss des Menschen auf diese Umweltbedingungen. Das Ausmaß und die Geschwindigkeit ihrer Verschlechterungen haben mit der Industrialisierung und dem damit einhergehenden Wirtschaftswachstum (von 1950 bis 2010 ist das deutsche BIP um mehr als 500 % angestiegeni) derart zugenommen, dass nach Ansicht der Geological Society of London die vom Menschen verursachte Emission von Treibhausgasen, die massiven landschaftlichen Veränderungen, die Übersäuerung der Ozeane und die fortschreitenden Verluste der Biodiversität eine Größenordnung erreichen, die das Holozän als zwischeneiszeitliches Zeitalter mit relativ stabilen Bedingungen beenden.

Das Zeitalter, in dem wir uns befinden, wird dementsprechend als Anthropozän bezeichnet und läutet einen neuen stratigraphischen Abschnitt ein.

Bedrohung der heimischen Waldökosysteme

Wälder in Deutschland stehen heute unter einem Anpassungsdruck wie nie zuvor. Waldschäden unterschiedlichster Form und verschiedenen Ausmaßes gab es in Deutschland zwar schon lange. Mittelalterliche Rodungen und die wirtschaftliche Entwicklung mit steigender Industrialisierung, die mit ungeregelten und teilweise sehr intensiven Waldnutzungen verbunden waren, führten bereits vor Jahrhunderten zu lokalen Waldschäden bis hin zu Waldverwüstungen. Seit Anfang der 1980er Jahre werden jedoch in Deutschland und Mitteleuropa bis dahin unbekannte „neuartige Waldschäden“ beobachtet, die frühere Schadenereignisse in ihrer regionalen Ausdehnung und Intensität um ein Vielfaches übertreffen. Nicht nur in Ballungszentren mit hoher Umweltbelastung, sondern auch im ländlichen Raum zeichnen sich seitdem gravierende Vitalitätsverluste der heimischen Wälder ab.

Hohe Schadstoffeinträge aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft belasten Pflanzen und Böden auf vielfache Weise. Immissionen von reaktivem Stickstoff insbesondere aus der Landwirtschaft stören den Stoffwechsel der Bäume, sodass lebenswichtige Funktionen der Waldökosysteme und ihre Dienstleistungen für den Menschen (Trinkwassergenerierung, Schutz vor Überschwemmungen, Lawinen, Steinschlag, Bodenerosion, etc.) aus dem Gleichgewicht geraten. Als Folge von Reparationshieben nach den Weltkriegen und aufgrund von forstwirtschaftlichen Fehlern sind viele Waldbestände labile Monokulturen, die besonders anfällig für Sturmwurf und Insektenbefall sind. Die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels setzen den Wäldern mit Trockenheiten, Starkniederschlägen, Stürmen und anderen Extremereignissen zu. Mängel in der fachlichen Forstpraxis, wie Übernutzung der Bestände und Bodenverdichtungen aufgrund des Einsatzes von Großmaschinen, schädigen die Waldgesellschaften zusätzlich.

Waldschutz statt grünes Wachstum in der Holzwirtschaft

Vor diesem Hintergrund sollten wir alles dafür tun, um die Belastungen für die Waldökosysteme zu verringern und die Stabilität unserer Wälder zu stärken. Da Wälder sich nur langfristig auf veränderte Umweltbedingungen einstellen können, bieten natürliche Waldgesellschaften hierfür die besten Voraussetzungen. Zur Förderung der Vielfalt und Stabilisierung naturferner Forste tragen der Waldumbau zugunsten standortheimischer Baumarten und eine ökologische Wald- und Jagdnutzung bei. Zudem sollten 5 % der deutschen Waldflächen aus der Nutzung genommen werden, um in einem Verbundsystem aus den natürlichen Prozessen vertiefte Erkenntnisse für eine naturnahe Waldbewirtschaftung zu ziehen und Rückzugsorte für bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu erhalten.

Wer den Elefant im Raum, wie Fabian Scheidler es in seiner strukturellen Analyse Das Ende der Megamaschine, die systembedingte Ursachen der fortschreitenden Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nennt, bildlich ausdrückt, im deutschen Wald nicht wahrnehmen will oder kann, wittert in der deutschen Holz- und Waldwirtschaft jedoch einen „grünen“ Wachstumsmarkt: Holz gilt als Baumaterial der Zukunft und erfreut sich für Neubauten als kosten- und energieeffizienter Rohstoff eines wachsenden Absatzes. Insbesondere für die Energieversorgung erlebt Holz als „klimaneutraler“ Rohstoff – bevorzugt in Pellet-Heizungen oder bei der Energiegewinnung mithilfe von Biomasse – eine mittelalterliche Renaissance. Seit 2010 wird in Deutschland schon mehr Holz energetisch genutzt, sprich verheizt, als stofflich verwendet. In den vergangenen 10 Jahren wurde der Holzverbrauch für die Energiegewinnung mit weiterhin steigender Tendenz verdoppelt. Auch die Papierproduktion und der Papierverbrauch in Deutschland folgen einem rasanten Wachstumspfad: Letzterer hat sich seit 1950 mehr als verzwölffacht. Jede/r Bundesbürger/in verbraucht heute durchschnittlich 250 Kilogramm Papier. Jeder fünfte Baum, der auf dieser Welt gefällt wird, landet in der Papierherstellung und fällt damit einer eher wasserfallähnlichen Kaskadennutzung Richtung Müllverbrennung anheim. Wegen dieser Entwicklung ist es nicht verwunderlich, dass der jährliche Rohholzbedarf bereits seit 2009 nicht mehr aus den heimischen Wäldern bedient werden kann. Der jährliche Nettoimport liegt heute bereits bei etwa 6 Mio. Kubikmeter Rohholz (6 % des jährlichen Holzbedarfs), bis 2020 wird ein Fehlbedarf von 30 Mio. Kubikmeter prognostiziert.

Die Waldstrategie 2020 der Bundesregierung empfiehlt deshalb, den jährlichen Holzeinschlag in Deutschland (der von 2001 bis 2008 von 40 Mio. Festmeter auf 70 Mio. gestiegen ist) auf 100 Mio. Festmeter weiter zu erhöhen. Nach Berechnungen des Johann Heinrich von Thünen-Instituts wird damit der jährliche Zuwachs komplett aufgebraucht, aber noch nicht überschritten. Überschreitet die Holzentnahme im Wald den Zuwachs, sinken die Vorräte und der Wald wandelt sich von einer CO2-Senke zu einer CO2-Quelle. Bei anhaltendem Wachstum ist es natürlich nur eine Frage einer kurzen Zeit, wann diese Rechnung auch nicht mehr aufgeht.

Im Jahr 1990 haben die Wälder in Deutschland etwa 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid aufgenommen (8 % der Gesamtemissionen). Im Jahr 2008 nur noch 18 und 2012 nur noch 0,2 Millionen Tonnen, da bereits 97 % des nachwachsenden Holzes genutzt wurden.

Der Gedanke der Nachhaltigkeit verbindet wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit ökologischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit. Diese drei Ziele bedingen einander. Denn auf Dauer ist kein Wirtschaftswachstum vorstellbar, das auf Raubbau an der Natur oder auf sozialen Ungerechtigkeiten beruht. Diese Erkenntnis ist Ausdruck unserer Verantwortung nicht nur für jetzige, sondern auch für künftige Generationen. Was wir heute tun, darf nachfolgenden Generationen die Chancen auf ein Leben in einer intakten Umwelt und in Wohlstand nicht nehmen.“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Food Business Weltgipfel am 18. Juni 2008).

Folgen wir doch endlich dem Rat der Bundeskanzlerin und verjagen den Scheidler’schen Elefanten im Raum schleunigst nicht nur aus dem Wald! Was wir tatsächlich brauchen, ist eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuordnung, die die Abhängigkeit auch von einem noch so grünen Wachstum überwindet.

Das Bergwaldprojekt

Das Bergwaldprojekt ist eine Plattform für alle, die Verantwortung für eine nachhaltige Lebensweise übernehmen wollen – ein Aufruf und eine Einladung zum gesellschaftlichen Engagement. Die Teilnahme an den Projektwochen nützt Dir und dem Wald. Herausforderungen und Selbstwirksamkeit in der ökologischen und sozialen Krise kommen als Selbsterfahrung ins Bewusstsein. Wir bieten Erwachsenenwochen, Waldschulwochen, Unternehmenseinsätze, integrative Wochen mit Menschen mit Behinderung und geflüchteten Menschen. Jede/r kann etwas tun.

Mehr Infos und Anmeldung zu den Einsätzen unter: www.bergwaldprojekt.de.

i Vgl. Atlas der Globalisierung, Weniger wird mehr (2015), S. 14.

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