Rezensionen

Von Spatzen und Tauben

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Manche Menschen nehmen lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand: So greift auch Felix Holtermann in seiner als Buch veröffentlichten Masterarbeit mit dem Titel „Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs“ gleich nach den großen Themen. Wo der Begriff Postwachstum dank Niko Paechs medialer Präsenz Eingang in einige Mainstream-Medien gefunden hat (z.B. Zeit-Artikel vom 03.01.2017 oder schon 2011 in der Süddeutschen Zeitung vom 08.06.2011), die Politik gleichzeitig jedoch vehement an dem Wachstumsparadigma festhält, stellt der Autor die treffende Frage nach der Umsetzbarkeit der Wachstumskritik auf politischer Ebene. Denn – so stellt Holtermann sehr anschaulich dar: Die Wachstumskritik hat bereits eine längere Geschichte. Die ersten Zweifel am Streben nach dauerhaften Wachstum kamen schon zu Zeiten des Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren auf. Diese von Holtermann als „soziale Wachstumskritik“ bezeichnete Form äußerte sich in dem Beklagen des Verlusts traditioneller gesellschaftlicher Werte durch die ökonomische und damit politische Emanzipation breiter Bevölkerungsschichten. Doch auch die „ökologische Wachstumskritik“, die im Zentrum seiner Untersuchungen liegt, hat ihren Ursprung Anfang der 1970er Jahre und erfährt damit seit über 40 Jahren kontinuierlichen – wenngleich auch schwankenden – Zuspruch.

Die Wachstumskritik zwischen Nullwachstum und Nachhaltigkeit

In der Darstellung der Entwicklung der ökologischen Wachstumskritik liegt einer der Schwerpunkte des Buches – und gleichzeitig einer seiner größten Verdienste. Dem Autor gelingt es auf beeindruckend leichte Art und Weise, den Verlauf der Wachstumskritik über die vergangenen Jahrzehnte zu veranschaulichen. Dabei wirft er Fragen auf, beantwortet diese und stellt Ereignisse in Relation zueinander. Das Lesen erinnert eher an die Lektüre eines erstklassig geschriebenen Lehrbuchs als an das einer Abschlussarbeit. Holtermann gelingt eine Systematisierung der Wachstumskritik, die auch für Laien eingängig ist. Die große Linie zieht er zwischen der unter dem Begriff Nullwachstum subsumierbaren Kritik auf der einen und der Forderung nach qualitativem Wachstum – oder einer nachhaltigen Entwicklung –  auf der anderen Seite. Nullwachstum wird vor allem in den Berichten der 1970er Jahre gefordert: Im Bericht „The Limits to Growth“ (Die Grenzen des Wachstums) von 1972, in „Mankind at the Turning Point“ von 1974 sowie im RIO-Bericht von 1976. Der Begriff der Nachhaltigkeit mit der Idee eines auf Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch beruhenden qualitativen Wachstums wurden dagegen im sogenannten „Brundtland-Bericht“ von 1987 geprägt.

Analyse der politischen Umsetzbarkeit

Nach dem Abriss über die theoretische Wachstumskritik folgt die Hinleitung zum eigentlichen Titel des Buches: Die Analyse der politischen Konsequenzen der beiden Kritikstränge und Konzepte zur Umsetzung der theoretischen Wachstumskritik. Holtermann macht deutlich, dass die starke Wachstumskritik, welche auf Nullwachstum abzielt, vor allem in ihren Anfängen mit Meadows et al.‘s Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ nur wenige, radikale Forderungen auf höchster gesellschaftlicher Ebene stellt: Sie vertritt geradezu einen technokratischen, Top-down-Ansatz, der weit von einer demokratischen Umsetzung entfernt ist. Auch im späteren Diskurs stellten Bottom-up-Ansätze in der starken Wachstumskritik noch die Ausnahme dar. Die Vertreter/innen des Konzepts der ausgewogenen Nachhaltigkeit, welche sich für ein qualitatives Wachstum aussprechen, verfolgen hingegen einen demokratischeren Ansatz, der auf Mitbestimmung beruht und die Umsetzbarkeit der politischen Forderungen von Anfang an (seit dem Brundtland-Report) mitdenkt. Daher sei das Konzept qualitativen Wachstums anschlussfähiger an den gesellschaftlichen Mainstream und wurde überhaupt in die politischen Debatten aufgenommen. Der Autor schließt aus den vorangegangenen Ausführungen, dass es sich bei der starken Wachstumskritik mit der zentralen Forderung nach einem Paradigmenwechsel hin zum Nullwachstum um eine politische Utopie handelt, deren Umsetzung er als sehr unwahrscheinlich einstuft, da sie die politische Ordnung durch radikale Umgestaltungskonzepte wie globale Umverteilung, Konsum- und Investitionslenkung oder Vergesellschaftung grundlegend in Frage stellt. Anders verhält es sich indessen beim Paradigma des qualitativen Wachstums: Eine Umsetzung der politischen Forderungen erscheint realistischer, da die bestehende politische Ordnung nicht grundsätzlich anzweifelt.

Wo doch diese Einschätzungen des Autors für sich stehend bereits gut nachvollziehbar sind, kommt die in diesem Zusammenhang vorgenommene Einordnung der Vertreter/innen der jeweiligen Kritikstränge in das politische Spektrum „links“ oder „nicht links" etwas hurtig daher und wäre für die Eindrücklichkeit der Darstellungen nicht nötig gewesen. Dieser Kritikpunkt tut jedoch der allgemeinen Verständlichkeit des Textes keinen Abbruch.

Mehr Tauben?

Ausgehend von den Einordnungen zur Umsetzbarkeit der Wachstumskritik erscheint das positiv ausfallende Fazit des Autors etwas überraschend. Obgleich die Forderung nach Nullwachstum eine politische Utopie darstellt, verzeichnet Holtermann die Geburt des Nachhaltigkeitsparadigmas als den einen großen Verdienst dieser starken Wachstumskritik. Abschließend blickt er sogar optimistisch in die Zukunft. Wäre es an dieser Stelle nicht aber viel wünschenswerter, sich hier um eine andere Taube auf dem Dach zu bemühen statt sich mit dem Spatz in der Hand zufrieden zu geben?

Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass dieses Buch eine gelungene und sehr lesenswerte Analyse der Frage danach bietet, warum eine politische Umsetzung auch nach mehr als 40 Jahren Wachstumskritik nur mühsam vorankommt.

 

Felix Holtermann: Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs. 2016. LIT Verlag, Münster, 141 Seiten.

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von

Anja Höfner hat Soziologie (B.A.) und Nachhaltigkeitsökonomik (M.A.) studiert und arbeitet als Forschungsassistenz am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung zu dem Thema Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation. In bisherigen Forschungsarbeiten hat sie sich mit den Themen Commons und kollaborativer Ökonomie beschäftigt.

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