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Von der Knappheit in die Fülle

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Einem bedrohlichen Überfluss bei Teilen der Weltbevölkerung steht unverkennbar Knappheit von Lebensnotwendigem bei einer Vielzahl gegenüber. Ein immer noch viel zu wenig hinterfragtes Wachstumsstreben will dem Mangel entgegenwirken. Wissenschaftlich entwickelte man Gedankenspiele, wie den sogenannten „Trickle-Down-Effekt“. Damit lässt sich einreden, dass Reichtum und gutes Leben wie das Wasser in einem überquellenden mehrschaligen Brunnen auf irgendeine Weise den Weg von Reich zu Arm finden würde. Erfolglos. Die Lebensbedingungen aller Lebewesen auf der Erde verschlechtern sich aus meiner Sicht dramatisch, ökologisch und sozial.

Alljährlich vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos wird die neueste Forschung zur Entwicklung des Verhältnisses von Reichtum und Armut veröffentlicht. Die Zahl der Milliardäre, derer es bedarf um das Geldvermögen der ärmere Hälfte der Menschheit aufzuwiegen, sinkt von Jahr zu Jahr. Das Weltumverteilungsmonopoly wird weitergespielt als gelte es, den Sieger, der am Ende alles haben wird, herauszufinden.

Die Grenzen individuellen Handelns

Postwachstum braucht mehr als den Hinweis darauf, was der Einzelne tun kann. Insbesondere, wenn sich diese Handlungsempfehlungen für die gegenwärtig aufs Rentenalter zustrebende Babyboomer-Generation als ein „Back-to-the-70s“ anfühlt. Damals wurde Suffizienz und Subsistenz in mindestens dem Maße gepflegt, wie es als Forderung zur Erreichung des Postwachstumsziels im Raum steht. Zwangsläufig, denn es gab den globalisierte Gigantismus in allen Produktionsbereichen noch nicht, schon gar nicht in Bezug auf die Lebensmittelproduktion. Heute gibt es ihn, in mehr als 40 Jahren entstanden und – wenn überhaupt – nur in Jahrzehnten wieder rückbaubar.

Selbstverständlich kann man individuelles Verhalten verändern und damit einzelne Entwicklungen beeinflussen. Wenn diese jedoch innerhalb umfassenderer Prozesse ablaufen, die nicht nur mächtiger sind, sondern auch weitgehend unbeeinflusst von individueller Verhaltensänderung, dann stellt sich die Frage: Bedarf es nicht grundsätzlicherer Umgestaltungen, um den Veränderungsimpuls vom Individuum zu einem wirkungsvollen und umfassenden zu machen?

Knappheitsquellen differenziert analysieren

Hilfreich könnte dafür ein veränderter Blickwinkel sein. Statt nur auf den bedrohlichen materiellen Überfluss zu fokussieren, sollte auch ein analysierender und forschender Blick auf Knappheiten geworfen werden. Und zwar insbesondere auf jene, welche die Wirtschaft beherrschen. Das beginnt bei dem, was jeder Mensch zum Leben braucht, dem Grund und Boden, und endet noch nicht bei dem, wonach mittlerweile alle streben: Geld.
„Effizienter Umgang mit knappen Ressourcen“ ist per Definition Wirtschaften. Alternative Kräfte beginnen zaghaft sowohl die Effizienz als auch die Knappheit zu hinterfragen, was nicht ohne Widersprüche abläuft. Beides kann nämlich in sämtliche Richtungen ausgelegt werden: Für den Börsenspekulanten ist die Krönung der Effizienz die Null-Anstrengung, die er brauchte um bei einem Deal in Sekundenschnelle den Maximalprofit zu erzielen. Für den Nachhaltigkeitsexperten ist der schonende Umgang mit den Naturressourcen mit dem Begriff Effizienz verbunden und positiv konnotiert. Für den erfolgreichen Manager ist die Knappheit an Grund und Boden, von Schürfrechten, Patenten, Urheberrechten oder dergleichen ein willkommenes Spielfeld für den spekulativen Gewinn des „schnellen Geldes“. Für den Umwelt-Aktivisten ist die Knappheit intakter Ökosysteme schützens- und erhaltenswert. Sie kann wirtschaftlichen Interessen nicht energisch genug entzogen werden. Die Antwort, wie das jedoch ohne grundlegende Veränderungen, beispielsweise in Eigentumsfragen, ablaufen soll, bleiben viele Nachhaltigkeitsexperten schuldig.

Es ist kein Widerspruch, mit Bestrebungen über individuelle Verhaltensänderungen zum Postwachstumsziel zu gelangen und damit die Forderung nach Auflösung künstlicher, per Gesetz legitimierter Knappheiten zu verbinden. Vielleicht ist es gar die Voraussetzung, um zu einer von der Gesellschaft getragenen Wende zu kommen und in eine „Postknappheits-Wirtschaft“ zu gelangen.

Der Lernort Wuppertal will auf diesem Gebiet den Gedankenaustausch befördern. Vom 19. bis zum 21. Februar gilt das Motto: »Von der Knappheit in die Fülle – ein anderes Zukunftsbild des Wirtschaftens.« Mit Workshops, Vorträgen und offenen Gesprächen sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie Postwachstumsbestrebungen die umfassenderen Prozesse verändern können.

Informationen und Anmeldung unter: http://lernort-wuppertal.de

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