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Prozesse einer Postwachstumsplanung

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Improvisieren und Spielen zur Überwindung von Denkblockaden

Wir brauchen eine offene Stadt, die unvollständig, fehlgeleitet, konfliktreich und nichtlinear ist!
(nach Richard Sennett)

Eine Postwachstumsplanung dreht sich um Räume, benötigt neue Denkweisen, hinterfragt individuelles Eigentum, stellt sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt, bewegt sich zwischen Zwang und zwangfreiem Vorgehen und braucht alternative Kriterien für Erfolg. Das sind zusammengefasste Erkenntnisse aus dem IdeenLabor „Akteure einer Postwachstumsgesellschaft“ am 29. Juni 2017 in Dortmund. Was bedeutet das für unsere eigenen Rollen und Herangehensweisen in Planungsprozessen? Welchen Mehrwert bietet bewusstes Spiel für eine kreative und improvisierende Postwachstumsplanung? Diesen Fragen widmete sich das IdeenLabor „Prozesse einer Postwachstumsplanung“ am 21. September 2017 in Wuppertal in den Räumen der Utopiastadt. Die Veranstaltung wurde aus dem Jungen Forum NRW der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL, siehe www.arl-net.de/projekte/jufo) organisiert.

Stadtplanung und Stadtentwicklung arbeiten oft mit festen Rollenbeschreibungen für Akteure: Planer/in, Investor/in, Politiker/in, Umweltverband, Bürger/innen. 25 Teilnehmende haben sich auf die Fragen eingelassen: Können wir durch ein Spiel mit Rollen aus zugewiesenen Schubladen ausbrechen, in ganz anderen Wegen denken und neue Informationen integrieren? Mit welchen inneren und äußeren Konflikten müssen wir dann rechnen? Ist ein spielerischer Ansatz geeignet, Blockaden zu überwinden, neue Verknüpfungen zwischen Akteuren und Denkweisen zu finden und reflektierter wie demokratischer mit Optionen zu planen – für mehr Lebensqualität (und vielleicht auch Glück) in einem guten Leben für uns alle?

Planung, Improvisation und Spiel – Postwachstumsplanung braucht experimentelles und künstlerisches Handeln!

Idee der Veranstaltung war, ein Experiment zu wagen: was können wir über uns selbst und unsere Verhaltensweisen lernen, wenn wir mit anderen Rollenverständnissen denken? Wie spielen wir mit unseren möglichen Rollen und der Zeit? Wann sollten wir was machen? Welche Bausteine brauchen wir und setzen wir zusammen? Wie bauen wir den Prozess auf, an dessen Ende wir eine Entscheidung treffen können?

Diskussion mit Dr. Gérard Hutter (Foto: Christian Lamker)

Die Veränderung etablierter Verfahrensweisen, Denkstrukturen und Verhaltensweisen erfordert Improvisation und eine neue Verbindung zum Thema Stadtentwicklung und in die Zukunft gerichteter Planung. Ähnlich wie klassische Musiker/innen Schwierigkeiten mit Jazz haben und improvisiertes Musizieren erst ‚lernen‘ müssen, sollte das Plan-Rollen-Spiel eine kreative Diskussion starten, die sich von starren Zuweisungen an einzelne Akteure und vorgefertigten Meinungen löst. Start für die Diskussion war ein Input von Dr. Gérard Hutter (Institut für ökologische Raumentwicklung, Dresden) zur Frage „Was ist Improvisation?“. In seiner Präsentation hat er auf Basis von Karl Weick eine Unterscheidung zwischen Improvisation als Notlösung, als strategische Option, als etablierte Praxis sowie als Haltung und Lebenskunst vorgestellt und anhand von Beispielen aus der Musik zwischen klassischer Musik bis zum Jazz diskutiert.

Plan-Rollen-Spiel – eine gemeinsame Herausforderung

Der Denkhintergrund war eine alltägliche Herausforderung für Planer/innen. Es gibt eine größere Brachfläche, für die sich unterschiedliche Nutzungsinteressen formieren. Eine solche Fläche grenzt unmittelbar an die Utopiastadt und die Nordbahntrasse. Sie ist derzeit kaum genutzt, aber gut erschlossen, zentral gelegen und direkt erreichbar für viele lokale Bewohner/innen. Gleichzeitig profitiert ihre Attraktivität von der Lage und das Interesse von Stadtplanung und Investoren geht über das Quartier und die Lebensqualität der dort lebenden Menschen hinaus. Akteure mit ihren Interessen prallen aufeinander, ausgesprochene und versteckte Konflikte wachsen und eine gemeinsame Perspektive wurde noch nicht entwickelt. Klar ist auch: alles wird nicht gehen, nichts zu tun ist aber auch zu wenig.

Teams aus jeweils vier bis sechs Personen bekamen kurze Beschreibungen von Rollen, dazugehörigen Verhaltensweisen und grundlegenden Zielen zugelost. Das Ziel war es, ein Vorgehen zu skizzieren, mit dem über eine Nutzung für die Fläche entschieden und diese Entscheidung später Realität werden kann. Alle mussten sich an diese „Spielregeln“ halten, sollten aber darüber hinaus völlig frei ihre Gedanken durchspielen.

Inspiration für Prozesse einer Postwachstumsplanung (Foto: Christian Lamker)

Rollen sind hier ein „Ausschnitt des Verhaltens eines Menschen, der als Rolle erwartet wird […] [und] von vielen auswechselbaren Menschen wahrgenommen werden kann“ (Luhmann 1987: 430). Das heißt, eine Rolle beschreibt keinen bestimmten Menschen oder Eigenschaften einer bestimmten Person. Ein beobachtbares Verhalten kann aber von anderen Menschen als Rolle erkannt werden. Jede Rolle fasst komplexe Verhaltensweisen zusammen, die von einer Person ausgeübt und damit auch von jedem/r von uns gedacht werden (angelehnt an Lamker 2016). Mithilfe von Rollen können wir neu diskutieren über Selbst- und Fremdbilder und die Möglichkeiten, mit der großen sozial-ökologischen Transformation im eigenen Handeln zu beginnen, denn: „Only by challenging ourselves, can we then challenge planning.“ (Gilliard et al. 2017).

Mögliche Verhaltensweisen:

Analysieren, Argumentieren, Beobachten, Beurteilen, Diskutieren, Entwickeln, Erforschen, Experimentieren, Festlegen, Hinterfragen, Koordinieren, Kritisieren, Managen, Moderieren, Navigieren, Ordnen, Sichern, Testen, Überzeugen, Unterstützen, Verwalten

Zur Verfügung gestellte Rollen:

Anführer/in, Anwält/in/Beschützer/in, Erforscher/in, Inspirator/in, Makler/in, Moderator/in, Strategische/r Navigator/in, Technische/r Problemlöser/in, Joker

Jede Rollenbeschreibung beinhaltete eine Beschreibung mit Antworten auf die Fragen: Welche Verhaltensweisen sind charakteristisch für die Rolle? Wie geht die Rolle mit Informationen um, wie mit unterschiedlichen Akteuren? Und wonach fragt sie und was stellt sie infrage? Was steht im Zentrum des Handelns? Wofür übernehmt ihr Verantwortung und was ist ein Erfolg für euch? Die Möglichkeit, eine eigene Rolle zu gestalten (Joker) hat kein Team genutzt.

In Rollen alternative Verhaltensweisen denken!

Die wichtigsten Themen und größten Probleme, die während des Durchspielens der Rollen aufgefallen sind, unterscheiden sich fundamental. Probleme waren das Erreichen von Benachteiligten und die Organisation und Finanzierung eines aufsuchenden Quartiersmanagements (Anwält/in/Beschützer/in), lineare oder chaotische Prozesse (Inspirator/in), der Zielfindungsprozess (Strategische/r Navigator/in) und die Bedeutung von Zeit und Führungsstil (Anführer/in). Die kreative Umgebung der Utopiastadt führte dazu, dass sich alle Anwesenden – trotz sehr unterschiedlicher Hintergründe und Erfahrungen (Aktivist/innen, Student/innen, Professor/innen, Utopist/innen, Planer/innen, …) – auf Augenhöhe auf das Experiment einlassen konnten. Kein Team konnte eine konfliktfreie Ideallösung finden – die Frage bleibt, wie tatsächlich alle Menschen gemeinsam in den Mittelpunkt einer Planung gestellt werden können.

Plan-Rollen-Spiel in vier Teams (Foto: Christian Lamker)

Nach der Sammlung von Erkenntnissen aus der ersten „Spielrunde“ hat Dr. Christian Lamker (TU Dortmund) einen Kurzinput zum Thema „Prozesse in der (Stadt-)planung“ gegeben. Matthias Wanner (TransZent Wuppertal) hat weitere Informationen zur Utopiastadt und der Diskussion rund um den Utopiastadt Campus ergänzt. Erstaunliche Erkenntnis im Anschluss: die Diskussion fällt zurück in einfache Dichotomien der Interessen von Akteuren und verlässt zunehmend die kreativen Bahnen, die vorher entwickelt wurden. Einen Prozess anders zu denken fällt schwer, wenn klassische Informationen (räumliche Situation, Eigentumsverhältnisse, bestehendes Planungsrecht) als Ausgangspunkt vorgegeben werden. Gleichzeitig sind viele Teams in der Argumentation ‚ihrer‘ Rolle geblieben und haben sich diese über das kurze Plan-Rollen-Spiel hinaus zu eigen gemacht.

Postwachstumsplanung kann und darf scheitern!

Erfolg und Scheitern stehen in einer Postwachstumsplanung sehr eng beieinander, mitunter überschneiden sie sich sogar. In der Diskussion kamen eher klassische Erfolgskriterien hervor (das Gebiet wird neu genutzt, ein Plan wird umgesetzt), aber auch neue Erfolgskriterien – beispielsweise ein Gleichgewicht zwischen Akteuren und mit der Natur, das Erzeugen eines „Wir-Gefühls“ durch Planung oder Planung als Abbild der Gesellschaft. Dabei können neue Datengrundlagen (z. B. Open Data, Citizen Science) und Herangehensweisen (z. B. Reallabore) maßgeblich unterstützen. Planung sollte die eigene Kontrolle bewusst einschränken und sich auf einen offenen Prozess einlassen, Entscheidungen nicht zu früh treffen, aber auch die Grundfunktionen des öffentlichen Lebens aktiv bearbeiten und durch geeignete Wege kontrollieren. Scheitern ist vor diesem Hintergrund möglicherweise unvermeidbar – muss aber anerkannt werden und zu gemeinsamen Lernprozessen und Veränderungen führen.

Jede/r kann etwas verändern – Postwachstumsplaner/in sind wir alle!

Die von den ersten Lebensformen entwickelte Fähigkeit, innere Bilder zu übernehmen, zu erweitern und zur Lenkung des eigenen Wachstums und zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung zu nutzen, hat damit eine neue Qualität eingenommen: Das bis dahin sichtbare und messbare Wachstum ist in ein immaterielles, nicht sichtbares und nicht messbares Wachstum umgeschlagen. Leben ist – wenngleich noch immer an materielle Strukturen gebunden – zu einem geistigen Wachstumsprozess geworden.“ (Hüther 2004: 100)

Postwachstumsplanung darf nicht mit Stillstand verwechselt werden. Es geht nicht darum, Veränderung zu verhindern – auch ohne Planung verändern wir uns und verändern sich Orte und Räume. Wandel ist unverzichtbarer Teil von Menschen, Räumen und Städten, er darf aber nicht nur durch ökonomische Aspekte getrieben werden. Vielmehr geht es darum, Veränderung aktiv zu gestalten und mit unseren Fähigkeiten zu wachsen statt Erfolg in der baulich-räumlichen oder ökonomischen Nutzung zu suchen. Mit dem Postwachstums-Begriff ist ein normatives Zielsystem impliziert, das für Planung noch ausgestaltet werden muss und in dessen Rahmen sich Planungsprozesse dann bewegen können.

„Postwachstumsplaner/in sind wir alle!“ – Anders gesagt: jede und jeder kann etwas verändern, und das heute schon! Es geht darum, an der Schnittstelle zwischen Postwachstumsgesellschaft und räumlicher Planung bzw. Stadtplanung Veränderungen zu erreichen, die zu einem guten Leben für alle beitragen. Es geht nicht um ein gänzlich neues System, sondern auch um erreichbare Veränderungen und wichtige Anknüpfungspunkte, die auch heute schon von allen Akteuren der Stadtplanung und Stadtentwicklung aufgegriffen werden können. Auf der anderen Seite muss Postwachstumsplanung immer neu austariert werden zwischen radikalem Wandel und kleinteiliger Veränderung – radikale Alternativen zu denken sollte zwingend zu ihrem Repertoire gehören.

Das Plan-Rollen-Spiel hat deutlich gemacht, dass es ein Spektrum unterschiedlicher Rollen gibt, in den wir alle denken können. Der Suchraum zwischen starrem Festhalten an bestehenden Rollen und einem vollständigen Paradigmenwechsel sollte stärker in den Fokus genommen werden. Befreiend wirkt es, spielerisch und improvisierend über gängige Dichotomien und Annahmen hinweg zu denken. Wir können uns in gänzlich andere Rollen hineinversetzen, damit spielen und etwas über uns selbst lernen. Und damit uns selbst, unsere Ziele und unsere Rollen reflektieren. Der Ball geht auch an uns alle, unser Handeln und unsere gemeinsame Verantwortung.

Wir laden Sie alle zur Fortsetzung der Diskussion mit uns, allen Interessierten und auf www.facebook.com/postwachstumsplanung.de und www.postwachstumsplanung.de ein!

 

Quellen:

Gilliard, Lukas; Wenner, Fabian; Lamker, Christian Wilhelm; Willems, Jannes; van den Berghe, Karel (2017): Potentials of Entrepreneurial Thinking for Planning. Debates during the 11th AESOP Young Academics Conference. In: disP – The Planning Review 53 (3), S. 94–100. DOI: 10.1080/02513625.2017.1380439.

Hüther, Gerald (2004): Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lamker, Christian Wilhelm (2016): Unsicherheit und Komplexität in Planungsprozessen. Planungstheoretische Perspektiven auf Regionalplanung und Klimaanpassung. Lemgo: Rohn (Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung, 6).

Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: suhrkamp (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 666).

Sennett, Richard (2013): Open City. Festrede anlässlich der Eröffnung des Präsentationsjahres der Internationalen Bauausstellung Hamburg am 23. März 2013 im Bürgerhaus Wilhelmsburg. Hamburg, 23.03.2013. Online verfügbar unter http://www.iba-hamburg.de/fileadmin/Die_IBA-Story/IBAmeetsIBA-Vortrag_Sennett_IBAmeetsIBA.pdf, zuletzt geprüft am 20.06.2014.

 

Beitragsbild: © Christian Lamker

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von

Viola Schulze Dieckhoff ist Raumplanerin und arbeitet aktuell am Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie der TU Dortmund. Auf beruflichen Stationen in Berlin und Erfurt, Forschungsreisen nach Italien, Schweden und Australien sowie durch das Mitbegründen der Freiraumgalerie in Halle/Saale sammelte sie Fragen und Eindrücke, die sich insbesondere mit raumbezogenen Allmendegütern und dem Potenzial und Grenzen von Selbstorganisation für eine nachhaltige Stadtentwicklung auseinandersetzen. // Dr. Christian Lamker ist Raumplaner und seit 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund tätig. In Dortmund, Auckland und Melbourne hat er studiert und gearbeitet. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Planungstheorie, Planungsprozesse und -verfahren, Raumordnung und der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Er ist aktiv in der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) als Mitglied des Lenkungskreises, Sprecher der Regionalgruppe NRW und Mitglied der NRW-Arbeitsgruppe Postwachstumsgesellschaft.

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