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Postwachstum trifft auf Stadt- und Raumplanung

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Postwachstumsgesellschaft mit räumlicher Planung zusammenzubringen bringt komplexe Fragestellungen hervor. Was passiert, wenn etablierte Planungswissenschaftler/innen und Planungspraktiker/innen auf Postwachstumsdiskussionen treffen? Welche Veränderungsperspektiven löst der Begriff und lösen damit verbundene konzeptionelle Vorstellungen aus? Dr. Christian Lamker und Viola Schulze Dieckhoff (beide TU Dortmund) haben in einem World Café mit etwa 50 Anwesenden darüber diskutiert.

Die Initiative Postwachstumsplanung, entstanden aus dem Jungen Forum NRW der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), hat am 24. November 2017 in Münster dazu diskutiert. Eingebracht wurden auch Erfahrungen aus drei IdeenLaboren zu Räumen, Akteuren und Prozessen einer Postwachstumsgesellschaft zwischen Mai und September 2017. Anlass und Diskussionsrahmen war eine Sitzung der Landesarbeitsgemeinschaft NRW der ARL, auf der an sechs Thementischen aktuelle Themen und mögliche zukünftige Arbeitsschwerpunkte offen diskutiert wurden.

Ausschnitt aus der Diskussion (Foto: Christian Lamker)

Am Thementisch Postwachstumsplanung stand die Frage „Welche kritischen Diskussionen fehlen derzeit in einer wachstumsorientierten Stadt- und Raumplanung?“ am Anfang. Das Aufgreifen von Postwachstumsdiskussionen – wie sie in der Ökonomie, aber zunehmend auch in anderen Disziplinen – geführt werden, ist ein wichtiger Baustein dafür. Für Planer/innen ist die Frage offen, ob die Diskussion eher aus einer Not heraus geführt werden sollte (z. B. als Reaktion auf begrenzte Ressourcen) oder wegen ihrer positiven Qualitäten (z. B. mit den Zielen eines glücklichen und guten Lebens für alle Menschen) wichtig ist.

In den World Café-Runden waren die fünf großen und mitunter kontroversen Themen:

  • Begriff Postwachstumsplanung: Die Anwesenden beschäftigte die Frage, wie viel ideologische Aufladung und Überladung mit dem Begriff verbunden ist. Die Positionierung im planungswissenschaftlichen Diskurs muss dazu geklärt werden und mit Ethik und Werten für eine Planung verbunden werden, die sich mehr dem Motto „Gut leben statt viel haben“ zuwendet. Zeit und Entschleunigung sind wichtige Faktoren, die in der Planungsdiskussion vertieft werden sollten. Der Begriff beinhaltet ein Dilemma zwischen grundlegender Theorie, damit verknüpften Modellen und dem konkreten planerischen Handeln.
  • Bewertungskriterien: Für Planer/innen fängt die Frage dabei an, ob wir mit der Formulierung eines ‚qualitativen Wachstums‘ statt der Fokussierung auf quantitative Indikatoren arbeiten können. Kriterien zur Bewertung erfordern eine Übereinkunft dazu, inwieweit Postwachstumsplanung ein grundlegend anderes Paradigma darstellt oder in etablierte Denkweisen integriert werden kann (analog zur Frage von Smart Growth oder Green Growth gegenüber der Postwachstumsdiskussion). Die Bewertung einer Postwachstumsplanung benötigt neue Kriterien, die auch qualitative Dimensionen eines guten Lebens stärker aufnehmen müssen (z. B. Happiness-Indizes). Es geht aber auch stärker um die Zugänglichkeit von Planung, die Visualisierung von Daten und räumliche Verteilungsfragen (z. B. offene Daten, Urban Commons).
  • Orte und Räume: Systemkritische oder gar revolutionäre Postwachstumsansätze stehen im Widerspruch zur Vorstellung von Raumentwicklung unter Planer/innen. Gute Ansatzpunkte liegen in der Suche und Identifikation von Möglichkeits- und Experimentierräumen, in der Förderung bestehender Nischen sowie darin, jeden Ort – insbesondere auch ländliche Orte – in ihren räumlichen Eigenarten ernst zu nehmen. Als Anfang könnte das zunächst einen kritischen Blick auf die aktuelle Diskussion darum bedeuten, möglichst viel und möglichst schnell zu bauen und qualitative Faktoren und langfristige Konsequenzen in den Hintergrund zu stellen. Andere Anwesende sahen die aktuelle Herausforderung für Planung prioritär darin, zuerst neue geeignete Flächen zu identifizieren, zu entwickeln und zu bebauen.
  • Boden: Konflikte um Boden als nicht vermehrbare Ressource sind ein Kernanliegen für die meisten Planer/innen, das derzeit eine neue Aktualität erfährt. Zusätzlich sollte der Fokus stärker gelegt werden auf die Eigentumsrechte an Boden und die Sozialpflichtigkeit von Eigentum nach Art. 14 Grundgesetz. Damit zusammen hängen auch aktuelle Auswirkungen durch einen Wandel in der Bodennutzung und gesellschaftlichen Anforderungen an die Bereitstellung von Wohnraum und den Wohnungsbau.
  • Politik: Grundsätzliche Diskussionen über die gesellschaftliche Organisation von Arbeit und Freizeit, gemeinsame Werte und eine gemeinschaftliche ökonomische Basis (z. B. mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, Sharing Economy) sollten stärker auf ihre räumlichen Auswirkungen geprüft werden. Negative Folgen der Ressourcennutzung brauchen mehr Gewicht in der Diskussion und in der Fördermittelvergabe. Für die politische Diskussion besonders relevant ist aber auch die Vermittelbarkeit von postwachstumsorientierten Ansätzen im Zusammenhang mit Forderungen nach weniger Konsum von Waren und Boden.

Postwachstumsplanung darf nicht verwechselt werden mit einer Planung in schrumpfenden Städten und Regionen. Vielmehr wird eine neue Perspektive auf Planung in den Vordergrund gestellt, die sich an neuen Kriterien orientiert, neue Räume schafft und Mut – von Planer/innen, Politiker/innen und allen Menschen – erfordert. Einig waren sich die meisten Anwesenden darin, dass es zuerst um die Schaffung von Voraussetzungen gehen muss und viele Schritte notwendig sind, um eine Postwachstumsplanung theoretisch zu verstehen, analytisch zu konzeptualisieren und normativ-konzeptionell zu verankern.

In einem zweiten Block von Themen drehte sich die Diskussion um zukünftige Perspektiven zwischen Radikalität und unmittelbarer Umsetzung.

  • Radikalität: In mehreren der World Café-Runden wurden sehr grundlegende Fragen angesprochen. Postwachstumsplanung könnte so heißen, radikalen Wandel vorzudenken sowie Ideale und Utopien für ein gesellschaftliches und räumliches Übermorgen vorzudenken. Dazu würde es dann auch gehören, Raumordnung „zu zerschlagen“ und von unten komplett neu aufzubauen, Planungsinstrumente neu zu erfinden oder darüber nachzudenken, Landes- und Regionalplanung zusammenzuführen. Radikaler Wandel könnte in Szenarien gedacht werden und sollte eine breite theoretisch-konzeptionelle Einbettung bekommen („Man kann nicht nicht planen!“). Auf Arbeitsebene blieb die Frage offen, wer eine geeignete Institution sein könnte, solche grundlegenden Diskussionen zu führen. Viele Anwesende zeigten sich zwar sehr interessiert und forderten teilweise gar die Initiierung entsprechender Arbeitsgruppen, sahen sich selbst oder die ARL aber nicht primär in einer aktiven Rolle. In Richtung der Umsetzung stellen sich hier zudem auch grundlegende Fragen an die Legitimation.
  • Unmittelbare Umsetzung: Auf der anderen Seite haben viele Anwesende Bedenken geäußert, ob radikale Alternativen denkbar sind oder damit Planung insgesamt infrage gestellt wird. Statt großer Utopien könnte Postwachstumsplanung dann die greifbaren Ziele fokussieren, die teilweise bereits politisch und gesellschaftliche verankert sind. Die Reduzierung der Flächenneuinanspruchnahme (30 ha-Ziel, langfristig Reduzierung auf 0 ha) sollte endlich durchgesetzt werden, formelle und informelle Prozesse besser verknüpft werden und die Digitalisierung und neue Organisationsformen tiefgreifender genutzt werden. Bestehende Strukturen und Instrumente können hierzu stabilisiert und in ihrer Durchsetzungskraft gestärkt werden. Alternative „Postwachstumsinseln“ können dann kurzfristige Anknüpfungspunkte sein, einen größeren Wandel zu testen und langsam zu lernen.

Der Begriff inspiriert zum kritischen Nachdenken und Reflektieren, ist aber für Stadt- und Raumplanung weiterhin schwer greifbar im Sinne konkreter Veränderungen in der aktuellen Praxis. Postwachstum und Planung stehen sich schon begrifflich aus Sicht vieler Anwesender antagonistisch gegenüber, sodass aus der Diskussion kein konkretes Ergebnis im Sinne einer Arbeitsdefinition oder eines Arbeitsauftrags hervorgegangen ist. Es gilt also, aus dieser Spannung etwas Produktives für die zukünftige räumliche Entwicklung zu generieren. Die ersten Stichpunkte bedürfen dafür weiterer Konkretisierung und kritischer Auseinandersetzung.

Fazit zur eingangs gestellten Frage: Der Bedarf für kritische und mitunter kreativ-radikale Diskussionen ist in allen World Café-Runden deutlich geworden. Viele Anknüpfungspunkte für vertiefende Diskussionen, Workshops und Forschungsarbeiten sind entstanden. Wir laden zur Fortsetzung der Diskussion unter www.postwachstumsplanung.de ein.

 

Beitragsbild: © Christian Lamker

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Viola Schulze Dieckhoff ist Raumplanerin und arbeitet aktuell am Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie der TU Dortmund. Auf beruflichen Stationen in Berlin und Erfurt, Forschungsreisen nach Italien, Schweden und Australien sowie durch das Mitbegründen der Freiraumgalerie in Halle/Saale sammelte sie Fragen und Eindrücke, die sich insbesondere mit raumbezogenen Allmendegütern und dem Potenzial und Grenzen von Selbstorganisation für eine nachhaltige Stadtentwicklung auseinandersetzen. // Dr. Christian Lamker ist Raumplaner und seit 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund tätig. In Dortmund, Auckland und Melbourne hat er studiert und gearbeitet. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Planungstheorie, Planungsprozesse und -verfahren, Raumordnung und der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Er ist aktiv in der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) als Mitglied des Lenkungskreises, Sprecher der Regionalgruppe NRW und Mitglied der NRW-Arbeitsgruppe Postwachstumsgesellschaft.

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