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Pierre Fournier: Anführer wider Willen

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Pierre Fournier (1937-1973) ist zu früh verstorben, um ein umfangreiches „Werk“ zu hinterlassen, und gleich mehrere andere Persönlichkeiten sind als Pierre Fournier bekannt geworden, darunter ein Cellist und zwei Comiczeichner. Wenn heute in Décroissance-Kreisen jede/r weiß, welcher Mensch gemeint ist, wenn sein Name fällt, dann weil er ab einem gewissen Zeitpunkt sein Leben dem verzweifelten Kampf gegen die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen gewidmet und letztlich geopfert hat.

Als gelernter Zeichner ergriff er zunächst einen bürgerlichen Beruf bei der französischen Steuerbehörde und zeichnete nur nebenbei. Nach Ablehnungen bei allen namhaften Zeitungen veröffentlichte er 1962 erste Zeichungen in Hara-Kiri, der Zeitung, die später infolge einer staatlichen Zensurmaßnahme in Charlie Hebdo umbenannt werden würde. Dort lässt man ihn gewähren, als er, mittlerweile als hauptberuflicher Zeichner und Autor, ab 1967 nach einer Ölpest in der Bretagne unter dem Pseudonym Jean Neyrien Nafoutre de Séquonlat („J’en ai rien à foutre de ces cons-là“ = „Mit den Idioten habe ich nichts am Hut, die gehen mir am Arsch vorbei“) in immer längeren und ernsteren Artikeln die Umweltzerstörung anprangert, die bis dato nur in den wenig auflagenstarken christlichen und rechtsextremen Zeitungen thematisiert wird. Bald geht es um die atomare Bedrohung und Verseuchung, dann um Pestizide, den Tourismus, um pharaonische Infrastrukturprojekte und unsoziale Städteplanung.

1969 veröffentlicht er ein erstes „ökologisches Manifest“ und nutzt seine Zeitungsseiten zur Agitation gegen den Reaktorbau in Fessenheim und Bugey, gegen die Erweiterung des Militärgeländes von Larzac und andere heute noch bekannte Orte des Widerstands gegen staatliche Willkür und Technokratie. Wenn es so weitergeht, sagt er, hat die Menschheit nur noch wenige Jahrzehnte vor sich. Tausende folgen seinen Protestaufrufen, Fournier wird zum Sprachrohr der entstehenden ökologischen Bewegung. Statt weiterhin halb Paris für den Kauf von Biobrot und -gemüse zu durchqueren, zieht er aufs Land und versucht, mit Gleichgesinnten eine Kommune zu gründen. Der Versuch scheitert an den falschen Vorstellungen seiner Mitstreiter/innen, aber er kehrt nicht mehr in die Metropole zurück, sondern hält trotz Familie mit kleinen Kindern an der Idee eines zwar mühsamen, aber authentischen Lebens in kleinen Dörfern fest und beklagt mit bittersten Worten deren Zerstörung durch Straßenbau und quasi unreglementierte Renovierungen und Neubauten.

Die Auseinandersetzungen mit den etablierten Medien, die er der Blindheit gegenüber den drängenden ökologischen Problemen und der Parteinahme gegenüber der Industrie bezichtigt, zwingt ihn zu noch stärkerer wissenschaftlicher Absicherung, zu noch genauerer Argumentation, und er sucht den Kontakt zu prominenten Warnern wie Linus Pauling, Alexandre Grothendieck, Bernard Charbonneau oder Ralph Nader, mit unterschiedlichem Erfolg. Seine Radikalisierung insbesondere bezüglich der vermeintlichen Neutralität der Wissenschaft führt auch immer öfter zu Streit mit seinem Chefredakteur François Cavanna. Trotzdem (oder ebendarum) erscheint Ende 1972 im selben Verlag Fourniers eigene Monatszeitung, La Gueule ouverte (das offene Maul), das erste ökologische Periodikum Frankreichs. Wenig später stirbt er, erschöpft, an einem Herzinfarkt infolge einer lange bekannten Herzdeformation.

Fournier hat mit seinen Seiten in Hara-Kiri/Charlie Hebdo wachgerüttelt, informiert, koordiniert und die etablierten Medien zur Beschäftigung mit der Umweltzerstörung und ihren Gegner/innen gezwungen. Er war der Hauptinitiator der ersten Anti-Atom-Demo Frankreichs und gehört zu den Gründern der französischen Umweltbewegung. Anders als so vielen erst später auf den Öko-Zug aufgesprungenen 68ern war ihm der Erhalt der Natur und der menschlichen Lebensgrundlagen von vorneherein das Hauptanliegen.

Wem Fourniers „Katastrophismus“ heute als überholt oder unangemessen erscheint, möge Folgendes bedenken: Die meisten seiner Sorgen sind heute aktueller denn je. Wenn einige Katastrophen noch nicht eingetreten sind, so weil die dank seiner Arbeit entstandenen Protestbewegungen einiges bewegt haben, aber auch, weil die Natur in vielerlei Hinsicht widerstandsfähiger, „resilienter“ ist, als man damals annahm. Andererseits: In wievielen Punkten lag er richtig? Tschernobyl und Fukushima, das größte Artensterben seit 65 Millionen Jahren, die Verseuchung der Böden, der Luft und der Meere, die Abhängigkeit von Massenmedien und Maschinen aller Art hat er bereits vor 50 Jahren vorhergesehen.

Zurzeit gibt es wahrscheinlich in ganz Europa keinen so unerbittlichen und integren Fürstreiter für eine „ökologische Revolution“ wie den Anführer wider Willen Pierre Fournier.

Illustration © Valérie Paquereau

Literatur:

Pierre Fournier: La vie des gens. Paris: Square 1971.

Pierre Fournier: Où on va? J’en sais rien mais on y va. Paris: Square 1973.

Pierre Fournier: Y’en a plus pour longtemps. Paris: Square 1975.

Pierre Fournier: Carnets d’avant la fin du monde. Paris: Les Cahiers dessinés 2003.

Patrick Gominet, Danielle Fournier: Fournier, précurseur de l’écologie. Paris: Les Cahiers dessinés 2011.

Laurent Fournier: Pierre Fournier. In: Cédric Biagini, David Murray, Pierre Thiesset: Aux origines de la décroissance. Paris: L’échappée 2017.

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Marc Hieronimus ist Historiker, Philosoph, Comicforscher und Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Zu seinen Interessen und Forschungsgebieten gehören der Nationalsozialismus im Comic, die Wirkung visueller Medien, Gesellschafts- und Technologiekritik, Karikatur, die Magie in Mittelalter und Moderne, Tiefenpsychologie, "wilde" Lebensformen u.v.m. Seine Gedichte, Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen, darunter der Lichtwolf. Nach einigen Jahren in Frankreich lebt er heute mit seiner Familie am Waldrand von Köln. Weitere Informationen unter www.marc-hieronimus.de.

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