Rezensionen

Ökologischer Kapitalismus vs. grüner Sozialismus – das Transformationsmodell von Hans Thie

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In meinem letzten Beitrag habe ich mich kritisch mit dem Konzept „Intelligent wachsen“ von Ralf Fücks auseinandergesetzt: Es beschränkt sich auf eine Moderniserung des Bestehenden, ohne die sozial-ökologischen Kosten eines grünen Kapitalismus ausreichend zu reflektieren. Im Folgenden erörtere ich die Transformationsperspektive von Hans Thie und stelle sie dem Fücks’schen Konzept gegenüber.

Hans Thie – Rotes Grün

Hans Thie setzt mit seinem Buch „Rotes Grün“ einen wichtigen Gegenakzent zu der von Ralf Fücks imaginierten ökologischen Erneuerung des Kapitalismus. Auch er hebt die Innovationskraft gesellschaftlicher Akteure hervor. Aber im Unterschied zu Fücks macht er gerade daraus ein kapitalismuskritisches Argument. Denn es ist die kapitalistische Form, vor allem in Gestalt des Privateigentums, die die von Fücks (Fücks 2013, 137) so genannte „reflexive Innovation“ heute hemmt, anstatt sie zu fördern. Wie Thie am Beispiel der Wissensproduktion, der die Kooperation gleichsam innewohnt, zeigt, haben sich in zentralen gesellschaftlichen Bereichen Kräfte herausgebildet, die über den Kapitalismus hinausweisen. „Denn die Ökonomie des Geistes ist umso produktiver, je allgemeiner, je weniger privat sie ist. Geistige Arbeit und geistige Produkte fühlen sich in ihrer bürgerlichen Eigentumsform nicht wohl“ (Thie 2013, 101).

Thies Intention ist es, in den längst keimenden, aber von den kapitalistischen Formen an der Entfaltung gehinderten Alternativen die Prinzipien einer neuen Gesellschaftsordnung zu identifizieren. „Signale der Hoffnung“ sollen benannt und in einen Zusammenhang gebracht werden. Dies ist in der Tat ein wichtiges Anliegen, denn die vielerorts praktizierten Ansätze bleiben „bisher zu schwach und unverbunden“, sie bedürfen gemeinsamer Erzählungen, „die den Veränderungswillen stärken, weil er dann mit gedanklicher Gewissheit auftreten kann.“ (ebd., 121) Genau darin sieht Thie auch die Rolle einer grünen Linken, die sich als politische Strömung gleichwohl noch konstituieren muss: Es geht darum, „Leitideen zu entwickeln, die eine für das ökologische Zeitalter passende Eingriffstiefe formulieren“ (ebd., 63).

Ökologischer Imperativ und neue Eigentumsformen

„Rotes Grün“ enthält diesbezüglich eine Fülle von Anregungen, in denen immer wieder ein zentraler Aspekt aufscheint: die Demokratiefrage. Wo Fücks die Destruktivkraft des Kapitalismus mit dessen Innovationskraft überlisten will, setzt Thie auf Kooperation, Gleichheit und demokratische Planung, wie sie sich vor allem im Konzept der Commons verdichten. Nur auf dieser Grundlage ließen sich die ökologischen Herausforderungen bewältigen. Erst wenn das normativ gebotene gleiche Recht eines jeden Menschen „auf ein Quantum Umweltraum, das mit der Reproduktion der Natur vereinbar ist“, garantiert sei, könne auch „das ökologisch Gebotene verbindlich eingefordert“ werden (ebd., 72). Thie argumentiert hier ausgehend von der Figur des „ökologischen Imperativs“: Vieles von dem, was aus einer linken Perspektive schon seit langem denkbar ist und angestrebt wird, werde unter den Bedingungen der ökologischen Krise zum Muss. Es gehe mithin „um die Einsicht, dass starke Ökologie aus sich selbst heraus die alten linken Prinzipien der Kooperation und der Gleichheit verlangt und zu deren Durchsetzung Planung braucht“ (ebd., 108).

Was sind die sozialen Kräfte einer Transformation?

Die Frage ist, welche organisierten sozialen Kräfte dieser Einsicht zu mehr Nachdruck verhelfen könnten. Hier bleibt das Buch vage. Ohne Zweifel sind die „commonistischen“ (Wissens-)ProduzentInnen zentrale Akteure einer sozial-ökologischen Transformation. Aber welche Rolle spielen zum Beispiel die Gewerkschaften? Statt dies eingehender zu thematisieren, stimmt Thie am Ende seines Buches vorschnell einen Abgesang auf die Arbeiterklasse an. Subjekte grundlegender Veränderung würden heute „nicht mehr in erster Linie sozial-ökonomisch konstituiert“ (ebd., 163). Diese Feststellung verwundert insofern, als der Autor zuvor selbst hellsichtig die Veränderungen im Produktionsprozess analysiert und auf ihre ökologischen und demokratiepolitischen Implikationen hin befragt: Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit weiche infolge des technologischen Wandels auf; betrieblicher Herrschaft werde dadurch die Grundlage entzogen; und mit einer Aufhebung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse werde eine gebrauchswertorientierte und ökologisch verantwortliche Produktion wahrscheinlicher (ebd., 97).

Diesem Versäumnis zum Trotz ist „Rotes Grün“ ein wichtiges und überdies hervorragend geschriebenes Buch. Seine Bedeutung offenbart sich gerade auch im Vergleich mit der Fücks’schen Vision eines ökologischen Kapitalismus. Thie schärft den Blick dafür, wie die kapitalistischen Formen, die Fücks für die Überwindung der ökologischen Krise in Dienst zu nehmen versucht, die wirkliche Entfaltung und Verallgemeinerung der auch von Fücks identifizierten positiven Ansätze gerade verhindern. Die Überwindung von ökologischer Zerstörung und sozialer Ungleichheit, die ihrerseits eng miteinander verbunden sind, ist ohne eine radikale Demokratisierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu haben.

Ralf Fücks (2013): Intelligent wachsen. Die grüne Revolution. München: Carl Hanser Verlag.

Hans Thie (2013): Rotes Grün. Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft. Hamburg: VSA.

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