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Mit Jobsharing zu mehr Zeitwohlstand

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Immer häufiger wird in den letzten Jahren über alternative Wohlstandsformen diskutiert – über Wohlstand jenseits von materiellem Besitz und wachsendem Einkommen. Dabei scheint das Konzept des „Zeitwohlstands“ auf ein besonders breites Interesse zu stoßen.

Nicht weiter verwunderlich, wenn man sich die aktuellen Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt anschaut. Zwar zählt Deutschland EU-weit noch immer zu jenen Ländern mit den meisten Überstunden und einem relativ geringen Angebot an qualifizierten Teilzeitstellen, gleichzeitig aber zieht sich der Wunsch nach mehr Zeit fürs Privatleben quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Der Ruf nach Arbeitsplätzen, die sich flexibel mit den eigenen Lebensentwürfen kombinieren lassen, wird dabei immer lauter. Viele Menschen möchten in bestimmten Lebensphasen weniger arbeiten und sind bereit, auf zusätzlichen materiellen Wohlstand zu verzichten, wenn sie im Gegenzug mehr persönliche Zeit gewinnen.

Beim Jobsharing teilen sich zwei Menschen eine qualifizierte Vollzeitstelle. Von 50:50 Modellen über 70:30 Kombinationen bis hin zu 60:60 Lösungen (bei größerem Stellenvolumen) ist dabei vieles denkbar. Auch die unterschiedlichen fachlichen Anforderungen des Stellenprofils können sich die Jobsharer je nach ihren individuellen Stärken und Schwächen (idealerweise) eigenverantwortlich aufteilen. Durch eine enge Zusammenarbeit, intensive Kommunikation und nahtlose Abstimmung beider Tandempartner wird eine Vielzahl komplexer, bis dato nicht in Teilzeit ausführbarer Stellen plötzlich teilzeittauglich – bis hinein in Führungsetagen.

Zwar werden in Deutschland heute schon in jedem fünften Unternehmen flexible Arbeitsmodelle eingesetzt, doch Jobsharing findet häufig noch immer als Zufallsprodukt statt. Nur vereinzelt werden teilbare Stellen ausgeschrieben, auf die sich Jobsharer gemeinsam bewerben können. Außerdem herrscht eine große Intransparenz am Markt: Mitarbeiter/innen und Bewerber/innen haben oft keinen Überblick, welche Unternehmen teilbare Stellen anbieten und wo sie sich als potentieller Tandem-Partner/innen bewerben können. Und auch für die Unternehmen ist es schwierig, passende Mitarbeiter/innen oder Bewerber/innen für ausgeschriebene Tandem-Stellen zu finden.

Die Gründer des Berliner Startups Tandemploy möchten das Thema Jobsharing in Deutschland vorantreiben und einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Auf der Jobsharing-Plattform können Menschen einen Partner zum Teilen eines Jobs finden oder Unternehmen ausfindig machen, die flexibles Arbeiten im Jobsharing ermöglichen. Zusätzlich bietet Tandemploy Interessenten Informationen und Dienstleistungen rund ums Jobsharing und unterstützt die Umsetzung durch eine eigenen Infrastruktur.

Beim Konzept des Zeitwohlstands – ursprünglich in den 1980er Jahren von Jürgen Rinderspacher geprägt – geht es neben den unterschiedlichen Dimensionen vor allem um das „Primat der Zeit-Bedürfnisse der Menschen gegenüber den Ansprüchen der Ökonomie.“ (vgl. Rinderspacher, Jürgen P. (2012): Zeitwohlstand – Kriterien für einen anderen Maßstab von Lebensqualität. S. 7). Durch mehr Jobsharing-Angebote könnte der Zeitwohlstand in unserer Gesellschaft künftig deutlich gesteigert werden. Gerrit von Jorck schreibt in seinem Blogeintrag „Vom bewussten Umgang mit begrenzter Zeit – Bericht eines Zeitpioniers„: „Als Zeitpionier ist man momentan noch vor die Wahl gestellt, ob man Karriere machen möchte oder autonom über seine Zeit verfügen will.“ Hoffen wir, dass diese Situation bald Schnee von gestern ist.

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