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Kritische Masse noch nicht erreicht: Bericht über die Degrowth-Konferenz in Venedig

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Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Matthias SchmelzerDr. Barbara Muraca und Silke Helfrich erstellt.

Allein die Tatsache, dass die dritte internationale Postwachstums-Konferenz in der Touristenhochburg Venedig stattfinden würde, machte ihren Besuch reizvoll. Die Lagune Venedig bot den rund achthundert Teilnehmern der dritten Internationalen Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit vom 19. bis 23. September die Bühne.

Wissenschaftler, Aktivisten und Praktiker

Wissenschaftler, Aktivisten und Praktiker (vor allem auf den Podien deutlich mehr Männer als Frauen!) nutzten diese Plattform, um ihre degrowth-Botschaften über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen. Viele davon kamen aus Italien, einige aus anderen Ländern Europas und einige wenige aus aller Welt. Vernetzung gerade auch zwischen diesen drei Gradienten der Bewegung – Wissenschaft, Aktivismus und konkrete Projekte – beobachtete ich vor allem in den so genannten Activity Workshops. Sie waren so konzipiert, dass die Gastgeber des Workshops das Thema vor der Konferenz festgelegt hatten und es dann während der Konferenz in einem frei gestaltbaren Design zwei Stunden mit den Teilnehmern diskutierten. Das Format erlaubte den Akteuren selbst zu entscheiden, welches Workshopsdesign ihrem Anliegen am ehesten entspricht. Die Paperpräsentationen in den parallelen Workshops  und Plenaries erwiesen sich dagegen als fehl am Platze, da Venedig alles andere als eine wissenschaftliche Konferenz sein wollte. So entlässt auch diese Konferenz viele weiterhin nach funktionierenden Methoden suchend, wie dieses wichtige, aber schwierige Brückenschlagen zwischen den Gradienten fruchtbar werden kann. Aus den Forschern, Aktivisten und Praktikern sind dort keine „Botschafter für ein gemeinsames Anliegen“ (Silke Helfrich) geworden.

Verankerung von degrowth-Akivitäten in der Stadt

Besser als dieser Brückenschlag gelang den Organisatoren der Konferenz die Verankerung von degrowth-Akivitäten in der Stadt. Die Eröffnung der Konferenz fand im Theater Malibran statt. Der Zutritt war für die breite Öffentlichkeit kostenlos. Während davon viele Venezianer nichts mitbekommen haben mochten, konnten sie draußen vor dem Theater beim Public Degrowth Viewing auch spontan an dem Happening teilnehmen und den Reden per Videoübertragung lauschen. Im Anschluss zog die Konferenzgemeinde mit einer tosenden Sambaband durch die engen Gassen quer durch die ganze Stadt und machte auch mit Flugblättern auf die Konferenz aufmerksam. Dass die Organisatoren der Stadt diese Themen nicht einfach aufoktroyiert haben, bewiesen zum Beispiel ein Stadtplan mit alternativen Läden, Restaurants und Märkten sowie die kleine Messe “Altro Futuro”. Bewegungsorganisationen, Kollektive und Kooperativen luden an der von Touristen hochfrequentierten Hafenpromenade ein, mehr über ihre Projekte, Erfahrungen und Haltungen zu erfahren. In Venedig gibt es also Akteure, die der Kommerzialisierung und Privatisierung dieser Stadt sichtbare Alternativen entgegen setzen, um öffentlichen Raum zum Sich-Begegnen und Miteinander-Leben zu erhalten. Venedig ist politisch! Dass auch andere italienische Städte in dieser Hinsicht etwas zu bieten haben, berichtete Neapels Vizebürgermeister Alberto Lucarelli auf einem Podium. Neapel ist die erste Stadt, in der es einen Vizebürgermeister gibt, der sich dem Thema der Gemeingüter widmet. Aktive Beteiligung spielt bei den Entscheidungen und Entwicklungen in Neapel eine große Rolle und reicht bis hin zu einer Commons Demokratie als Selbstversuch und einer zukunftsweisenden Re-Konzeptualisierung repräsentativer Demokratie.

Research & Degrowth-Gruppe

Im Zuge der degrowth-Konferenzen, die die Research & Degrowth-Gruppe aus Barcelona 2008 in Paris, 2010 in Barcelona und 2012 in Venedig initiierte, etablierten sich Gesichter der degrowth community über Landesgrenzen hinweg. Darunter ist sicherlich Serge Latouche, der fast schon routinemäßig in Venedig auftrat und dort kaum mehr mit seinen revolutionären Forderungen aufrüttelte. In Venedig waren es andere, teils neue, unbekannte Akteure, die die Konferenz prägten und mich beeindruckten.

Schärfung des Nachhaltigkeitsdiskurses

Als erfrischend empfinde ich, dass den degrowth communities eine Schärfung des Nachhaltigkeitsdiskurses gelingt. Sie stellen wieder die ökologische Frage in den Mittelpunkt der Debatte (und setzen so der Versäulung der Nachhaltigkeit etwas entgehen) und sie weisen deutlich auf den wunden Punkt hin, dass ökologische Grenzen immer noch – vierzig Jahre nach den Grenzen des Wachstums – überschritten werden. Dabei bleibt ihnen auch der normativen Rahmen nicht auf der Strecke: In Venedig war es zum Beispiel Arturo Escobar, ein kolumbianischer Anthropologe, der im Hinblick auf globale Gerechtigkeit „alternatives to development“ – also Alternativen zur Entwicklung und nicht alternative Entwicklungen – forderte. Die degrowth-Debatten fangen nicht mit allem von vorne an, sondern fokussieren ihre Ursachenanalyse auf die zwanghafte Wachstumspolitik, was in der Nachhaltigkeitsdebatte lange nicht mehr so klar gelungen ist. Damit ist degrowth keine Frage des Lebensstils, sondern eine politisch-gesellschaftliche Debatte, obwohl das für einige auf der Konferenz in Venedig nicht immer klar genug herüber kam.

Degrowth-Bewegung

Eine degrowth-Bewegung ist sie damit noch längst nicht. Schon gar nicht eine einzige. Sicherlich gibt es degrowth-Bewegungen in einzelnen Ländern, es gibt degrowth communities und Akteure, die auf unterschiedliche Weise und in variierender Stärke Postwachstumsforderungen stellen und sie selbst praktizieren. Diese Vielfalt ist eine Chance, ein Geschenk – das wurde mir auch in Venedig wieder deutlich. Doch ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, geschieht bisher zu zögerlich. Dabei kann das gerade in der aktuellen Sondierungsphase viel Klarheit bringen, um degrowth-Schlagwörter wie „offene Lokalisierung“ (open localization, Research & Degrowth) oder „Konvivialität“ (conviviality, Ivan Illich) in der Debatte zu verorten. Das zeigen einzelne Ansätze schon heute.

Beziehungen zu anderen Diskursen und Bewegungen

Bezeichnend für diese dritte degrowth-Konferenz waren die sichtbaren Beziehungen zu anderen Diskursen und Bewegungen. Dazu zwei Beispiele. Auf dem Eröffnungspanel hielt Rob Hopkins einen bewegenden Vortrag über die aktuellen Entwicklungen in der Transition-Town-Bewegung. Er selbst verpasste in diesem Moment sogar die Einführung der neuen Regionalwährung in Bristol. Hopkins betonte, neben dem äußeren den inneren Wandlungsprozess der Akteure und verdeutlichte anhand zahlreicher aktueller Beispiele die Lebendigkeit „seiner“ Bewegung. Silke Helfrich setzte mit ihrem starken Auftritt auf dem Podium die Commons-Debatte auf die Agenda der Konferenz. Sie grenzte die Commonsfrage (mal wieder) klar von Open-Access-Tragödien ab (was der Moderatorin des Panels nicht gelang) und betonte Elinor Ostroms grundlegende Prinzipien, die unserer Fähigkeit zur Kooperation einen institutionellen Rahmen setzen. Auf die heikle Frage nach einem alternativen, ökonomischen Konzept, das sich vom Güterbegriff verabschiedet hat, gab sie z.B. mit der Commons-basierten gemeinschaftlichen Produktion (Commons-Based Peer Production) ermutigende Antworten, an die sich degrowth-communities mit dieser Klarheit bisher nicht herangewagt haben. Eine offene Auseinandersetzung mit Akteuren anderer, angrenzender, überlappender Diskurse und Bewegungen hilft, um zu einer Postwachstumsökonomie zu gelangen, die ökologische Grenzen einhält und globale und intertemporale Gerechtigkeit zum Prinzip macht.   Denn dieser Grundgedanke, so lässt sich festhalten, treibt alle an – egal welchen Begriff sie bevorzugen.

Resümee

Resümierend zeigt sich, dass Degrowth noch keine kritische Masse erreicht hat. Venedig hat das bestätigt. Das große Interesse an aktions-orientierter Forschung und die starken Verbindungen zu anderen Diskursen wie auch die auf der Konferenz ungenutzte Chance, die gegenwärtigen Krisen als Chance zu begreifen, verstehe ich als Wegweiser für den Fortlauf der Degrowth-Agenda.

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Anja Humburg ist Umweltwissenschaftlerin, Zukunftspilotin und Journalistin. Seit 2015 arbeitet sie als freie Journalistin, u.a. für Oya, futurzwei.org und leitet das lokale Nachhaltigkeitsmagazin Was zählt. in Lüneburg. Sie ist Mitglied im Netzwerk Wachstumswende und war Mitarbeiterin am Institut für Umweltkommunikation der Leuphana Universität Lüneburg.

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