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Krisenzeiten nähren Griechenlands Kulturkreative

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Jennifer Hinton reiste in diesem Sommer durch ein Griechenland im Umbruch. In dem Forschungsprojekt, das sie zusammen mit ihrem Kollegen Andrea Bonetti und dem Post Growth Institute anstieß, begegnete sie Menschen, Bewegungen und Organisationen, die in dieser Zeit der ökonomischen Unsicherheit Formen alternativen Wirtschaftens vorantreiben. Sie erzählt von den vielen Gesichtern und Facetten, die den rasanten Wandel im Süden Europas ausmachen.

„Als in Griechenland lebende US-Amerikanerin werde ich oft nach meiner Sicht der Lage in diesem Land gefragt. Ich erlebe die Ursachen und Konsequenzen der tiefen Krise als ebenso komplex wie die Gefühle und Reaktionen der Griechen darauf. Allgegenwärtig spüre ich Verwirrung und Angst. Eine Antwort auf die Krise ist Gewalt in vielen Formen. Ihre Ängste haben manche Menschen dazu veranlasst, sich extremen Ideologien wie Nationalismus und Rechtsradikalismus zu verschreiben. Eine wachsende Zahl an Griechen beschuldigt “illegale” Migranten, für die Probleme verantwortlich zu sein. Ich beobachte eine Gewaltbereitschaft gegenüber Menschen, die nicht griechisch aussehen. Andere richten Gewalt gegen diejenigen, die bereits an der Armutsgrenze leben, und stellen sie für den ungerechten Sparkurs der Regierung an den Pranger. Dabei ist die Sparpolitik selbst eine Form von struktureller Gewalt. Den vielleicht erschreckendsten Nachweis für die Angst, Frustration und Hilflosigkeit in Griechenland ist die gegenwärtig emporschnellende Zahl der Selbstmorde derjenigen, die von finanziellen Sorgen und allgemeiner Hoffnungslosigkeit überfordert sind. Beklemmung und Wut äußern sich in einer Unmenge destruktiver Formen – und ein Ende ist nicht absehbar.

Krisenzeiten stoßen an

Doch es gibt auch ganz andere Antworten auf diese Krise. Auf meiner Reise begegnete ich den Menschen und Organisationen hinter diesen Antworten. Sie haben entschieden etwas Positives vor Ort zu initiieren oder fortzuschreiben. Zoomt man ein Stückchen heran, stellt sich heraus, dass viele von ihnen einen akademischen Hintergrund haben und früher politische Aktivisten oder Umweltschützer waren. Die Mehrheit unter ihnen greift auf Auslandserfahrungen zurück, manche lebten sogar für Jahrzehnte im Ausland. Es scheinen gerade die Menschen mit den Auslandserfahrungen zu sein, die nun in Griechenland bleiben wollen oder eigens zurückkommen, um Wandel anzustoßen. Demgegenüber stehen die vielen jungen Griechen, die das Land der Krise wegen verlassen wollen.

Subkulturen und soziale Bewegungen hat es in der Geschichte Griechenlands immer gegeben. Zu glauben, sie seien lediglich spontane Antworten auf die Krise, wäre falsch. Doch ihr gegenwärtiges Ausmaß und ihre Dynamik sind ohne Zweifel auf die Krise zurückzuführen. Es ist als seien die Anlagen dafür immer da gewesen. Doch war es die Krise, die wie ein Katalysator den Wandlungsprozess ausgelöst hat.

In einen kulturellen Dialog treten

Die Art und Weise wie wir über uns selbst denken hat einen großen Einfluss darauf, wie wir in guten Zeiten handeln und in schlechten Zeiten auf Probleme reagieren. Von daher sind alternative Formen von Bildung und die Weitergabe von Ideen lebendige Kanäle für mehr Kreativität und Verbundenheit einer Gesellschaft. Ich habe mit Menschen gesprochen, die sich aktiv dafür einsetzen, solche Kanäle zu öffnen. Michalis, der mehr als 20 Jahre in Schweden lebte und vor 15 Jahren nach Griechenland zurückkehrte, um die Idee der Waldorf Schulen in Griechenland zu etablieren, erklärte mir, dass die gegenwärtige Krise eine gesellschaftliche Krise sei, bei der die Menschen in einen neuen kulturellen Dialog miteinander treten. Andrea Bonetti und ich haben auf unserer Reise auch Giorgos und Dimitris getroffen. Die beiden jungen Männer gaben den ersten Workshop in Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall Rosenberg in Griechischer Sprache. Für Giorgos ist Griechenland heute stärker bereit für einen gesellschaftlichen Wandel als noch zu Beginn dieses Jahres. Die Menschen, deren materieller Status mit der Krise sank, seien empfänglicher geworden gegenüber Prozessen der Selbst-Reflexion, erzählte er mir. In Giorgos Beobachtung beginnen sie, ein “Weiter-so-wie-bisher” zu hinterfragen.

Kommunen starten Nachbarschaftsgärten

Eine weitaus sichtbarere Antwort auf die Krise geben die Gemeinschaftsgärten, die von Nachbarn oder Graswurzel-Initiativen auf ehemals brachliegenden Flächen in den Städten angestoßen wurden. Ein Beispiel ist der Parko Navarinou. Er ist wahrhaft eine grüne Insel in einem sehr dicht bebauten und zu betonierten Stadtteil Athens. Verblüffend finde ich: Auch die Stadt- und Gemeindeverwaltungen treten als Akteure des Wandels auf und initiieren im ganzen Land selbst solche Gärten. Bisher sind es die Kommunen von  Alexandroupolis, Amarisiou, Verias, Thermis, Kalamatas, Lakonia, Larissa, Serron, Tripolis und Athen, die Familien mit niedrigen Einkommen und Rentnern helfen, ihren Grundbedürfnissen nach gesundem Essen mit einem Garten nachzukommen. Mein Gefühl ist, dass sich dieser Trend in Zukunft weiter verstärken wird.

Auf meiner Reise bin ich auch Konstatina begegnet, einer Frau, die letztes Jahr nach Athen zurück kam, nachdem sie zehn Jahre in England gelebt hatte. Seitdem praktiziert und lehrt sie gemeinsam mit ihrem Mann Permakultur. Ähnlich wie bei den Gemeinschaftsgärten ist es bemerkenswert, wie schnell die Zahl der Permakulturgärten plötzlich zunimmt. Um ihr Wissen, das sie von vielen anderen Praktikern und Organisationen zusammengetragen hat, weiterzugeben, gründete Konstatina eine Universität für traditionelles Wissen. Angelehnt an die Universitäten der Großmütter, eine Idee der indischen Aktivistin Vandana Shiva. Konstatina bringt mit dem Projekt Menschen mit traditionellem Wissen und Fähigkeiten zusammen mit denen, die beispielsweise das Haltbar-Machen, die Seifen- oder Schuhherstellung erlernen möchten. Mit der Verbreitung von Gemeinschaftsgärten, Permakultur und traditionellem Wissen werden Bürger besser ausgerüstet, um auf kreative und gesunde Art und Weise die Krise zu bewältigen.

Resilienz durch Selbstversorgung

2009 gegründet, gibt die griechische Bewegungsorganisation Nea Guinea theoretische und praktische Workshops, in denen sie Wege hin zu mehr selbstversorgenden Lebensstilen in den Städten lehrt und unterstützt. Es geht dabei zum Beispiel um den Bau kleiner Windräder und Photovoltaik-Paneele für die eigene Energieversorgung, um urbane Landwirtschaft, veganes Kochen, die Herstellung von Kleidung, pflanzlichen Arzneien, das Brauen von Bier und um Yoga. Der Einfluss von Nea Guinea auf die urbanen Gemeinschaften ist spürbar, denn sie lebt eine resilientere Lebensweise vor, die sich von der Abhängigkeit der versagenden Systeme löst. Sie zeigt den Menschen mehr Verantwortung für und Kontrolle über basale Bedürfnisse in einer Gemeinschaft selbst zu übernehmen.

Informelle Ökonomien sind längst Realität

In Griechenland stoßen auch neue Formen des alternativen Wirtschaftens Veränderung an: Ein erfolgreiches und extrem wichtiges Beispiel ist die sich seit dem vergangenen Jahr rasant ausbreitende geldlose Tauschwirtschaft. In Athen, Lamia, Korinthos, Moschato und auf der Insel Kreta kommt sie zum Einsatz. Informelles Wirtschaften, wie das kollektive Nutzen, Tauschen und Teilen von Gegenständen und Fähigkeiten, blieb trotz der rasanten Modernisierung Griechenlands in den vergangenen Jahrzehnten ein Teil der griechischen Kultur. Heute hilft es Millionen Griechen im ganzen Land ihre prekäre finanzielle Lage abzufangen. Während auf EU-Ebene noch immer der Austritt Griechenlands aus der Eurozone debattiert wird, handeln die Menschen im Land der Sonne und des Meers längst mit ihren eigenen regionalen Währungen. Das vielleicht prominenteste Beispiel ist die Regionalwährung der Stadt Volos in Zentral-Griechenland. Der TEM wurde im Juni 2011 eingeführt. Seitdem gibt es regelmäßig Märkte, auf denen die Bevölkerung Güter und Dienstleistungen mit der Regionalwährung bezahlen kann. Neben dem TEM gibt es mindestens 30 weitere Regional- und Online-Währungen, die von Tausenden für ihre ökonomischen Transaktionen genutzt werden.

Diese Reise zeigte mir, dass viele Griechen die Krise als Chance akzeptieren, sich für resilientere Wirtschaftsformen einzusetzen und das Band ihrer Gemeinschaften zu stärken. Auf den Märkten wie auch an den vielen anderen Orten meiner Reise, konnte ich das mit meinen eigenen Augen beobachten. Das Schöne daran ist, dass diese “Subkulturen” zunehmend Resonanz in der breiten Bevölkerung finden. Sie zeigen Wege auf, wenn Menschen gezwungen sind, ihre Komfortzone zu verlassen, und ihr Lebensstandard in Frage steht. Dort, wo alternative Bewegungen sich mehr und mehr mit dem Mainstream verbinden, haben sie einen tatsächlichen Einfluss auf die griechische Gesellschaft als Ganze.

 

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