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Jeder spricht über VW, aber nicht über die eigentlichen Fragen…

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Täglich berichten die Medien über neue Vorwürfe gegen VW. Seit sich die Krise um manipulierte Software zur Abgasmessung ausweitet, geht auch die Angst um, dass sie den Konzern, die deutsche Autoindustrie und somit die gesamte deutsche Wirtschaft in den Abgrund zieht. Das ist kein Wunder angesichts der weit verbreiteten Annahme – auch durch Angela Merkel – dass ungefähr jeder siebte Job in Deutschland direkt oder indirekt von der Autoindustrie abhängt.

Autobesitzer fühlen sich betrogen und die VW-Aktie geht in den Keller, auch zum Schaden der niedersächsischen Landesregierung, eines Hauptaktionärs des Konzerns.

Gleichzeitig scheint es, als sei der VW Skandal nur ein Symptom einer tiefer liegenden Krise der gesamten Automobilbranche, nicht nur in Deutschland. Laut einem jüngsten Artikel in der Süddeutschen Zeitung hatte das International Council on Clean Transportation (ICCT) bereits in den letzten Jahren rapide zunehmende Diskrepanzen zwischen den wirklichen Abgaswerten von Autos und den offiziellen Angaben der Hersteller festgestellt. In 2001 betrug diese Diskrepanz durchschnittlich 8 %, in 2013 bereits 25 %, um in 2015 unglaubliche 40% zu erreichen.

Nach einem Bericht des englischen Klima-Portals Carbon Brief ist der Skandal rund um die Messung und Berechnung von Auto-Abgaswerten eine der Hauptursachen der wachsenden Emissionslücke bei den offiziellen europäischen Klimazielen – also der Diskrepanz zwischen geschätzten oder festgelegten und wirklichen Emissionen. In Klartext heißt das, dass die Autoindustrie – ohnehin schon ein großer Verschmutzer – vereinbarte Klimaziele torpediert.

Die Autoindustrie ist verdammt zu wachsen oder zu sterben

Die momentane Diskussion um die Schuldigen bei VW und die Verbesserung der Regelwerke für die Messung von Autoabgaswerten bleibt jedoch nur an der Oberfläche und verfehlt den eigentlichen Punkt: dass die großen Konzerne in den Schlüsselbranchen der globalisierten kapitalistischen Wachstumswirtschaft – und somit auch die großen Autofirmen – verdammt sind zu wachsen oder sterben, was in beiden Fällen katastrophal wäre. Oder gibt es irgendjemanden, der oder die auf einem Planeten leben will, der langsam aber sicher an Autos erstickt? Während der letzten 10 Jahre hat sich die weltweite Autoneuproduktion fast verdoppelt von 44,554,268 in 2004 auf 87,037,611 in 2014. Nach neueren Berechnungen wird die weltweite Anzahl von Autos bis 2035 von 1,2 Milliarden auf fast 2 Milliarden ansteigen. Die ökologischen und sozialen Auswirkungen eines solchen Wachstums können nicht einfach durch technische Lösungen kompensiert werden, selbst wenn all diese Autos elektrisch und mit erneuerbaren Energien angetrieben wären. Alleine die Produktion eines Autos verursacht im Durchschnitt so viele Emissionen wie seine gesamte Lebensdauer mit Benzin- oder Dieselantrieb.

Ausufernder Verkehr und Elektroautos

Darüber hinaus schlucken Neubesiedlung und Verkehr alleine in Deutschland täglich 73 Hektar Land; die Verkehrsfläche pro Person liegt inzwischen bei 224 m² pro Person. Verglichen mit den 46 durchschnittlicher Wohnfläche ist das sehr viel. Weltweit gibt es eine wachsende Konkurrenz um Flächen und Böden zwischen industrieller Infrastruktur inklusive Verkehr, Nahrungsmittelproduktion, klimarelevanten Wäldern, Energiepflanzen und natürlichen Lebensräumen. Das voraussichtliche Wachstum der Autoproduktion würde diese Konkurrenz immens verschärfen – mit schlimmen Konsequenzen zum Beispiel für die Nahrungsmittelproduktion. Nicht zu vergessen die gigantischen Infrastrukturen und Massen an natürlichen Ressourcen, die gebraucht würden, um die erneuerbaren Energieträger für eine derartige globale Elektroautoflotte zu produzieren, zu platzieren und zu betreiben. Letztendlich sind auch erneuerbare Energieträger Endprodukte hochindustrialisierter und kohlenstoffintensiver Prozesse und weit entfernt davon, unbegrenzt zu sein. Diese Aussicht allein ist schon furchterregend genug; was wenn ein großer Prozentsatz dieser Autoinvasion immer noch benzin- oder dieselgetrieben wäre oder, genauso schlimm, mit sogenanntem Biotreibstoff?

Die negativen Auswirkungen unserer Autofixiertheit auf die Lebensbedingungen in den Städten sind ein weiteres Thema, das viel zu kurz kommt. Die absurde Menge an urbanem Raum, den Autos und ihre Verkehrswege verbrauchen, der Lärm, den sie verursachen, und ihre Gefährlichkeit für Fußgänger – vor allem Kinder – sind stark unterschätzte Stressfaktoren, die unser Wohlbefinden erheblich schmälern. Was einst das Versprechen einer neuen Freiheit war, ist nun zu einer Sucht geworden, die uns zunehmend unfrei macht und in fatalen Pfadabhängigkeiten festhält. Die weite und schnelle Verbreitung privater Autos über die letzten Jahrzehnte ist die Hauptursache für das Verschwinden lokaler und fußgängerfreundlicher Versorgungsstrukturen. Dementsprechend wurden und werden die Distanzen, die man für tägliche Besorgungen überwinden muss, immer länger – was im Gegenzug den Besitz eines Autos attraktiver macht; vor allem wenn viele Ziele nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Am Ende glaubt man wirklich, dass man ein Auto „braucht“, um den Alltag meistern zu können. Auch die unglaubliche Zahl von weltweit 1,2 Millionen Verkehrstoten spricht für sich. Angesichts all dessen ist die eigentliche Frage, die wir uns stellen müssten, diese:

Ist unsere autofixierte Wirtschaft und Gesellschaft wirklich das, was wir für die Zukunft wollen?

Anstatt unsere kollektive Autosucht um jeden Preis aufrechtzuerhalten, könnte das Hinterfragen der Autofixiertheit unserer Wirtschaft und Gesellschaft Räume eröffnen für tiefere, nachhaltigere und kreativere Lösungen. Träumen wir los: Wie könnte das Leben aussehen, wenn wir uns langsam aber sicher von der Autoabhängigkeit befreiten? In den Städten gäbe es Unmengen an Spielmöglichkeiten für Kinder, viele Grünflächen, viel Platz für Sport, Spaß und soziales Leben in der direkten Nachbarschaft, eine leicht erreichbare Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs und besseren öffentlichen Nahverkehr. Kleine Läden und soziale Aktivitäten würden in die Dörfer zurückkehren, die allgemeine Lebensqualität würde steigen…

Natürlich kann eine solche Vision nicht über Nacht umgesetzt werden und braucht Übergangsstrategien, um die gesamte Wirtschaft vom Wachstumszwang und aus dem Würgegriff systemrelevanter Konzerne zu befreien. Solche Strategien müssten neue soziale Sicherungsmechanismen und Solidaritätsstrukturen enthalten, die nicht länger wachstumsabhängig sind. Darüber hinaus bräuchte es Mechanismen für eine Regionalisierung großer Teile der Produktion und des Konsums. Denn in unserer kapitalistischen Wachstumswirtschaft wäre ein plötzlicher Zusammenbruch der Autoindustrie oder auch nur von VW katastrophal. Wie die Krise in Griechenland zeigt, ist wirtschaftliche Rezession nichts, was man sich wünschen sollte. Aus diesem Grund werden Degrowth-Aktivist*innen nicht müde zu betonen, dass „Eure Rezession nicht unser Degrowth“ ist, mit dem Hinweis, dass weder das Festhalten am Wachstumsfetisch, noch ein plötzlicher Wachstumsstop uns weiterbringen. Was wir brauchen, ist eine vollkommen neue Art und Weise, menschliche Aktivität auf der Erde zu organisieren. Glücklicherweise sind schon viele Ideen, Alternativen und Konzepte vorhanden. Was VW angeht, wäre der Übergang in eine solidarische Postwachstumsgesellschaft eine gute Möglichkeit, um Deutschland unabhängiger von der Autoindustrie und resilienter gegenüber wirtschaftlichen Krisen zu machen.

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