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Solidarisch aus der Krise wirtschaften

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Mit „Solidarisch aus der Krise wirtschaften“ liegt ein Buch von langjährigen Attac-AktivistInnen vor, die ihre verschiedenen Perspektiven auf Wachstumskritik zusammenbringen und daraus politische Forderungen für eine sozialere und ökologischere Gesellschaft formulieren. Ausgangspunkt des Buches ist die vielerorts bekundete Feststellung, dass das ungebremste Wirtschaftswachstum, der unersättliche Energiehunger der Menschheit und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen so nicht weitergehen können. Die AutorInnen machen jedoch gleich zu Beginn klar, dass sie als Ziel nicht die „Schrumpfung der Wirtschaft“ mit damit einhergehenden moralischen Verzichtsappellen sehen. Vielmehr plädieren sie dafür, dass bestimmte ökonomische Bereiche wachsen müssten, andere wiederum reduziert oder eingestellt werden könnten.

Dies grenzt sie schon zu Anfang von anderen KrisentheoretikerInnen ab, denn eine einseitige Forderung nach Schrumpfung und Reduktion ist eine Perspektive des Globalen Nordens, die Armut und Mangel in anderen Teilen der Welt und damit gesellschaftliche Machtverhältnisse übersieht. Deshalb müsse die ökologische Frage zusammen mit der sozialen Frage und vice versa beantwortet werden. Dieses Zusammendenken ist ein zentraler Zugewinn einer Postwachstumsperspektive für politische Diskurse um wirtschaftliche, soziale und ökologische Krisen.

Wachstum nur durch Zerstörung und Ausbeutung

Die Kritik am kapitalistischen Wirtschaftswachstum sowohl mit sozialen wie ökologischen Fragen zu verbinden und daraus solidarische Alternativen zu fordern ist zentrales Anliegen des Buches. Über eine grundsätzliche Analyse der inhärenten Widersprüche in der kapitalistischen Marktwirtschaft untermauern sie die These, dass gesellschaftlicher und individueller Reichtum Ursache für Armut in anderen Teilen der Gesellschaft und der Welt ist. Darüber hinaus wird hier auf die unterschiedlichen Formen von Reichtum (in Form von Geld, Einfluss oder Ressourcen) und die damit verbundenen unterschiedlich stabilen Machtpositionen verwiesen. Hier bekommen Fragen der Umverteilung eine neue Dimension in der Postwachstumsdebatte, da sich Reichtum nicht mehr nur auf „fiktive Vermehrungsansprüche“ (S. 13f), also die Vermehrung durch Ausbeutung von Mensch und Natur, bezieht.

Die AutorInnen argumentieren sehr überzeugend für die These, dass die Logik des Wachstumszwangs und diese fiktiven Reichtumsansprüche wirtschaftliche Sektoren konsequent dazu bringen müssen, die Natur auszubeuten sowie soziale Ungleichheiten zu (re-)produzieren. Die Ausmaße dieser zerstörerischen Logik zeichnen sie anhand der ungerechten Nahrungsmittelversorgung in der Welt, den arm machenden Strukturanpassungsmaßnahmen in Ländern des Globalen Südens und den Privatisierungswellen in der öffentlichen Versorgung nach.

Schrumpfung und Stillstand von destruktiven Produktionen

So weit, so bekannt. Wichtig wird nun, dass die AutorInnen die Lösung dieser Probleme nicht in der recycelten Logik von noch mehr Wachstum und noch mehr Sparen, sondern in zwei radikalen Schritten sehen: Der Abkehr von nicht-bedürfnisorientierten Produktionen und dem Wachstum solidarischer Wirtschaftsmodelle.

Für den ersten Schritt erscheint besonders wertvoll die beispielhafte (und m.E. nicht vollständige) Auflistung von Produktionsbereichen, die stark eingeschränkt oder sogar ganz eingestellt werden könnten. Neben Risiko- und Destruktivtechnologien wie Atomtechnologie, Militärindustrie und Gentechnik zählen sie dazu auch die industrialisierte Landwirtschaft, das gegenwärtige Transportwesen, die zentralisierte Energieproduktion und die Produktion von Aluminium (aber nicht die vergleichbarer Metalle). An diesen konkreten wirtschaftlichen Feldern wird deutlich, wie viele Bereiche der gegenwärtigen Wirtschaft von den Bedürfnissen der Menschen völlig abgekoppelt sind und diese nur Profitinteressen bzw. neuen Kapitalanlagemöglichkeiten dienen. Wünschenswert wären an dieser Stelle übergreifende Kriterien zur Einschätzung einer bedürfnisorientierten Wirtschaft für andere und/oder zukünftige Felder gewesen, da die Aufzählung allein darüber noch keinen Aufschluss gibt.

Ein Mehr an solidarischen Alternativen

Wichtig erscheint mir die Argumentation für die These, dass die Lösung der kapitalistischen Krise nicht allein in individuellen Konsumentscheidungen und alternativen Lebensstilen liegen könne. Schließlich ist Reichtum mit Einfluss- und Machtpositionen verbunden und individuelle Konsumentscheidungen können wenig an den strukturellen Macht- und Marktverhältnissen ändern. Deshalb wollen die AutorInnen, dass diese gesellschaftlichen Fragen politisiert werden. Ziel müsse sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gesellschaftlicher Reichtum gemeinsam verhandelt und in denen eine bedürfnisorientierte Wirtschaftsweise entwickelt werden kann.

Für diese Rahmenbedingungen nennen und diskutieren sie in einem zweiten Schritt bereits existierende (und daher auch schon bekannte) solidarische und gemeinschaftliche Alternativen. Zu diesen zählen sie u.a. die verschiedenen Formen Solidarischer Ökonomie, Ansätze zu Allgemeingütern (Commons) sowie verschiedene Aneignungspraxen (auf dem Land und in der Stadt) sowie neue Systeme der sozialen Daseinsvorsorge (z.B. im Sinne der von Attac vorgeschlagenen „Solidarischen Bürgerversicherung“), die sich nach den Bedürfnissen der Menschen ausrichten und nicht an Wachstumszwänge geknüpft sind. Hierbei plädieren die AutorInnen insgesamt für Lösungen, die jenseits von Markt und Staat liegen (wobei zahlreiche Ansprüche an letzteren gestellt werden, was m.E. keine klare Abgrenzung darstellt) und Dienstleistungen wie Güter vergesellschaftet sowie Menschen demokratisch an wirtschaftlichen Verteilungsfragen beteiligt.

Inspiration und Fragen, die offen bleiben müssen

Das von den AutorInnen gezeichnete Bild einer sozialökologischen und bedarfsorientierten Ökonomie ist ebenso inspirierend wie auch frustrierend. Inspirierend, weil sie zahlreiche schon bestehende Kämpfe schildern können, die in eine vielversprechende Richtung laufen und die es zu erweitern gilt (hier braucht es Wachstum!). Frustrierend, weil sie am Ende doch an Grenzen zu stoßen scheinen, die sie eigentlich mutig überwinden wollen. Schließlich formulieren sie klare Bedingungen für das Funktionieren und die Akzeptanz von ökonomischen Alternativen: Neben der Benennung von Konflikten müssten Strategien zur politischen Durchsetzungsfähigkeit entwickelt und Bedingungen für eine umfassende Debatte zu gesellschaftlichen Bedürfnissen geschaffen werden.

Doch hier bleiben sie unscharf: Wie können die vorgestellten modellhaften Kämpfe und Alternativen mehrheitsfähig gemacht werden? Wie erreicht man nicht nur gesellschaftliche Akzeptanz solidarischer Wirtschaftsformen sondern sogar auch den von Ihnen als notwendig erachteten Konsens der politischen wie wirtschaftlichen Eliten? Und auch wenn das viel gefragt ist: Wie handelt eine Gesellschaft Bedürfnisse wirklich demokratisch aus?

Damit zusammenhängend kam die kritische Reflexion über bestehende Alternativen zu kurz: Warum finden sie erst vereinzelt und zu vereinzelten Problemfeldern statt? Was sind mögliche Probleme und Fallstricke, die es abzufedern gilt? Wo können Kämpfe schon jetzt weiterentwickelt werden?

Der Versuch der AutorInnen, diese Fragen zu beantworten, liegt vermutlich im letzten Kapitel. Hier wird ausführlich auf die Arbeit und die Erfolge der verschiedenen Attac-AGs eingegangen und ihre Ziele werden in den wachstumskritischen Diskurs eingeordnet. Was aus Organisationsperspektive verständlich ist, liest sich für die Lesenden doch allzu sehr wie ein Werbeflyer für die Attac-Mitgliedschaft. Hier verpassen die AutorInnen leider die Chance, bereits bestehende soziale Bewegungen und Kämpfe über die Wachstumskritik zusammenzubringen, da die wertvolle Arbeit anderer Gruppen hier ausgeblendet wird. Nichtsdestotrotz, ein insgesamt sehr lesenswertes Einstiegswerk zur Wachstumskritik, das solidarische und vor allem politisierte Alternativen zum Krisenkapitalismus und auch eine Antwort auf sozialreformerische und suffizienzorientierte Postwachstums-Ansätze bietet.


Werner Rätz, Dagmar Paternoga, Hermann Mahler: „Solidarisch aus der Krise wirtschaften. Jenseits des Wachstums“ Attac Basis Texte 46, VSA Verlag Hamburg 2014.

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