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Eine Kontroverse zwischen Idealisten

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Gespräche zwischen zwei Männern sind im Regelfall nicht gerade Schätze denen Verlagshäuser nachjagen, um ihre Kassen zu füllen. Mal abgesehen vielleicht von dem seltenen Fall, dass ein richtig „Großer“ spricht und irgend jemand ihm die passenden Stichworte liefert wird normalerweise jede Verlegerin abwinken – zu groß die Gefahr, dass so ein Männergespräch wie Blei in den Regalen liegen bleibt.

Es muss also gute Gründe dafür geben, dass der oekom verlag ein Gespräch zwischen einem sehr alten – aber nicht mehr sonderlich bekannten – Politiker und einem aktivistischen Wirtschaftswissenschaftler für verlegenswert gehalten hat. Den Leser/innen des Postwachstumsblogs wird sich das möglicherweise Spannende eines solchen Gesprächs jedenfalls sofort erschließen. Und so viel sei gleich verraten: Sie werden nicht enttäuscht.

Das liegt mit Sicherheit auch an der guten Moderation durch Christiane Grefe. Sie ist nicht nur eine gute Journalistin und einschlägige Buchautorin, sondern lenkt auch geschickt das Gespräch, so dass sich ein Spannungsbogen ergibt, der die Leser/innen nicht loslässt. Die Gespräche finden im Hause Epplers statt und das „Haus hoch über dem mittelalterlichen Kern seiner Heimatstadt Schwäbisch-Hall“ und auch der Garten, in dem dieser viel Zeit verbringt, spielt eine nicht unwesentliche Rolle.

Die beiden Protagonisten schenken sich nichts. Natürlich besteht eine gewisse Grundsympathie durch die in großen Teilen sehr ähnliche Analyse der ökologischen Probleme und den gemeinsamen Kampf gegen Umweltzerstörung und Wachstumswahn. Doch werden unterschiedliche Positionen klar und mit deutlichen Worten benannt. Diese sind zum Teil dem unterschiedlichen Alter der beiden Protagonisten geschuldet: Während Erhard Eppler durch die Erfahrungen des Krieges und den Wiederaufbau des Landes geprägt wurde, ist Niko Paech ein Kind des beginnenden Überflusses in den späten 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Differenzen ergeben sich jedoch auch aus ihren doch sehr verschiedenen gesellschaftlichen Rollen: Hier der früh politisierte Eppler, Bundestagsabgeordneter und Minister, dort der zivilgesellschaftlich geprägte Aktivist, der nicht nur gesellschaftlich sondern auch in der Wissenschaft ein Rebell gegen die Konventionen ist.

Ein Ausflug in die Entwicklungsgeschichte der deutschen Umweltbewegung

Auf den Unterschieden soll der Schwerpunkt dieser Besprechung liegen – ohne jedoch unerwähnt zu lassen, dass die Leserinnen und Leser ein ziemlich wilder Ritt durch die (Ideen-)Geschichte der Umweltbewegung erwartet, der für sich genommen schon das Lesen lohnt. Es ist hoch spannend, wenn Eppler über seine Wahrnehmung der deutschen und globalen Umweltproblematik in den 70er Jahren erzählt – und über die fatale Nichtbeachtung dieser Thematik durch die SPD und den damaligen Kanzler Schmidt. Auch die Schilderungen seiner Konflikte in der Regierung und wie er auf Linie gebracht werden sollte sind lehrreich. Auf der anderen Seite erfährt man durch Paech viel über die Sozialisierung im Wohlstands-, Atom- und Autobahnland Bundesrepublik Deutschland sowie über die Anfänge der Anti-Atom- und der Umweltbewegung. Auch die Vielfalt der neueren Lebens- und Arbeitsformen kommt nicht zu kurz – Mietsyndikate, Repair Cafés, Urban Gardening, Tauschringe, Regionalwährungen und vieles mehr kommen zur Sprache.

Die Kontroverse: Wie handeln? Wo ansetzen?

Der eigentliche Konflikt zwischen Eppler und Paech spielt sich ab auf der Ebene der Aktion – die ewige Frage danach, was denn jetzt zu tun sei um die Welt zum Besseren zu bringen. Hier nimmt Niko Paech mit seiner Absage an Steuerung durch die Politik und der Fokussierung auf die Zivilgesellschaft sicherlich eine Extremposition ein: Seiner Ansicht nach gewinnt Wahlen, wer „mehr Geld oder neue Freiheiten verspricht“ (alle folgenden Zitate auf den Seiten 141 und folgende). Die Politik scheue aus Angst vor dem Wähler eine Reduktionsstrategie, sie sei nicht eigenständig, sondern agiere eher wie der Verstärker einer Stereoanlage: „Wenn die Musik großer Mist ist, ändert der Verstärker nichts daran, im Gegenteil, er verstärkt sie sogar“. Erst eine kritische Masse von „postwachstumskompatiblen Praktiken“ könne die Politik dazu bewegen, reduktive Maßnahmen zu entwickeln.

Diese Haltung kritisiert Eppler scharf und hält es für „naiv zu glauben man könne etwas derartig grundsätzliches wie die Postwachstumsökonomie ohne … Kämpfe und ohne oder gar gegen die Politik durchsetzen“. Paech sei zu wenig strategisch, ihm fehle die Ausdauer und er scheine zu unterschätzen, dass Politik ein Wettbewerb um Macht sei. Eppler geht die Frage nach dem „was nun“ strategisch an, fragt sich, was die politischen Gegner/innen aus den eigenen Argumenten machen könnten, wie sie einen lächerlich machen können. Der Begriff „Rückbau“ könne in der öffentlichen Debatte schnell mit „Rückschritt“ assoziiert und diffamiert werden. An dieser Stelle gewährt der ehemalige Politiker einen seltenen Einblick in die Härte des politischen Geschäfts: „Als ich anfing, die Atomenergie zu kritisieren, hat der Bundeskanzler noch hörbar erklärt: Da projiziert ein deutscher Studienrat seine Lebensängste auf die Kernkraft. Das sind alles Sätze, die ich bis heute tief in mir habe!“. Doch seien es Leute wie Hermann Scheer gewesen, die allen Beleidigungen und Verletzungen getrotzt hätten und die Energiewende quasi im Alleingang gestemmt hätten.

Die Auffassung von Niko Paech, dass nämlich Fortschritt nur ohne oder gegen die Politik möglich sei, spiegelt exemplarisch ein Grunddilemma von großen Teilen der kritischen Bevölkerung und auch der Postwachstumsbewegung. „Der Politik“ wird kein eigenes Reformpotenzial zugetraut, zu sehr müsse sie auf Mehrheiten schielen, um Unpopuläres durchzusetzen. Deshalb geht es aus dieser Sicht immer darum „die“, also die Karriere- und machtgeilen Politiker/innen, durch die „gute“ Zivilgesellschaft dazu zu bringen das Richtige zu tun.

Durch ein Zusammenspiel aller gesellschaftlicher Ebenen zum Wandel

Dabei wird meines Erachtens übersehen, dass gesellschaftlicher Fortschritt ein Wechselspiel zwischen allen gesellschaftlichen Ebenen ist. Motor für fast alle Veränderung sind sicherlich die Menschen selbst – alleine oder in Gruppen wird neu und anders gelebt, werden neue Formen des Zusammenlebens und des Austauschs erprobt. Vielfach kanalisieren sich diese neuen sozialen und kulturellen Lebensweisen in Bewegungen, verfestigen sich auch in Organisationen und stoßen manchmal mit großer Wucht in den organisierten politischen Raum vor. Und hier besteht eben die Chance, über politische Maßnahmen den gesellschaftlichen Rahmen neu zu definieren, das Umfeld zu schaffen, in dem die neuen Lebensformen sich etablieren und gedeihen können.

Als Beispiel für das Zusammenspiel und die Bedeutung der gesellschaftlichen Ebenen kann das Konfliktfeld „Familie und Beruf“ dienen. Es ist das Bestreben vieler junger Eltern, die Arbeit in der Familie gerecht aufzuteilen, die Sorge für Kinder gemeinsam wahrzunehmen und insgesamt eine bessere Balance zwischen Erwerbsarbeit und Familie herzustellen. Den guten Willen bei allen vorausgesetzt, stößt dieser Anspruch in der Realität unserer Arbeitsgesellschaft jedoch sehr schnell an harte organisatorische Grenzen. In sehr vielen Fällen fehlt es an der Bereitschaft der Arbeitgeber/innen, Teilzeitarbeit zuzulassen und die berufliche Flexibilität ist gering. Findet dieser Anspruch junger Eltern keine Resonanz in der Politik und werden Arbeitgeber/innen nicht verpflichtet neue Arbeitszeitmodelle anzubieten, gleiten viele Paare in traditionelle Familienmodelle zurück, lassen ihre Kinder ganztägig in Kitas und Kindergärten fremdbetreuen oder steuern über kurz oder lang in den Burnout. Der durch Einzelne erkundete gesellschaftliche Fortschritt muss irgendwann seinen Ausdruck in den Gesetzen finden, sonst trocknet er aus.

Herausforderung: Politikbetrieb heute

Diese Beschreibung ist natürlich ein idealisiertes Bild – es soll Niko Paech zugestanden werden, dass sich die politische Landschaft Deutschlands in den letzten Jahrzehnten verkrustet und versteinert hat. Erhard Eppler fand in der Nachkriegszeit einigermaßen flüssige politische Verhältnisse vor und der Krieg hatte viele Menschen in die Politik gespült, die diesen Weg unter „normalen“ Umständen nicht gegangen wären. Einen solchen Schub gab es noch einmal kurz durch die sog. „68er“, man denke an Joschka Fischer, doch hat sich politische Arbeit in den letzten Jahrzehnten zu einer normalen Karrierelaufbahn entwickelt – von der Jugendorganisation über die Stadträte und Kreistage in die Landtage oder den Bundestag. Anpassung (mit ein paar gezielten Tabuverletzungen) zum Zwecke des Überlebens ist bei vielen Politiker/innen das oberste Ziel, nicht mehr die Verwirklichung eigener Ideen. Es ist deshalb für die Idealisten schwieriger geworden. Ein Quertreiber wie Eppler wäre heute als Minister undenkbar.

Doch vielleicht würde er, wenn er vierzig Jahre jünger wäre, ebenso wie Niko Paech eine Politik der Selbstbegrenzung fordern und fördern. Die Vorkriegsgeneration konnte sich noch der Illusion von der Beherrschbarkeit komplexer Systeme hingeben. Diese Hybris musste allerdings der Einsicht in die Begrenztheit menschlicher Steuerungsfähigkeit weichen, Paech zitiert hier folgerichtig Günther Anders in seiner „Antiquiertheit des Menschen“, man dürfe einen Stein nur so weit werfen wie man schauen könne. Also Technologien fehlerfreundlich entwickeln und „auf Sicht fahren“. Vielleicht haben wir wirklich geographische, technische und ökonomische Monster erschaffen die sich unserer Kontrolle entziehen – frei nach Nicholas Nassim Taleb, dass wir uns zur Bewältigung von Problemen in komplexen Systemen ebenso gut an den Rat unseres Taxifahrers wie an den eines „Experten“ halten können…

Zum Schluss finden Eppler und Paech aber doch noch gemeinsame Nenner: In der Ablehnung eines hauptsächlich durch Drittmittel finanzierten Wissenschaftsbetriebs und in der Klage über mangelnde Technikfolgenabschätzung sind sie sich einig. Für beide ist schließlich die Übereinstimmung des eigenen Lebenswandels mit der Theorie wichtig. Am Ende des Buches hat der Verlag dankenswerterweise zwei kurze Texte der Gesprächspartner aufgenommen, die noch einmal wie in einem Brennglas die Positionen verdeutlichen. Erhard Eppler referiert in seinem Text aus dem Jahre 2011 seine Forderung nach „selektivem Wachstum“ – also die Rückkehr des Primats der Politik über die Ökonomie, denn darüber „was“ wachsen soll, müsse die gesamte Gesellschaft entscheiden. Und Niko Paech skizziert noch einmal in aller Kürze seine „Grundlagen der Postwachstumsökonomie“.

Der Schluss dieser Besprechung soll, wie auch im Buch, Erhard Eppler gehören. Mit einer Verbeugung vor seiner Lebensleistung – und mit einem leichten Schaudern angesichts der Aktualität seiner Worte über die Bedeutung von Politik – und warum man sich einmischen sollte: „Damals (nach Kriegsende 1945, Anm. d.A.) musste ich von Lüneburg zu Fuß in meine Heimatstadt Schwäbisch-Hall laufen, in Lumpen gehüllt, denn ich hatte meine Uniform auf einem Bauernhof umgetauscht. Auf diesem Weg hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, und da ist mir klar geworden, dass Politik immer mit Leben und Tod zu tun hat – direkt oder indirekt. Eine schlimme Politik hatte damals einen ganzen Kontinent zerstört und unendlich viele Menschen das Leben gekostet. Das hieß aber für mich auch: Verantwortliche Politik kann dafür sorgen, dass das nicht wieder passiert.“

 

Eppler, Erhard / Paech, Niko: Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution… Ein Streitgespräch über Wachstum, Politik und eine Ethik des Genug. 2016, München, oekom verlag.

Bild-Copyright: oekom verlag.

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Prof. Dr. Hermann E. Ott, Jg. 1961, ist Senior Advisor für Globale Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsstrategien beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Er ist Volljurist, promovierte an der Freien Universität Berlin zu „Umweltregimen im Völkerrecht“ und lehrt als Honorarprofessor an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Von 1994 bis 2009 arbeitete er für das Wuppertal Institut, u.a. als Leiter der Abteilung Klimapolitik (ab 1998) und als Gründer und Leiter des Berliner Büros (ab 2004). Als Mitglied des Bundestages 2009 bis 2013 war er Klimapolitischer Sprecher für B90/Grüne, Obmann der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ sowie Leiter von deren Projektgruppe zur Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum. Neben seiner beruflichen und politischen Arbeit hat er Familie (zwei Kinder und ein Enkelkind), diente von 2001 bis 2007 als ehrenamtlicher Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland und ist heute im Präsidium des Deutschen Naturschutzrings (DNR).

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