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Effizienz, richtig verstanden: Suffizienz!

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Es gibt einen Fetisch in der Umweltdebatte: Effizienz. Effizienz ist das große Versprechen, gleichzeitig mehr haben und weniger verbrauchen zu können. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat das in den 1990er Jahren auf die Formel gebracht: «Faktor vier – doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch». Effizienz verspricht Nachhaltigkeit ohne Gürtel-enger-Schnallen. Effizienz ist das Antidot zur vielgeschmähten Suffizienz .
Um Missverständnissen vorzubeugen: Dieser Blogbeitrag richtet sich nicht gegen die Effizienz. Effizienz am richtigen Ort ist eine gute Sache (wie schrecklich sind ineffiziente Besprechungen!). Aber er richtet sich gegen die Effizienz als Fetisch. Mehr Effizienz ist nicht immer ein Segen und Effizienz am falschen Ort kann schädlich sein.
Man könnte zu jedem einzelnen Punkt viel mehr sagen; hier bloß ein kleiner Abriss, ein paar – hoffentlich – Denkanregungen.

Das Dilemma des effizienten Mehrverbrauchs

Mehr Effizienz bringt nicht automatisch eine Verbrauchsreduktion: Man kann auch immer effizienter immer mehr verbrauchen. Nichts anderes geschah in der ganzen Technikgeschichte: Stets wurden Energieanwendungen dank technischen Fortschritten effizienter, aber wenn der Gesamtenergieverbrauch einer Gesellschaft je zurückging, so stets wegen ökonomischer Krisen und nie wegen der Effizienzsteigerungen. Der Verbrauch kann trotz Effizienzsteigerungen zunehmen, einfach weil das das Konsumwachstum die Effizienzsteigerung übertrifft. Er kann aber gerade auch wegen der Effizienzsteigerung zunehmen, wenn diese das Konsumwachstum anheizt. Letzteres nennt man »Rebound«, darüber ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden – ich will das hier nicht ausführen.

Effizienz hilft, rechnerisch schönzufärben. Wenn die Umweltbelastung zunimmt, aber langsamer, als die Wirtschaftsleistung wächst, dann steigt die »Umwelteffizienz« der Wirtschaft, olé! Aber ökologisch zählt nur die Belastung in absoluten Zahlen.

Der effiziente Mensch?

Effizienz ist kein sehr lebensfreundliches Prinzip. Alle Kulturen kennen Rituale der Verschwendung. Selbst Menschen, denen es schlecht geht, feiern lieber ab und zu Feste und schlagen über die Stränge, auch wenn sie danach hungern müssen, statt jeden Tag gerade just genug zu essen. Ein solches Verhalten ist ineffizient, aber offensichtlich ein menschliches Bedürfnis. Viele können sich eine suffizientere Welt nur trostlos vorstellen; ich stelle mir hingegen eine Welt, in der alles auf maximale Effizienz getrimmt ist, damit man nur auf ja nichts verzichten muss, trostlos – und sehr neurotisch vor.

Ineffizient, aber resilient

Effizienz gerät in Konflikt mit einer wichtigen Eigenschaft nachhaltiger Systeme: der Resilienz – also der Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen. Resilienz braucht Vielfalt und Redundanz; beides ist ineffizient. Es ist effizient, nur genau die Feldfrucht anzubauen, die den höchsten Ertrag abwirft, aber wenn ein Schädling die Ernte vernichtet, ist der Bauer besser dran, der mehrere Sorten angebaut hat. Und jedes Krankenhaus hat eine redundante Notstromanlage. Das ist ineffizient, aber überlebenswichtig, wenn einmal der Netzstrom ausfällt.

Eine Frage des Vergleichs

Effizienz suggeriert eine Messbarkeit, die es nicht gibt. Man kann Effizienzen präzise in Zahlen fassen: als Verhältnis von Output zu Input. Aber was genau rechnet man zum Input, was genau zum Output? Versteht man unter der Effizienz eines Verkehrsmittels, wie viele Kilometer es mit einer Energieeinheit zurücklegt, oder versteht man darunter, wie viele Mobilitätsbedürfnisse mit wie wenig Personenkilometern befriedigt werden können? Wie vergleicht man die Effizienz eines elektrischen A++-Wäschetrockners mit der einer Wäscheleine? Und wie effizient ist die effizienteste Klimaanlage im Vergleich zur Gewohnheit, die heißesten Stunde des Tages der Siesta zu widmen?

Für eine systemisches Effizienzverständnis

Denkt man den letzten Punkt weiter, so wird man die Effizienz – wenn sie denn etwas ökologisch und sozial Gutes sein soll – möglichst systemisch verstehen wollen: Nicht als die Effizienz des einzelnen Verkehrsmittel beispielsweise, sondern als die eines Verkehrssystems, noch mehr: einer Raumstruktur, die die Mobilitätsbedürfnisse hervorbringt, welche der Verkehr befriedigen soll. Dann ist nicht die Wirtschaft effizient, die mit möglichst wenig Ressourcen ein möglichst hohes Bruttoinlandsprodukt (BIP) erzielt, sondern die, die mit einem möglichst kleinen BIP ein möglichst großes Wohlbefinden für möglichst viele Leute erreicht (Ernst Fritz Schumacher nannte das die Logik eines »buddhistischen Ökonomen«).
Versteht man Effizienz so, ist sie nichts anderes als Suffizienz.

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