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„Die Utopie freier Arbeit“

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Arbeitszeitverkürzung als Weg, um aus der sozialen Krise herauszukommen? Michael Hirsch entwirft in seinem Buch „Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft“ Ideen für eine neue Gesellschaftsordnung und sucht nach einer „zeitgemäße[n] Antwort auf die Frage nach dem guten Leben“. Die Grundordnung der Vollzeitbeschäftigung als „normaler“ und vom Staat gewünschter Lebensentwurf soll ersetzt werden durch eine neue emanzipatorische Grundordnung der kurzen Vollzeit, die ohne einen neuen Geschlechtervertrag nicht denkbar ist.

Hirsch zeigt, wie die Arbeits- und Sozialpolitik, die Familien- und Geschlechterpolitik, aber auch Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik auf der Vollzeitnorm aufbauen und kommt zu dem Ergebnis: Wir brauchen einen Ausweg aus der Herrschaft der Ökonomie.

Primat der Arbeit

Vollzeitbeschäftigung ist die Norm. Nicht nur als Lebensentwurf und Gestaltung der eigenen Biographie. Auch als anerkannter und erstrebenswerter sozialer Status, auf den der aktivierende Wohlfahrtsstaat setzt und das Bildungssystem aufbaut. Ziel ist immer die (Zwangs-)Integration in den Arbeitsmarkt. Aber: Arbeitsverhältnisse werden knapper und unsicherer, Löhne werden niedriger und soziale Ungleichheiten verstärken sich. Menschen, die nicht berufstätig sind, werden von der Gesellschaft ausgeschlossen. Menschen, noch immer vor allem Frauen, die Betreuungsarbeit verrichten, haben Lohneinbußen und erfahren mangelnde soziale Anerkennung. Wo bleibt die Freiheit der/des Einzelnen? Und die Freiheit, eine Biographie zu wählen, die nicht von Erwerbstätigkeit geprägt ist, in der bürgerliches Engagement kein „Add-On“ ist oder in der Familienarbeit nicht „vereinbar“ sein muss? Michael Hirsch argumentiert in seinem Buch für eine neue emanzipatorische Gesellschaftsordnung, die nicht Vollzeiterwerbstätigkeit als Grundlage hat, für ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine „Care-Revolution“. Denn: „Über die eigene Arbeits- und Lebenszeit verfügen, heißt in letzter Instanz über das eigene Leben verfügen“. Er plädiert dafür, klassische Erwerbsarbeit einzusparen und Arbeitszeit und Einkommen gerecht zu verteilen.

 „Nicht-Arbeitszeit für alle“

Hirsch argumentiert zunächst für ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein Bürgerrecht auf soziale Sicherheit und Zugehörigkeit. Wer ein Einkommen hat, kann Bürgerarbeit und Familienarbeit nachgehen – Nichterwerbstätigkeit würde anerkannt und Vollzeitbeschäftigung überwunden. Gleichzeitig wird die Angst vor Arbeitslosigkeit aufgehoben und so die soziale Unsicherheit. Staatliche Beschäftigungsförderung wird dann nicht mehr als wirtschaftspolitische Strategie umsetzbar, stattdessen müssten Formen außerhalb der Erwerbstätigkeit anerkannt werden. Der aktivierende Sozialstaat weicht einem Sozialstaat mit einer „sozialen Einkommensgarantie“.

Universelle Betreuungsarbeit nach Nancy Fraser

Vor allem geht es Hirsch aber um einen neuen Geschlechtervertrag: In einer Ordnung, in der Vollzeitbeschäftigung die Norm ist und auch die weibliche Beschäftigungsrate gesteigert werden soll, sind ohne veränderte Rollenbilder immer noch Frauen diejenigen, die familiäre Tätigkeiten übernehmen und daher doppelt benachteiligt werden. Die Übertragung des männlichen Lebensmodells auf die Frauen führt zu Lohneinbußen und mangelnder sozialer Anerkennung. Um auf dieses Problem eine Antwort zu formulieren bezieht sich Hirsch auf Nancy Frasers Modell der „universellen Betreuungsarbeit“. Sein fortschrittlicher Gegenentwurf erkennt unbezahlte Betreuungsarbeit als gleichgestellt zu bezahlter Arbeit an. Hirsch fordert, das weibliche Lebensmodell auf die Männer zu übertragen: Betreuungsaufgaben und Erwerbstätigkeiten zu erbringen und anzuerkennen. Dies führe zu einer gleichen Anerkennung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und zur gleichen Beteiligung von Frauen und Männern. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung, um für eine kurze Vollzeit zu argumentieren.

Mit Arbeitszeitverkürzung zu einem guten Leben

Hirsch bezieht sich auch auf ökologische Zusammenhänge und betont einmal mehr, dass eine hohe Produktion mit hohem Konsum und Energieverbrauch einhergeht. Er fordert Genügsamkeit und weniger Wachstum. Hirsch zeigt auf, dass Bildung aktuell primär der Arbeitskraftbildung und Qualifikation dient, aber die Menschen dazu befähigen sollte, freie Entscheidungen zu treffen.

Hirsch argumentiert aus feministischer, ökologischer und sozialer Sicht für eine Arbeitszeitverkürzung. Er zeigt Auswirkungen des Paradigmas der Vollzeiterwerbstätigkeit auf unterschiedlichen Ebenen auf. Seine Ideen sind nicht neu, aber er liefert einen guten Überblick über die hier vorgebrachten Argumente, bringt verschiedene Konzepte zusammen und zeigt den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Politikfeldern auf. Die ökologische Perspektive kommt dabei etwas zu kurz, da der Fokus vor allem auf der emanzipatorischen Perspektive und einem bedingungslosen Grundeinkommen liegt. Die Qualität liegt aber darin zu zeigen, dass der Weg in eine neue soziale Ordnung nur erfolgreich sein kann, wenn ein Umdenken in allen Bereichen geschieht. Hirschs Buch kann auch als praktische Anleitung für die Umsetzung dienen. Seine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem guten Leben lautet: Arbeitszeitverkürzung.

Hirsch, Michael: Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit. 2016. Springer, Wiesbaden, 256 Seiten.

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