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Der Raubbau an der Seele

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Der Eisberg ist größer als wir denken

In dem eben erschienenen Buch „Raubbau an der Seele“ suche ich nachzuweisen, dass die inzwischen zur häufigsten Ursache von Arbeitsunfähigkeit gewordenen Erkrankungen aus dem depressiven Formenkreis mit einer emotionalen Raubbauwirtschaft zusammenhängen, die sich durchaus mit der Wachstumsideologie des gegenwärtigen Wirtschaftens vergleichen lässt. Die Depression ist demnach keine Krankheit, die Menschen aus heiterem Himmel befällt, sondern die Folge des Zusammenbruchs einer Verleugnung eigener Belastungsgrenzen, eigener Leistungsfixierung sowie der unbewussten Vorstellung, negative Gefühle ließen sich durch Anpassung vermeiden.

Da Eis nur ein wenig leichter ist als Wasser, sehen wir neun Zehntel eines Eisberges nicht. Die Spitze des Eisbergs ist ein Bild für die erdrückende Übermacht des Unsichtbaren gegenüber dem Sichtbaren. Die Konsumkultur steht für die manische Verleugnung dessen, was sich im Unsichtbaren abspielt. Sie ist sozusagen das Gegenteil eines realistischen Umgangs mit Gefahren. Sie steht für die Illusion, wir hätten auf den ersten Blick das Wesentliche erfasst.

Die Spitze des Eisberges ist auch eine Metapher für unsere Psyche: nur ein Bruchteil dessen, was sich in ihr abspielt, wird uns bewusst. Wir wissen wenig, ahnen so manches, müssen uns öfter, als es uns lieb ist, mit dem Wissen um unser Nichtwissen zufriedengeben.

Die dem Menschen durch die Technik geschenkten Möglichkeiten, durch kleine Bewegungen immense Wirkungen zu erzielen, haben wir in ihrem Gefährdungspotenzial noch kaum erkannt. Meine Hypothese ist, dass diese technischen Qualitäten in die Strukturen unseres Selbstgefühls eingebettet werden und auf diesem Weg Gefahren entstehen, welche sich die Lobredner der Machtsteigerung durch unsere explosiven und regressionsfördernden Technologien nicht träumen lassen.

Wenn eine solche Explosion stattgefunden hat, heißt es oft, das Ereignis sei nicht voraussehbar gewesen. Die Täter handelten aus Motiven, die dem gesunden Menschen völlig fremd sind. Solche Einwände erinnern mich an die pseudowissenschaftlichen Argumente, mit denen lange Zeit die Unschädlichkeit von Radioaktivität oder DDT in unserer Umwelt begründet wurde. Überall, wo es auch nur das kleinste Interesse gibt, einen Zusammenhang zu bagatellisieren und Warnungen in den Wind zu schlagen, sollte es sich jeder seriöse Forscher verbieten, Harmlosigkeitsbescheinigungen auszustellen.

Die Explosion lässt auf sich warten

Es gibt Kränkungen, die wir ertragen können, und andere, die unsere Psyche überfordern. Dann setzen Verarbeitungsmöglichkeiten ein, die mit dem „Leben aus der Substanz“ verglichen werden können, das eine Notsituation auf prekäre Weise stabilisiert.

Wenn wir hungern, baut der Organismus erst Fettreserven ab. Das schadet ihm kaum, kann sogar den Körper entlasten. Wenn diese Reserven aufgebraucht sind, beginnt der Organismus sich selbst zu verzehren. Jetzt wird ein Schaden am Ganzen in Kauf genommen, um die Überlebenszeit zu verlängern. In unserem Selbstgefühl ist der explosive Narzissmus mit jener Selbstschädigung des Ausgehungerten vergleichbar: Wenn ein Jugendlicher die Hoffnung verliert, dass er jemals durch eigene Arbeit die Raten für sein erstes Auto bezahlen kann und deshalb „lieber“ das Auto seines Nachbarn anzündet, hat er diesen explosiven Zustand seines Narzissmus erreicht.

In der Fähigkeit des Menschen, lange Zeit zu ertragen, was er eigentlich nicht ertragen kann, und dann plötzlich angesichts einer Kränkung zusammenzubrechen (oder, viel seltener, zu explodieren), wurzelt das Elend der Prophylaxe. Sie muss, wenn sie etwas bewirken will, unter der Wasserlinie des Eisbergs arbeiten, im noch nicht Sichtbaren.

Wenn wir für die ausgebrannten und chronisch kranken Lehrer/innen keine neuen einstellen, funktioniert die Schule äußerlich noch. Wenn wir die Projekte sterben lassen, in denen arbeitslose Jugendliche lernen können, einen Arbeitstag durchzustehen, werden Kosten gespart. Die Jugendlichen hängen herum, sie trinken mehr Bier, was der Brauindustrie nützt, sie machen nicht sofort Krawall. Dazu kommt es erst ein paar Jahre später.

Das Elend der Prophylaxe

Angesichts der brennenden Autos in den französischen Städten überboten sich die Politiker/innen mit Bekenntnissen zur Integration. Auf stabile Finanzierung können auch diesmal wieder nur jene Mächte rechnen, deren Selbstüberschätzung die Quelle des Übels ist: Justiz und Polizei. Sonderkommissionen, Hubschrauber und Feuerwehren aller Art sind spektakulär und werbewirksam für den/die Politiker/in, den/die es nach öffentlicher Aufmerksamkeit hungert. Die Sozialpädagog/innen, die Bürgerinitiativen, die Streetworker/innen, die Kontaktbeamt/innen, die engagierten Lehrer/innen bleiben unsichtbar. Ihre Arbeit ist nicht eindrucksvoll.

Es dauert lange, es kostet Geduld und viele Gespräche, den einen oder anderen Jugendlichen aus einem prä-explosiven Zustand zurückholen, ehe er seine Kränkungswut in Molotowcocktails füllt oder, zehn Jahre später, als Killer für den islamischen Staat. Das brennende Auto und die Polizei, die die Brandstifter jagt, gibt medial mehr her als die Arbeit im Jugendzentrum, im Klassenzimmer, in der Beratungsstelle für Migrant/innen. Entsprechend werden die Mittel verteilt: die „weichen“ Expert/innen müssen jedes Jahr um sie bangen, die „Harten“ können Druck machen. Der Krawall gibt ihnen mächtigen Rückenwind, um neue Überwachungskameras, Computer und Hubschrauber mit Wärmekameras zu bekommen, mit deren Hilfe sich exakt feststellen lässt, wie viele Jugendliche sich nachts auf den Straßen herumtreiben.

In der Jugend- und Migrant/innenarbeit, aber auch angesichts der Langzeitarbeitslosen ist eine Art Eventfinanzierung fast die Regel geworden. Wenn er irgendwo brennt, sind für kurze Zeit Mittel da. Später müssen die in den Initiativgruppen Tätigen von Jahr zu Jahr um ihre Stellen bangen, müssen – weil gerade angesichts einer Finanzkrise ein Einstellungsstop verhängt wurde – Mehrarbeit leisten. Wenn sie es nicht schaffen, den Betrieb aufrecht zu erhalten, wird er eben eingestellt; wenn sie es schaffen, hören sie irgendwann, dass sie es ja ohne die eingesparte Stelle auch geschafft haben und das Geld einfach nicht da ist, um den zugesagten Mitarbeiter zu bezahlen.

Daher sind sich einerseits fast alle Expert/innen in diesem Bereich darüber einig, dass prophylaktische Projektarbeit das beste ist, was wir angesichts der auf uns zukommenden Probleme durch chancenlose und nicht integrierte Gruppen in der Gesellschaft tun können. Auf der anderen Seite gibt es aber einen erschreckenden Schwund an erfahrenen Fachleuten, welche – der ewigen Unsicherheiten und Entwertungen müde – lieber etwas anderes machen als diese unsichtbare, vorbeugende Arbeit.

 

Zum Weiterlesen:

Wolfgang Schmidbauer, Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft, München (Oekom-Verlag) 2017

Ders., Enzyklopädie der dummen Dinge. München (Oekom-Verlag) 2015

Ders., Psychologie des Terrors. Warum junge Männer zu Attentätern werden. Gütersloh 2009

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von

Studium der Psychologie an der LMU München 1960 bis 1966. Abschluß mit der Diplom-Prüfung am 10.1.1966. Parallel zum Studium Arbeit als Reporter und Redakteur eines Ärztemagazins (Selecta). Anschließend Promotion bei Albert Görres in München mit Hilfe eines Stipendiums der Stiftung Volkswagenwerk über „Mythos und Psychologie - Methodische Probleme, aufgezeigt an der Ödipussage“ (1968, als Buch erschienen 1970). Übersiedlung nach Italien, Tätigkeit als freier Schriftsteller. 1972 Rückkehr nach Deutschland. Gründung eines psychoanalytischen Instituts in München mit einer Gruppe von Ärzten, Psychologen und „Laien“ in einer neu konzipierten psychoanalytischen Ausbildung mit starker Akzentuierung von gruppen- und familientherapeutischen Elementen. Schmidbauer arbeitet neben seiner Tätigkeit als Autor auch als Psychoanalytiker, Gruppen- und Paartherapeut. Seit 1980 Lehranalytiker. 1986 Gastprofessor für Psychoanalyse an der Gesamthochschule Kassel. Ehrenmitglied der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse (MAP), Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für analytische Gruppendynamik (GaG). Neben etwa 40 Sachbüchern, von denen einige Bestseller (Die hilflosen Helfer", 1977, "Die Angst vor Nähe", 1985) wurden, hat Schmidbauer auch eine Reihe von Erzählungen, Romanen und Berichten über Kindheits- und Jugenderlebnisse geschrieben. Sein erstes Buch zur Umweltthematik erschien 1972 unter dem Titel „Homo consumens. Der Kult des Überflusses“. Er ist Kolumnist des ZEIT-Magazins und regelmäßiger Mitarbeiter von Fachzeitschriften und Tageszeitungen.

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