Neues aus der Wissenschaft

Degrowth City Wuppertal? Ein Debattenbeitrag aus dem Forschungsprojekt ‚Wohlstands-Transformation Wuppertal (WTW)‘

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Wuppertal war bis vor kurzem als eine schrumpfende Stadt bekannt. Dies gilt für die Bevölkerungszahl genauso wie für die Industrie. Lediglich der Schuldenberg und der Wohnungsleerstand konnten ein ordentliches Wachstum verzeichnen. Wuppertal, eine Degrowth City?

Tatsächlich befindet sich Wuppertal mitten in einer Transformation, die viele Chancen birgt, die genutzt werden wollen. Wohlstand kann und soll hier neu gedacht werden. Ein Wohlstand, der nicht zuvorderst an den finanziellen Ressourcen und den Schornsteinen der Stadt gemessen wird, sondern der sich an den Bedürfnissen und Wünschen der Stadtbevölkerung, der einzelnen Quartiere orientiert. Ein Wohlstand, der möglichst nachhaltig und ganzheitlich ist und von den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort aktiv gestaltet werden kann.

Potential der Stadt: Zivilgesellschaft und Wissenschaft

Es gibt vielfältige bürgerschaftliche Initiativen, die für ihre Viertel und die Stadt neue Perspektiven entdecken und konkrete Projekte für einen nachhaltigen Wohlstandswandel anstoßen und durchführen. Da ist zum Beispiel der ehrenamtlich engagierte Unternehmer mit seinem Netzwerk, der das Quartier Arrenberg mit autarker, nachhaltiger Energie versorgen möchte. Da ist der Verein ‚Utopiastadt‘ im alten Mirker Bahnhof, der die Kreativszene vernetzt und Freiräume für neue Ideen und Projekte schafft und dabei Gutes für das Viertel tut. Oder da ist die Wuppertaler Quartierentwicklungs GmbH, die verschiedenste Akteure im Quartier zusammenbringt und kooperativ neue Konzepte für eine Stadtentwicklung entwirft, die die Wohnqualität vor Ort nachhaltig verbessern sollen. Und nicht zuletzt wird in Wuppertal für mehrere Jahre die Hauptverkehrsader gesperrt und umgebaut; ein Großprojekt, das als Nebeneffekt neue, nachhaltigere Mobilitätskonzepte auf die Agenda bringt, wie bspw. den Umstieg auf den ÖPNV oder Pedelecs.

Wie kann aus diesen vielen kleinen Projekten ein nachhaltiger Wohlstandswandel für ganz Wuppertal werden, der ein neues Postwachstumsnarrativ schafft und kommunal verankert? Spätestens hier kommt das wissenschaftliche Potenzial der Stadt zum Tragen: Die ausgeprägte bürgerschaftliche Nachhaltigkeitscommunity mit ihrem Erfahrungswissen wird ergänzt um das Fachwissen der wissenschaftlichen Nachhaltigkeitscommunity, deren Kern das Wuppertal Institut, die Universität und das gemeinsame Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit (TransZent) bilden. Will man die Wohlstands-Transformation in Wuppertal umfassend und reflexiv gestalten, gilt es, diese beiden Communities im Sinne der Transdisziplinarität zusammenzubringen.

Transformation durch Austausch und Kooperation in Reallaboren

Und genau das passiert gerade. Im transdisziplinären Projekt ‚Wohlstands-Transformation Wuppertal (WTW)‘ wird zum Beispiel geschaut, wie der OECD Better Life Index auf Wuppertal angepasst werden kann. Ziel ist es, in einem partizipativ angelegten Prozess diejenigen Wohlstandsdimensionen zu identifizieren, die für die Wuppertaler Bürgerinnen und Bürger ganzheitliche Lebensqualität ausmachen. Für die städtische Lebensqualität können außer Einkommen, Arbeit und Wohnsituation z.B. auch Aspekte wie politische Partizipation, soziale Netzwerke und Umweltqualität eine Rolle spielen. Eine herausfordernde Frage wird dabei sein, ob – und wenn ja, wie – sich das erweiterte Wohlstandsverständnis der Bürgerinnen und Bürger mit nachhaltigen, ressourcenschonenden Lebensweisen vereinbaren lässt. In Reallaboren und –experimenten wird erforscht, wie die oben genannten gesellschaftlichen Initiativen und ihre Projekte zur Wohlstandsproduktion beitragen können. Dabei sind die Forschenden keine passiv Beobachtenden, sondern aktiv Mitgestaltende, die ihre eigenen Ideen einbringen, zur Reflexion beitragen und so daran teilhaben, das emanzipative Potenzial vor Ort zu heben. Co-Design, Co-Production und wechselseitiges Lernen sind hier die einschlägigen Stichworte. Um den städtischen Transformationsprozess zu verstetigen, werden weitere Kooperationsmöglichkeiten zwischen Stadt, lokaler Wirtschaft und Gesellschaft ausgelotet und in gemeinsamen Workshops angestoßen. Eine webbasierte Plattform soll alle Akteure und Projekte vernetzen, die zur nachhaltigen Wohlstandsproduktion in Wuppertal beitragen können.

Wuppertal: wieder ein Pionier urbaner Transformation?

Wuppertal, das im 19. Jahrhundert bereits eine Schlüsselstellung in der Industrialisierung und den sozialen Bewegungen innehatte, kann im 21. Jahrhundert erneut ein Transformationsvorbild werden, indem es sein Wohlstandsverständnis den neuen Herausforderungen anpasst. Zahlreiche andere Städte in Deutschland und der Welt stecken entweder schon in ähnlichen Strukturwandlungsprozessen oder sehen diesen entgegen. Es gibt daher einen dringlichen Bedarf an Strategien, eine Transformation hin zu einem nachhaltigen urbanen Wohlstand erfolgreich zu gestalten. Das Projekt ‚Wohlstands-Transformation Wuppertal‘ möchte dafür sorgen, dass auch andere Städte von den Tools, die hier entwickelt und den Erfahrungen, die hier mit einer umfassenden Wohlstands-Transformation gemacht werden, profitieren können. Konkret sollen aus dem Forschungsprojekt Erfolgsbedingungen für wohlstandsfördernde, städtische Realexperimente abgeleitet werden. Wuppertal hat so erneut die Chance, über sich selbst hinauszuwachsen und nachhaltigen Wandel in unserem globalen Dorf zu induzieren. Und vielleicht wird Wuppertal in Zukunft nicht mehr als schrumpfende Stadt, sondern als Stadt des guten Lebens bekannt sein. Welchen Wohlstand will Wuppertal? Die Debatte ist eröffnet.

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