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Das Comeback der Prognostiker und ihrer Konjunkturprognosen

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Frei nach dem Motto „was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ ist es so, als hätte es die Krise nie gegeben. Noch im April 2009 erklärte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftforschung (DIW), sein Institut werde keine Prognosen mehr hinsichtlich der Entwicklung des BIPs machen. In der FAZ konnte man damals lesen: „Selbstkritisch heißt es dazu vom DIW, die Konjunkturforschung verfüge noch nicht über geeignete Instrumente, um Wendepunkte und besonders beginnende Abschwünge zu erkennen. Die Makroökonomik befindet sich einem Erklärungsnotstand“, urteilt Zimmermann.

Gut ein Jahr später ist alles vergessen. Die Prognostiker sind wieder da und veröffentlichen munter optimistische Prognosen. Das DIW mischt auch wieder mit und meint, 2011 gäbe es ein Wirtschaftswachstum von 2%. Der Arbeitskreis Steuerschätzung der Bundesregierung kommt auf noch zuversichtlicher Zahlen 3% 2011 und + 2,8 % für 2012. Die Krise scheint also vorbei zu sein, 2011 wird sogar über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre liegen und 2012 wird auch super.

Was ist das Problem angesichts der guten Prognosen?

Erstens: Wenn man bedenkt, dass das BIP 2009 um 4,7 % geschrumpft ist, so beeindruckt es nicht besonders, dass es jetzt überdurchschnittlich wächst. Dies kann nicht als Bruch mit dem langfristigen Trend abnehmender Wachstumsraten interpretiert werden (vgl. Grafik 1). Hinzu kommt, dass der vermeintliche Aufschwung hauptsächlich vom Staat finanziert wurde (vgl. Grafik 2).  Alleine die Konjunkturpakete I und II haben immerhin 120 Mrd. € gekostet. 

Zweitens: Hat sich irgendwas an den der Prognose zugrunde liegenden Modellen geändert? Wohl kaum! Wieso ist die kurze Phase der Selbstreflexion und Selbstkritik bereits wieder vorbei? Auch an den meisten deutschen Lehrstühlen der VWL hat sich seit Beginn der Krise nichts geändert. Sie sind weiterhin geprägt von mikro- und makroökonomischer Modellökonomik, die von ständigem Wachstum ausgeht! Finanzkrise, Krise der Wirtschaftswissenschaft, Grenzen des Wachstums – sorry: nie gehört.

Drittens: Ist denn die Krise wirklich schon vorbei? Angesichts einer zunehmenden Gefahr von Staatsbankrotten (Griechenland, Spanien, Portugal, Irland, Großbritannien...), der Politik des lockeren Geldes durch die Nationalbanken und einer nur sehr begrenzten Regulierung der Finanzmärkte ist der nächste Crash vorprogrammiert. Auch die ökologische Krise verschärft sich – davon zeugen weiter zunehmende Emissionen und voranschreitendes Artensterben (vgl. living planet report). Hinzu kommt die Ressourcenkrise: Peak Oil, ja Peak everything (vgl. Bundeswehrstudie, spiegel online, Beitrag auf postwachstum.net) zeichnen sich immer deutlicher ab.

Fazit: Die Prognostiker prognostizieren wieder, die Politik gibt sich optimistisch, schließlich ist wieder alles beim Alten, die Krise ist (angeblich) vorbei, die Wirtschaft wächst wieder und einige denken sogar schon über Steuersenkung nach: Schließlich sind die erwarteten Einnahmen größer als geplant, sprich die Neuverschuldung steigt weniger als gedacht. Ist ja schon fast wie eine Einnahme.

Abgesehen davon: Warum starren eigentlich alle auf das BIP, wissen wir doch schon seit Jahren, dass es als Indikator für die Wohlfahrt einer Gesellschaft völlig ungeeignet ist und trotz temporärem Anstieg langfristig die Wachstumsraten in den Industrieländern sinken. Es ist an Zeit, sich vom Paradigma des Wirtschaftswachstums zu verabschieden und sich auf eine Postwachstumsgesellschaft einzustellen. Ein wichtiger Schritt ist eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaft. Gefordert ist zum Beispiel die Aufnahme folgender Fächer in den Lehrplan: Ökologische Ökonomik, Geschichte des ökonomischen Denkens, Ordnungspolitik und Wissenschaftstheorie sowie inter- und transdisziplinäre Veranstaltungen. Nötig ist, dass an den Universitäten und Fachhochschulen kritische, reflektierende Menschen ausgebildet werden, die die Grenzen des Wachstums ernst nehmen und nicht gebetsmühlenartig „Mehr ist besser“ runterbeten. Auch für das Wirtschaftswachstum gilt der oft zitierte Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Eine Postwachstumsgesellschaft braucht neue Denkweisen.


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5 Kommentare

  1. Lieber Herr Gran,
    Danke für diese sehr aufschlussreichen Gedanken. In der Tat zeigt sich, dass „business as usual“ auch für Prognostiker, Analysten und Wirtschaftsprofessoren angesagt ist. Entscheidend wäre für mich die Frage: Warum ist das so?
    Dass die Profiteure des Finanzmarktkapitalismus (sowie ihre Interessenvertreter_innen in der Politik) schnell wieder zurück ins Spielcasino wollen, ist verständlich. Aber wo liegt die Motivation zu einem stupiden „Zurück in die Vergangenheit“ für die Wissenschaft? Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren! Ich kann mir das nur so erklären, dass die Wissenschaft eben nicht mehr so „frei“ ist, wie wir uns das vorstellen, sondern Teil des Überbaus der materiellen Produktionsverhältnisse sind.
    Damit stellt sich als nächstes dann aber die Frage, ob dieser Zustand „aus dem Überbau“ heraus verändert werden kann, oder ob ein tiefgreifender Umbau der Produktionsbasis nötig ist.
    Ich ende mit einem Fragezeichen, weniger einem Ausrufezeichen und grüße sie recht herzlich aus dem fernen Indien,
    Ajit Thamburaj

  2. Neue Denkweisen solten sich dringend mit den systemischen Fehlern des Zinsgeldsystems beschäftigen, um den ursächlichen Grund für die permanenten Forderungen nach Wachstum zu verstehen.

  3. Christoph Gran sagt am 26. November 2010

    Lieber Herr Thamburaj,
    man könnte, ganze im Sinne der Neoklassik argumentieren, dass auch Wirtschaftswissenschaftler nur homines oeconomici sind. Sie maximieren ihren Nutzen (Anerkennung, Forschungsgelder, Macht durch Politikberatung) und das können sie anscheinend mit einem „weiter so wie bisher“ besser machen. Wer stellt schon alles in Frage und riskiert am Ende als Außenseiter zu landen und sich die Karriere zu vermasseln!

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