Standpunkte

Das Anthropozän – Wachstum führt die Menschheit an ihre Grenzen

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Nach einer ersten Runde in den 1970er-Jahren ist sie wieder da, die Debatte über die Grenzen des Wachstums. Anders als damals ist sie heute kein theoretischer Streit mehr. Die Grenzen des Wachstums stehen für die Erkenntnis, die sich heute in aller Härte stellt: Die radikal veränderte Welt braucht neue Antworten, damit es nicht zur Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation kommt. Sie muss sich aus der Geiselhaft des Wachstums befreien und damit aus der Macht der Märkte. Auch für unsere Zeit stimmt, was Albert Einstein über die Erfindung der Atombombe gesagt hat: Alles hat sich verändert, nur nicht das Denken der Menschen.

Im letzten Jahrhundert stieg Wachstum zum Heilsbringer auf, wurde gleichgesetzt mit Fortschritt und Wohlstand. Als das Wachstum zurückging, sollte es durch Neoliberalismus und Finanzkapitalismus belebt werden. Auf den entfesselten Finanzmärkten kam es zu Exzessen eines ruchlosen Kapitalismus. Die Ideologie hieß: Die Politik habe sich den Erwartungen der Märkte zu unterwerfen. Illusionen wurden versprochen, die Verlockungen des Reichtums und der Rausch des Konsums sollen die Ungerechtigkeit verdecken. Die behauptete Freiheit, das alles besser wird, wenn sich die Menschen immer mehr einverleiben, ist nichts als Gier und Gefräßigkeit.

Ein Wendepunkt in der Erdgeschichte ist erreicht

Doch nun werden Grenzen erreicht, vor allem durch die Überlastung, Formung und Verbrauch der Natur. Der Mensch rodet Wälder, übernutzt die Böden, zerstört die Biodiversität, baut Straßen und Megacitys, macht sich die Erde untertan. Die Menschheit ist zum stärksten Treiber geo-ökologischer Prozesse geworden, selbst zu einer Art geologischem Faktor. Ein Wendepunkt in der Erdgeschichte ist erreicht. Seit der Industriellen Revolution untergräbt die Menschheit die Fähigkeit des Erdsystems, sich selbst zu stabilisieren. Die stärksten Verschlechterungen sind jüngeren Datums: Ob in der Chemie und Dynamik der Atmosphäre, im Wasserkreislauf, bei der Qualität der Böden oder der Biodiversität: In keinem dieser Bereiche wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts auch nur ein Drittel der Schäden registriert, die heute in einer Gesamtbetrachtung der letzten 500 Jahre festzustellen sind1.

Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen2, der 1995 für die Erforschung des Ozonabbaus ausgezeichnet wurde, erklärte deshalb das Holozän, die gemäßigte Warmzeit, für beendet. Das Holozän, das klimatisch vergleichsweise stabil war, gilt als die Wiege der Hochkulturen, da es gute Voraussetzungen für das menschliche Leben schuf. Zusammen mit Eugene F. Stoermer schlug Crutzen im Jahr 2000 vor, unseren Abschnitt der Erdgeschichte Anthropozän zu nennen3. Er begründet das in erster Linie mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel, der das Risiko nicht-linearer Veränderungen der Öko-Systeme deutlich macht4. Tatsächlich baut das menschliche Leben immer stärker auf anthropogenen Beständen auf.

Auch die Geological Society of London, die älteste Vereinigung ihrer Art, kommt mit zahlreichen Belegen zu dem Ergebnis, dass das Holozän vorbei sei. Die Menschheit ist in ein Zeitalter eingetreten, für das “in den letzten Millionen Jahren keine Entsprechung zu finden ist“5. Sogar von „besiegter Natur“ ist die Rede6. Aber das hält nur für kurze Zeit an, denn die naturbestimmte, zumindest naturabhängige Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen wird bald ein Ende finden, denn die Natur schlägt zurück.

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Planetare Grenzen

Crutzen gehörte auch dem Wissenschaftlerteam an, das unter Leitung von Johan Rockström und Will Steffen die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde (Planetary Boundaries) definierte, die für das Überleben der Menschheit essentiell sind, aber überschritten werden. In drei Bereichen ist das bereits der Fall. Der Konsum- und Wirtschaftsstil der Industriestaaten, die nachholende Industrialisierung der Schwellenländer und das anhaltende Bevölkerungswachstums sind nicht vereinbar mit der Endlichkeit der Erde7. In dem „Trilemma des Wachstums“ aus Bevölkerungswachstum, Energieverbrauch und Klimawandel8 hat die Menschheit 44 Jahre gebraucht, um die Zahl der Menschen von 1967 auf den heutigen Wert von sieben Milliarden zu verdoppeln9. In der gleichen Zeit hat sich der Energieverbrauch verdreifacht und sind die Kohlendioxidemissionen vier Mal stärker angewachsen als die Zahl der Menschen10.

Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation

Tatsächlich handelt es sich bei den Grenzen des Wachstums um eine multiple Krise, einen Epochenbruch. Wichtig ist daher, rasch zu einer sozial-ökologischen Transformation zu kommen. Dabei geht um folgende ökologische Herausforderungen:

  1. Die Naturschranke z. B. durch den Klimawandel,
  2. die Ressourcenherausforderung insbesondere durch Peak-Oil und Peak-Water,
  3. die wachstumsorientierte Pfadabhängigkeit der alten Industrieländer,
  4. die als Beschleunigungseffekt wirkende nachholende Industrialisierung der bevölkerungsreichen Schwellenländer.

Die Dominanz der Natur zerstörenden Produktions- und Konsumweisen kann nur um den Preis der ökologischen Selbstzerstörung verlängert werden, zumal auch technologische Fortschritte durch Rebound-Effekte und das Mengenwachstum aufgezehrt wurden. Wenn es nicht schnell zu einer absoluten Reduktion bei Emissionen, Ressourcennutzung und Überlastung der Öko-Systeme kommt, werden Klimawandel, Landschaftszerstörung, Übernutzung der Ressourcen, Vernichtung der Biodiversität, Übersäuerung der Ozeane oder Peak-Oil in massiven sozialen, wirtschaftlichen und politischen Konflikten münden. Die kapitalistische Industriegesellschaft findet ihre Grenze im ungelösten Spannungsverhältnis zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit. Das Anthropozän ist die härteste Warnung.

Der entbettete Kapitalismus bedroht unseren Lebensraum

Wir erleben eine Umwälzung, die weitaus dramatischer ist als alle, die ihr vorausgegangen sind, vergleichbar dem Umbruch in die marktgesteuerte Industriegesellschaft, den Karl Polanyi als Große Transformation beschrieben hat11. In seiner Untersuchung des 19. Jahrhunderts arbeitete Polanyi heraus, wie der Kapitalismus zur Verselbständigung der Ökonomie führte und seitdem den Lebensraum vieler Menschen bedroht12. Polanyi wählte dafür den Begriff der Entbettung. Während vor der industriellen Revolution die Marktprozesse in gemeinschaftliche Verhältnisse eingebettet waren13, führte das „utopische Experiment“ zu einem Markt, der ohne politische Rahmensetzung die sozialen und ökologischen Grundlagen der Gesellschaft untergräbt. Seitdem bestimmt der „Konflikt zwischen dem Markt und den elementaren Erfordernissen eines geordneten gesellschaftlichen Lebens“ die politischen und sozialen Auseinandersetzungen. Der Entwicklungspfad der industriellen Moderne nutzte dabei die Gesetze der Natur, ohne die Naturgesetze zu beachten14. Das führte in das heutige Anthropozän, wo die Alternative heißt: gestalten oder zerstören. Die Weichen stehen auf Zerstören

1 Clark, W.. Verantwortliches Gestalten des Lebensraums Erde. Heidelberg 1986

2 Paul Crutzen war 1980 – 2000 Direktor des Max-Planck-Instituts für Atmosphärenchemie in Mainz. Er erhielt 1995 zusammen mit Sherwood Rowland und Mario Molina den Nobelpreis für Chemie für die Erforschung des Ozonabbaus.

3 Wikipedia.org/wiki/Eugene_F._Stoermer

4 Crutzen, P. Geology of mankind. In: Nature 415, 23 oder Crutzen, P. et al.. The Anthropocene: Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature?. www.bioone.org. 2007. Allerdings wurde bereits 1873 von dem Mailänder Geologen Antonio Stoppani der Begriff Anthropzän für das industrielle Zeitalter genutzt.

5 Zalasiewicz, J. et al.. Are we now living in the Athropocene? In: GSA Today. Vol 18, Nr. 2 2008

6 Brüggemeier, F. J. / T. Rommelspacher (Hg.). Besiegte Natur. München 1987

7 Rockström, J. et al.. A safe operating space for humanity. Nature 461, September 2009

8 Klingholz, R./K. Töpfer. Das Trilemma des Wachstums. Berlin 2011

9 United Nations. Population Division of the Department of Economic and Social Affairs of the United Nations Secretariat: World Population Prospects. UN.org.undp

10 Paeger, J.. Ökosystem Erde. www. Oekosystem-erde.de

11 Polanyi, K.. The Great Transformation. New York 1944

12 Ausgehend vom England in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts war die Great Transformation ein Prozess, in dem die Industrielle Revolution neue Märkte schuf, die auf deren ungeregeltem Charakter basierten – inklusive freier Märkte für Arbeit, Boden und Geld, die allesamt wie Waren behandelt wurden. Letztere sind nach Polanyi „fiktive Waren“, d. h. ihr Warencharakter weist systematische Grenzen auf. Trotzdem werden sie im „selbstregulierenden Marktsystem“ als Waren behandelt. Preismechanismus und Gewinnorientierung wirkten einige Jahrzehnte ungestört, d.h. die Bildung von Märkten wurde in dieser ungeregelten Phase nicht von staatlicher oder anderer Seite behindert.

13 Die Warenlehre (z. B. Löbbert, R.. Der Ware Sein und Schein. Haan 2002) hat in ihrer langen Tradition die naturwissenschaftliche Sicht zum Thema, wobei Waren das Bindeglied zwischen den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Systemen sind. Sie reicht zurück auf die alteuropäische Ökonomik und letztlich auf die aristotelische Sicht der „Oikonomia“, der Lehre vom guten Wirtschaftshandeln im ganzen Haus, in dessen Zentrum die Trias von Ethik, Politik und Ökonomik stand (Seifert, E.. Wirtschaft und Ethik in der moralischen und ökologischen Sicht der Gegenwart. Salzburg 1989

14 Anthony Giddens erweiterte die Theorie der Entbettung um die Trennung von Zeit und Raum, die im Gegensatz zu vormodernen Zeiten steht, in denen die Bestimmung der Zeit eng mit dem Ort oder mit wiederkehrenden Naturereignissen verbunden war. Zudem wies er darauf hin, dass die Verselbständigung der Wirtschaftssphäre durch ein selektives „Expertentum“ und „Systeme technischer Leistungsfähigkeit oder professioneller Sachkentnis“ vertieft wird. In: Giddens, A.. Konsequenzen der Moderne. Frankfurt am Main 1997

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3 Kommentare

  1. Pingback: Blog – Postwachstum

  2. Pingback: Kapitalistische Naturverhältnisse führen zum Anthropozän | Philosophenstübchen-Blog

  3. Hier scheint ab und zu ein guter von einem schlechten Kapitalismus unterschieden zu werden.

    Im letzten Absatz geht das gegen den zitierten Autor. Er spricht davon, dass der Kapitalismus entbettet und nicht, dass er entbettet ist. Es müsste heißen: „Entbettender Kapitalismus“. Ein gewaltiger Unterschied. Warum mir das wichtig ist? Auch die rechte Kapitalimuskritik kennt die Unterscheidung zwischen einem guten, europäischen, deutschen, gezügelten Kapitalismus und einem schlechten, anglo-amerikanischen, jüdischen Kapitalismus. Er unterscheidet analog zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital.

    Nur um nicht den falschen Leuten das Wort zu reden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Felix

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