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Akteure der Postwachstumsgesellschaft

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Grenzen überwinden und gemeinsam die Zukunft beeinflussen

Postwachstumsgesellschaft und räumliche Planung gemeinsam zu denken führt hin zu neuen Wahrnehmungen von städtischen Orten. Durch unsere Sinneswahrnehmungen erschließen wir Orte und bilden neue konstruierte Räume. Die vielfach diskutierte sozial-ökologische Transformation ist verbunden mit der Forderung nach räumlichen Veränderungen und nach Veränderungen unserer Wahrnehmung.

Das führt zu der Frage, wer Veränderungen vordenken, anstoßen, begleiten und schließlich umsetzen kann und sollte. Wer hat die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten, welche Machtverhältnisse beeinflussen das Handeln und welche Konflikte können entstehen? Dies waren Kernfragen einer Veranstaltung aus dem Jungen Forum NRW der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

Das gemeinsame Ziel des IdeenLabors „Akteure der Postwachstumsgesellschaft“, das am 29.06.2017 in Dortmund stattfand, war das Kennenlernen möglicher Postwachstumsakteure. Gesammelt wurden deren Utopien und Herausforderungen, um durch Diskussion und anschließende Systematisierung möglichen Kerninhalten einer Postwachstumsplanung näher zu kommen. Die Werkhalle, ein von den Urbanisten e. V. verwalteter und gepflegter Ort für Experimente und gewissermaßen ein Labor für kreatives Denken, bot dazu die optimalen Bedingungen: Co-Worker/innen, Ausstellungsflächen, historische Modelle und ein generationenübergreifendes Publikum an einem gemeinsamen Ort.

Vom Individuum zur Gesellschaft

Ausgangspunkt waren persönliche, spannende Geschichte und individuelle Fragen an eine Postwachstumsgesellschaft, die jede/r mitgebracht hat. Drei Inputstatements regten heterogene Perspektiven und Fragen zum Thema an: Katharina Schrot von der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund berichtete aus dem durch das BMBF geförderten Forschungsprojekt „KoSI-Lab – Kommunale Labore Sozialer Innovationen. Das Projekt erfasst und bündelt das Potential sozial innovativer Gemeinschaften in Dortmund und in Wuppertal. Ihre Frage dabei: Wie kann man gemeinschaftliche Prozesse verschiedener Akteure organisieren, bei denen sich ‚auf Augenhöhe‘ begegnet wird? Kerstin Meyer vom Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen und Jan Bunse von dem Die Urbanisten e. V. in Dortmund sprachen über das BMBF-Forschungsvorhaben „Urbane Produktion“ und die Möglichkeiten und Herausforderung für eine emanzipierte Zivilgesellschaft und die Stadtentwicklung. Sie fragen: Wie können Produkte in Stadtteilen produziert und vermarket werden? Einen dritte Perspektive gab Sebastian Otto vom Stadtplanungsbüro Junker&Kruse aus Dortmund. Er zeigte die Herausforderungen, aber auch kreative Möglichkeiten privater Planungsbüros in der Kommunalberatung und Strategieentwicklung auf und brachte die Frage ein, wie Eigentümer/innen und Träger gerade in peripheren Klein- und Mittelstädten einfacher zusammenfinden könnten und was Planung hierzu beitragen könnte.

World Café-Diskussionen (Foto: Christian Lamker)

Eine kommunale Perspektive konnte leider nicht als Inputstatement ergänzt werden. Die angefragten kommunalen Vertreter/innen konnten aus Zeitgründen oder aufgrund einer bekennenden Wachstumsorientierung der eigenen Kommunen nicht für ein Statement oder als Diskussionsteilnehmer/innen zusagen.

Es bleibt noch viel Grundlagenarbeit zu tun, den Begriff und auch die mit ihm verbundenen positiven Narrative einer gemeinsamen Zukunft greifbar zu machen. Darüber hinaus waren Menschen mit ganz unterschiedlichen Rollen und Positionen in der Stadtgesellschaft in die Diskussionen involviert: Planer/innen, Wissenschaftler/innen, Aktivist/innen, Querdenker/innen, Freiberufler/innen, Freund/innen, Nachbar/innen, Eltern, Studierende, Entwickler/innen, Zweifler/innen, Träumer/innen und Utopist/innen.

Die Inputs und Diskussion sollten den persönlichen Erfahrungsschatz aller Anwesenden zusammenbringen, indem zusätzlich zu den mitgebrachten Fragen die eigene Meinung in drei Schritten kritisch reflektiert wurde.

  1. Wo regt Ihr Euch bei beruflichen oder gesellschaftlichen Aktivitäten über unhinterfragte Wachstumsparadigmen auf?
  2. Mit wem möchtet/werdet ihr das ändern?
  3. Wie kann Planung dabei helfen etwas zu verändern?

Im Anschluss an die Inputstatements hatten alle Anwesenden die Möglichkeit, an drei Tischen in einem World-Café die gesetzten Perspektiven – sozial-innovative Gemeinschaften, urbane Produktion, Stadtentwicklung im Spannungsfeld Stadt-Land – für eine Postwachstumsplanung zu vertiefen und gemeinsam zu überlegen: Was ist Postwachstumsplanung?

Systematisierung der Ergebnisse (Foto: Christian Lamker)

Dabei haben sich zum Ende der Diskussion zentrale Themenbereiche herauskristallisiert, aus denen sich eine Definition zusammensetzen kann und zu denen weitere Arbeit notwendig ist. Wir fassen diese Kernbereiche für die weitere Diskussion in drei Thesen zusammen.

 

 

 

Postwachstumsplanung braucht neue Erfolgskriterien als Handlungsgrundlage!

Eine Verbindung zwischen (neuen) Akteuren der Postwachstumsgesellschaft und räumlicher Planung benötigt alternative Indikatoren, Planungsziele und Erfolgsbewertungen: Bedürfnisse, Glück und Zufriedenheit bieten alternative Zugänge und sind nachweislich nicht ausschließlich von ökonomischen Faktoren und ökonomischem Wachstum abhängig, wenn Grundbedürfnisse erfüllt und ein gewisses Niveau der Wirtschaftsleistung bzw. des verfügbaren Einkommens erreicht ist (z. B. Happy Planet Index). Regelmäßig landen nach klassischen Indikatoren benachteiligte Gegenden und Länder weit oben in alternativen Indizes. Menschen brauchen eine Grundlage für ihr Leben – aber immer mehr davon bringt nicht auch mehr Glück und Zufriedenheit. Für eine Postwachstumsplanung benötigen wir eine andere Grundlage, um eine Verbesserung der Lebensbedingungen, Gleichwertigkeit und letztlich Erfolg von Interventionen erkennen zu können. Gegenwärtig forscht hier bspw. das Wuppertal Institut zum Thema (www.gluecklich-in-wuppertal.de), aber auch in Städten wie Santa Monica wird das Wohlbefinden in das Zentrum der Stadtentwicklung gerückt (www.wellbeing.smgov.net).

Postwachstumsplanung bedeutet inklusive demokratische Entscheidungen!

Neben den Inhalten und Erfolgskriterien rücken Modi der Entscheidungsfindung in den Mittelpunkt: erstens mutige Planungs- und Bodenpolitik, die die Eigentumsfrage stellt und sich hoheitlicher Instrumente und Eingriffe bedient, um knappe Ressourcen gerecht zu verteilen. Und zweitens non-konforme Nutzungen, die auch marginalisierten/neuen Aktueren Angebote bieten und damit gedankliche und reale Räume zum Umdenken schaffen. Es geht um demokratische Organisationsformen für eine polyrationale, polyzentrale, multi-level Governance einer inklusiven Gesellschaft, in der alle Teil von Planungsprozessen – und damit letztlich Planer/innen – sein können. Positive Geschichten können die diskursive Freiräume dazu schaffen und sprachliche, kulturelle und mentale Grenzen überwinden.

Postwachstumsplanung stößt große Veränderungen durch kleinteilige Veränderungen an!

Die Zeit, große Veränderungen vor allem durch große Pläne und detaillierte Konzepte zu denken, ist mit den Anforderungen einer Postwachstumsgesellschaft endgültig beendet, da es nicht darum gehen kann, von einem Standpunkt aus den Raum zu planen und zu gestalten. Wenn alle gemeinsam denken, planen und handeln, braucht eine Postwachstumsplanung kein umfassendes Gesamtkonzept, sondern muss die richtigen Hebel finden und Steine ins Rollen bringen, die hin zu den gewünschten Veränderungen führen. Soziale Innovationen, die Räume des sozialen Zusammenhaltes und der lokalen Verantwortung durch Experimente und Interventionen fördern und eine Gesellschaft, die den Mut zum Scheitern mitbringt, sind dafür Voraussetzungen.

Die #postwachstumsplanung dreht sich also um Räume, benötigt neue Denkweisen, hinterfragt individuelles Eigentum, stellt sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt, bewegt sich zwischen Zwang und zwangfreier Planung und braucht alternative Kriterien für Erfolg... Sie kann große Veränderungen mit sich bringen, sucht aber gerade nach kleinen Ansatzpunkten und Veränderungen, die aktivieren und ermutigen.

Unser Fazit: Eine simple universelle Lösung ist in weiter Ferne, jedoch bringen bereits viele kleine Initiativen das Wachstumsschiff vom Kurs ab und fordern neue Denkmuster bei allen Akteuren heraus. Postwachstumsplanung bezieht sich gemeinsam und gleichzeitig auf viele unterschiedliche, sowie mitunter zunächst ungewöhnliche Denkweisen und verbindet sie direkt mit praktischem Handeln. Die Diskussion wird am 21. September 2017 in Wuppertal fortgesetzt. Informationen und Anmeldung unter www.postwachstumsplanung.de. Wir bleiben dran an der #postwachstumsplanung – mit Ihnen allen!

 

Beitragsbild: © Christian Lamker

 

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von

Viola Schulze Dieckhoff ist Raumplanerin und arbeitet aktuell am Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie der TU Dortmund. Auf beruflichen Stationen in Berlin und Erfurt, Forschungsreisen nach Italien, Schweden und Australien sowie durch das Mitbegründen der Freiraumgalerie in Halle/Saale sammelte sie Fragen und Eindrücke, die sich insbesondere mit raumbezogenen Allmendegütern und dem Potenzial und Grenzen von Selbstorganisation für eine nachhaltige Stadtentwicklung auseinandersetzen. // Dr. Christian Lamker ist Raumplaner und seit 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund tätig. In Dortmund, Auckland und Melbourne hat er studiert und gearbeitet. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Planungstheorie, Planungsprozesse und -verfahren, Raumordnung und der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Er ist aktiv in der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) als Mitglied des Lenkungskreises, Sprecher der Regionalgruppe NRW und Mitglied der NRW-Arbeitsgruppe Postwachstumsgesellschaft.

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