Neues aus der Wissenschaft

Absolute oder relative Entkoppelung? – Eine obsolete Debatte!

Kommentare 4

Spätestens seit dem Erscheinen des Bestsellers „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) bewegt eine Frage die Umweltdebatte ganz besonders: ist eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch möglich? Und in allen Zyklen öffentlicher Diskussionen über die „Wachstumsgrenzen“ unseres Wirtschaftens – zum Auftakt der Umweltbewegung in den 1970er Jahren, wiederkehrend Anfang der 1990er Jahre, in den Debatten seit der Wirtschaftskrise 2009 und jüngst zum Erscheinen des Abschlussberichts der Enquete Kommission – wird heiß über diese „Gretchenfrage des Kapitalismus“ gestritten. Allein: ist die Frage heute noch die richtige? Wie es scheint, haben wir den Raubbau unseres Planeten derart weit vorangetrieben, dass selbst eine absolute Entkoppelung nicht mehr ausreicht.

Relative Entkopplung

Zunächst ist es wichtig, die begriffliche Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Entkoppelung zu verstehen. Unter relativer Entkoppelung wird verstanden, dass sowohl BIP als auch Naturverbrauch – das heißt der Ge- und Verbrauch von Energie, Ressourcen, Fläche sowie der Verschleiß von Senkenkapazitäten wie etwa der „klimaverträglichen Aufnahmefähigkeit“ von Kohlendioxid in der Atmosphäre – weiter anwachsen, aber der Naturverbrauch immerhin langsamer anwächst als das BIP. In Deutschland und anderen Industrieländern kann für etliche Bereiche, etwa für den Energieverbrauch oder die CO2-Emissionen, bereits seit etlichen Jahren eine relative Entkoppelung beobachtet werden. Doch das reicht längst nicht aus, da ein absolutes Absinken an Energie- und Ressourcenverbrauch erforderlich ist. Eine relative Entkoppelung für Industrieländer ist heute gar keine Option mehr. Höchstens für die ärmsten Länder des globalen Südens, denen man einen gewissen Zuwachs von materiellem Wohlstand zusprechen möchte, ist die relative Entkoppelung von BIP und Ressourcenverbrauch weiterhin ein sinnvolles Ziel.

Absolute Entkopplung

Unter absoluter Entkoppelung wird verstanden, dass das BIP weiter anwächst, während der Energie- und Ressourcenverbrauch zugleich in absoluten Zahlen zurückgeht. Wer immer noch auf weiteres Wirtschaftswachstum setzt und globale Nachhaltigkeit ernst nimmt, muss daher wenigstens für eine absolute Entkoppelung plädieren. Doch ist dann noch die Zeitschiene von Bedeutung: wie schnell bzw. stark wird der Ressourcenverbrauch entkoppelt? Denn da die Tragfähigkeit der Biosphäre in etlichen Bereichen bis heute bereits deutlich überschritten wurde, ist etwa beim Kohlendioxid, dem Fischfang oder der Zerstörung artenreicher Ökosysteme nicht nur ein langsames sondern ein äußerst rasches Absinken des Naturverbrauchs erforderlich. So wäre es leider gar nicht nachhaltig, wenn in Deutschland das BIP weiterhin um ca. 2% pro Jahr anwächst und die CO2-Emissionen um ungefähr 2% pro Jahr zurückgehen – obwohl dies einer absoluten Entkoppelung entspräche und im Vergleich zum Status quo der letzten Jahre eine große Verbesserung wäre. Doch eine „einfache“ absolute Entkoppelung reicht heute nicht mehr aus. Stattdessen fordern wissenschaftliche Studien (vgl. WBGU 2011), dass eine „hinreichend starke“ absolute Entkoppelung erzielt werden muss, damit die Emissionen in Deutschland um mindestens 9% pro Jahr zurückgehen. Andernfalls kann die notwendige Reduktion der Emissionen um 80-90% in den Industrieländern bzw. 60-80% global bis zum Jahr 2050 nicht erzielt werden.

Allein, eine solche hinreichend starke Entkoppelung wird durch Rebound Effekte vereitelt. Denn auch bei einer „Effizienzrevolution“, die den Einsatz von Energie und Materialien um den Faktor 10 oder mehr pro Wertschöpfungseinheit absinken lässt, wird der Naturverbrauch nicht im selben Ausmaß absinken, solange weiteres Wirtschaftswachstum stattfindet. Hier beißt sich der Hund in den eigenen Schwanz: je stärker die Effizienz einer Wirtschaft zunimmt, desto stärker werden Wirtschaft und Nachfrage wachsen. Denn während Effizienzzuwächse – sprich der immer sparsamere Einsatz von Energie und Materialien – einerseits sehr wünschenswert sind, lösen sie andererseits unerwünschte Nebenfolgen aus, da sie das Wachstum anfeuern.

Im zweiten Teil dieses Beitrags wird aufgezeigt, inwiefern die Rebound Effekte eine hinreichende Entkopplung vereiteln.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someonePrint this page

von

Tilman Santarius forscht und publiziert zu den Themen Klimapolitik, Handelspolitik, nachhaltiges Wirtschaften und globale Gerechtigkeit. Seit 2016 leitet er eine Nachwuchs-Forschungsgruppe zum Thema “Digitalisierung und Nachhaltigkeit” an der Technischen Universität Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Seit 2007 ist Tilman zudem Vorstandsmitglied bei der umwelt- und entwicklungspolitischen NGO Germanwatch. Er ist Mitautor mehrerer Bücher und hat zahlreiche Artikel zu internationaler Klimapolitik, Handelspolitik, Globalisierung und Gerechtigkeit veröffentlicht (mehr unter: www.santarius.de).

4 Kommentare

  1. Pingback: Der Rebound-Effekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz. : Tilman Santarius

  2. Pingback: Blog – Postwachstum

  3. Pingback: Blog – Postwachstum

  4. Pingback: Befreiung vom Überfluss des Bauens | Blog Postwachstum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *